Marie ist jetzt 3 Monate alt. Ihr Gesicht kennt so viele unterschiedliche Gesten, Ausdrucksformen, Grimassen, … Für mich ein Wunder, diese unendliche Vielzahl von Maries Gesichtern zu erleben.

Im Gegensatz dazu wirkt mein Gesicht steif und eingerostet. Meine Mimik beschränkt auf eine überschaubare Anzahl von Ausdrücken, die Anzahl meiner Gesichter minimal. Dann bin ich in die Stadt, beobachtete die Menschen. Wie viele Gesichter haben andere Menschen?

Andere Menschen erlebe ich genau so. Viele Gesichter sind starr und steif, gleichen einer Statue. Wer sein Gesicht zuerst verändert – hat verloren, so scheint mir mancher durch die Welt zu gehen. Sein Gesicht zu verändern, könnte Emotionen, Gefühle zum Ausdruck bringen. Wir laufen wie Halbtote durch die Stadt.

Verloren, abgegeben haben wir unsere Gesichter in der Schule, beim ›still‹ sitzen, keine Grimassen machen, ›ernst‹ schauen, ›interessiert‹ sein. In der Arbeit ist es nicht besser. Dort sollen wir ›wichtig‹ schauen, ›kompetent‹ wirken. Nach Feierabend dürfen wir ›fern‹ schauen, auch mit unserem Standard-Gesicht. Doch mit Alkohol dürfen wir sogar ›fröhlich‹ schauen. Jemand, der ohne Alkohol ein fröhliches Gesicht zeigt, muss einen eindeutigen, nachvollziehbaren und wichtigen Grund haben.

Warum zeigen wir unsere Gesichter nicht? Warum holst du deine verschiedenartigen Gesichter nicht einfach wieder hervor, sie sind noch immer ein Teil von dir!

Gustav Klimt - Allegorie des Theaters, um 1895, Tuschfeder 39x36 cm
Gustav Klimt, Allegorie des Theaters

Rainer Maria Rilke kann dies sehr viel schöner schreiben:

»Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge Kapitel 5

Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen „-“ ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.
Daß es mir zum Beispiel niemals zum Bewußtsein gekommen ist, wieviel Gesichter es giebt. Es giebt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den andern? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es kommt auch vor, daß ihre Hunde damit ausgehen. Weshalb auch nicht? Gesicht ist Gesicht.
Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach dem andern, und tragen sie ab. Es scheint ihnen zuerst, sie hätten für immer, aber sie sind kaum vierzig; da ist schon das letzte. Das hat natürlich seine Tragik. Sie sind nicht gewohnt, Gesichter zu schonen, ihr letztes ist in acht Tagen durch, hat Löcher, ist an vielen Stellen dünn wie Papier, und da kommt dann nach und nach die Unterlage heraus, das Nichtgesicht, und sie gehen damit herum.
Aber die Frau, die Frau: sie war ganz in sich hineingefallen, vornüber in ihre Hände. Es war an der Ecke rue Notre-Dame-des-Champs. Ich fing an, leise zu gehen, sowie ich sie gesehen hatte. Wenn arme Leute nachdenken, soll man sie nicht stören. Vielleicht fällt es ihnen doch ein.
Die Straße war zu leer, ihre Leere langweilte sich und zog mir den Schritt unter den Füßen weg und klappte mit ihm herum, drüben und da, wie mit einem Holzschuh. Die Frau erschrak und hob sich aus sich ab, zu schnell, zu heftig, so daß das Gesicht in den zwei Händen blieb. Ich konnte es darin liegen sehen, seine hohle Form. Es kostete mich unbeschreibliche Anstrengung, bei diesen Händen zu bleiben und nicht zu schauen, was sich aus ihnen abgerissen hatte. Mir graute, ein Gesicht von innen zu sehen, aber ich fürchtete mich doch noch viel mehr vor dem bloßen wunden Kopf ohne Gesicht.«

Rainer Marie Rilke