In unserer Gesellschaft gibt es zwei Entwicklungen, die Hand in Hand gehen. Die erste ist die Aussage: „Ich habe keine Zeit!“ Die zweite Aussage ist: „Bei mir ist es gerade stressig!“ Diese Aussagen sind Bruder und Schwester, zwei Seiten einer Medallie. Sie zeugen von der großen Krankheit in unserer Kultur.

Die Illusion von der knappen Zeit

Bei meinen Begegnungen erzählen mir viele Menschen, wie wenig Zeit sie haben. Wie viel es zu tun gibt und das die Zeit vorne und hinten nicht reicht. Sie erzählen mir, dass die Zeit sich immer schneller dreht.

Mir kommt es vor wie eine kollektive Illusion oder eine Massen-Sugestion. Es gibt keine knappe Zeit. Das hat zwei Gründe:

  1. Nichts auf der Welt ist so gleich verteilt wie die Zeit. Jeder Mensch hat jeden Tag aufs Neue 24 Stunden oder 1.440 Minuten oder 86.400 Sekunden. Jeden Tag bekommt jeder Mensch dies vom Leben geschenkt. Deshalb ist Zeit nicht knapp, sondern jeden Tag für alle Menschen in gleichem Umfang vorhanden.
  2. Keine Zeit zu haben ist eine Ausrede. Jeder Mensch hat jeden Tag Zeit (siehe Nr. 1). Ehrlicher wäre es zu sagen: „Ich habe viele Prioritäten, so dass ich nicht alle bedienen kann.“ Noch ehrlicher wäre: „Ich nehme mir am Tag zu viel vor, so dass ich mein Versagen bereits mit plane!“ Am ehrlichsten wäre es zu sagen: „Um den Ansprüchen an mich gerecht zu werden, den Ansprüchen, die ich selbst und die (so glaube ich) meine Umwelt an mich hat, nehme ich mir zu viel vor. Wohl wissend, dass es nicht möglich ist, aber damit spiele ich das große Spiel mit und kann mich später darüber auslassen, dass ich keine Zeit habe. Alle spielen so!“

Oder um es mit Eckart Tolle zu sagen:

»Zeit ist überhaupt nicht kostbar, denn sie ist eine Illusion. Was dir so kostbar erscheint, ist nicht die Zeit, sondern der einzige Punkt, der außerhalb der Zeit liegt: das Jetzt. Das allerdings ist kostbar. Je mehr du dich auf die Zeit konzentrierst, auf Vergangenheit und Zukunft, desto mehr verpasst du das Jetzt, das Kostbarste, was es gibt.«

Eckart Tolle

Kein Zeit gibt es nicht

Wenn du zu jemanden sagst: „Dafür habe ich keine Zeit.“ oder „Wenn ich mehr Zeit hätte, dann …“ – so ist dies eine Lüge. Du hättest die Zeit, du möchtest sie nur nicht für diese Sache geben. Du hast andere Prioritäten. Es wäre deshalb ehrlicher zu sagen: „Du, ich habe andere Dinge, die ich tun möchte. Bitte suche Dir eine andere Unterstützen!“

Aber das tun wir nicht, weil wir glauben, den anderen damit zu verletzen. Im gleichen Atemzug lügen wir ihn an, machen ihm etwas vor, täuschen ihn. Und damit glauben wir ihn nicht zu verletzen? Es ist ein schreckliches Schauspiel, ohne wirkliche Begegnung, ohne Chance zu innerem Wachstum.

Du hechelst deinem Leben hinterher?

Doch statt zu reduzieren, uns von den Erwartungen anderer wirklich zu befreien, verfallen wir in eine weitere Illusion. Die Selbstoptimierung,

Wir glauben, dass wir das, was wir tun, einfach nur noch besser, noch schneller tun müssten, um wieder mehr Zeit zu haben. Wir optimieren uns selbst, um unseren eigenen Leben gerecht zu werden, um unserer Lebensgeschwindigkeit hinterher zu hecheln.

Du kennst Beiträge wie:

  • 7 Tipps für ein erfolgreicheres Leben
  • 5 Wege zu mehr Geld
  • 3 Dinge, die jeder vor dem 30. Lebensjahr getan haben muss

Wir halten uns selbst die Karotte vor die Nase, die wir niemals erreichen werden. Wir investieren Geld und weitere Lebens-Zeit darin, besser zu werden. Um dann wieder Geld und Lebens-Zeit zu investieren, um noch noch besser zu werden. Ein Hamsterrad – ohne Ausstieg!

Du kennst doch das Motto eines Baumarktes, es drückt es so deutlich aus:

»Es gibt immer was zu tun!«

Hornbach-Motto

Du bist deine Dauerbaustelle

Dein ständiges optimieren macht dich zur Dauerbaustelle. Niemals ruhen, niemals stehen bleiben, immer dazulernen, besser werden, schneller werden, mehr wissen, mehr können, mehr erreichen. Ohne Aussicht auf ein Ende rennst du dir selbst hinterher – dein Leben lang! Es ist dein fundamentaler Terror deines eigenen Lebens.

Dieser Terror wird dich krank machen. Früher oder später kommt die Depression, der Burn-out, der Herz-Infarkt, der Krebs. Es sind Zeichen deines Leibes, dass es so nicht weitergehen kann. Doch hörst du sie?

Das Gute an der Dauerbaustelle ist, dass du damit nie zur Ruhe kommen kannst. Und Ruhe macht vielen Menschen Angst. Die wirkliche Beschäftigung mit sich selbst, mit seinem Dasein, seinem Sein, seinem Wesen – dem gehen viele aus dem Weg. Sie meiden es durch zahlreiche Tricks und Winkelzüge.

Obwohl du dich selbst dein Leben lang reparierst, hast du in Wirklichkeit keine Verbindung zu dir selbst. Du bist zwar über dein Smartphone mit der Welt verbunden, dein Verstand ist 24-h aktiv und dominant, doch den Draht zu deiner Seele, zu deinem Wesen hast du verloren.

Dein Verstand ist dein Meister

Alan Watts beschreibt so treffend, was im Verstand passiert, wenn er der Meister deines Daseins ist.

The Mind – Alan Watts

Dein Verstand verstellt dir den Weg zu deiner Seele, zu deinem Wesen. Er plappert die ganze Zeit, dass du die leiseren Stimmen der Seele, deines Wesens nicht mehr hörst. Die Stimme deines Verstandes wird zur Stimme deines Meisters. Besser wäre es, wenn dein Verstand nicht dein Meister wäre, sondern er dein Diener.

Doch dazu mehr in einem anderen Beitrag. Falls du nicht warten kannst, empfehle ich dir Alan Watts, Jiddu Krishnamurti oder Karlfried Graf Dürckheim.

Übernimm die Verantwortung für deine Zeit

Beim Thema Zeit sagen (oder denken es): „Über meine Zeit kann ich nur begrenzt bestimmen!“ Eine Selbst-Lüge und eine weitere Illusion. Kein Mensch kann über deine Zeit bestimmen. Dies kannst nur du.

Was du getan hast, du hast die Verantwortung für deine Zeit anderen Menschen, Organisationen, der Kultur oder anderen Dingen gegeben.

Das fängt mit der Einteilung der Zeit an. Wer entscheidet darüber, dass das Jahr 365 Tage hat? Wer entscheidet über die 12 Monate oder die 30/31 Tage im Monat. Dies entscheiden Menschen. Und es gab unzählige andere Zeitsysteme. Passen diese Zeitsysteme für dich? Hast mal darüber nachgedacht, ob andere Zeitsysteme besser für dich wären?

»All of the great festivals of the Pagan religions, whenever found, correspond to natural cycles of Nature (animal mating, seasons, planting and harvesting) or the cycles of the Sun (Solstices and Equinoxes). Most remain today in the more or less disguised form of: Christmas (Yule), Easter (Spring Equinox), May Day (Beltaine), Thanksgiving (Harvest Home), Halloween (Samhain), Valentine’s Day (Candlemas), St. John’s Day (Midsummer), Loaf Mass Day (Lammas).

These comprise a total of 8 major festivals. The Christian Church renamed these festivals because of its intolerance for ‚competition‘ and its need to establish holidays of its own.«

Unbekannt

Nimm das Beispiel des Schlafens. Das es eine Tag-Zeit zum Arbeiten und eine Nacht-Zeit zum Schlafen gibt, ist nicht natürlich, sondern Menschen-gemacht. Früher gab es diese strikte Trennung nicht. Wach- und Schlafphasen wechselten sich ab, Muße und Tätigkeit-Sein als Wechselspiel. Kurze Schlafphasen am Tag, Wachphasen in der Nacht.

Doch solche Freiheiten vertragen sich nicht mit dem Kapitalismus. In einer 8-Stunden Schicht darf keiner schlafen …

Eine ganze Insel in Norwegen will die Uhrzeit ganz abschaffen. Sie empfinden die Zeit als eine zwanghafte Vorgabe, die für ihr Leben nicht passt. Hier die ganze Geschichte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Denke einmal darüber nach, wie deine innere Zeitstruktur aussieht!

Höre auf deine Zeit zu verschwenden

Es gibt Worte, die gehen sofort in eine Resonanz, sie treffen mich. Sie berühren mich. Sie verführen mich. Ricardo Gondim hat solche Worte geschrieben. Gerne möchte ich sie hier mit euch teilen.

»Ich zählte meine Jahre und entdeckte,
dass mir weniger Lebenszeit bleibt,
als die, die ich bereits durchlebt habe.

Ich fühle mich wie jenes Kind,
das eine Schachtel Bonbons gewann:
die ersten aß es mit Vergnügen,
doch als es merkte, dass nur noch wenige übrig waren,
begann es, sie wirklich zu genießen.

Ich habe keine Zeit mehr für endlose Konferenzen,
in denen Statuten, Regeln, Verfahren
und interne Vorschriften besprochen werden,
wohl wissend, dass nichts erreicht wird.

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen,
die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.

Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.

Ich will nicht in Versammlungen,
in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.

Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.

Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen,
um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.

Die Menschen, die keine Inhalte diskutieren,
sondern, wenn’s hochkommt, die Überschriften. ​
Meine Zeit ist zu knapp, um über Überschriften zu diskutieren.

Ich suche nach dem Wesentlichen,
denn meine Seele hat es eilig.
Ohne viele Süssigkeiten in der Schachtel.

Ich möchte mit Menschen leben,
mit menschlichen Menschen.
Die über ihre Irrtümer lachen können,
die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden.

Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen
und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen.

Die die menschliche Würde verteidigen
und die nur an der Seite von Wahrheit und Anstand gehen möchten.

Das ist es, wofür es sich zu leben lohnt.

Ich möchte mich mit Menschen umgeben,
die sich darauf verstehen,
das Herz der Menschen zu berühren.
Menschen, die die harten Schläge des Lebens lehrten,
in sanften Berührungen der Seele zu wachsen.

Ja … ich habe es eilig … in der Intensität zu leben,
die nur die Reife geben kann.

Ich versuche, keine der Süßigkeiten,
die mir noch bleiben, zu verschwenden.

Ich bin mir sicher, dass sie noch köstlicher sein werden,
als die, die ich bereits gegessen habe.
Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen,
in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.

Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt,
wenn du erkennst, dass du nur eins hast.«

Ricardo Gondim

Höre auf deine Lebens-Zeit zu verschwenden!

Abschlussfrage

Was ist dir im Leben wirklich wichtig, was will durch dich in die Welt?