Werkzeuge kennst du aus dem Baumarkt. Das sind Gegenstände, die dir bei Veränderung deiner Umwelt helfen. Ein Hammer, um einen Nagel in die Wand zu schlagen, damit du ein Bild aufhängen kannst. Eine Axt, um Holz zu spalten. Menschen haben auf den ersten Blick nichts mit Werkzeugen zu tun. Menschen sind lebendig, sie haben Gefühle und Bedürfnisse. Alles Eigenschaften, die wir einem Hammer und einer Axt nicht zusprechen. Ein Werkzeug dient einem klaren Zweck, wie es dem Werkzeug dabei geht, interessiert nicht.

Dinge, Menschen und die Erde als Werkzeuge

›Dinge‹ für einen definierten Zweck einzusetzen, ohne sich für die Auswirkungen auf das Ding zu interessieren und sie nur zu gebrauchen, wenn sie uns einen Nutzen stiften, klingt nach Werkzeug.

Es öffnet die Türe zu einer erweiterten Sichtweise, wenn wir im letzten Satz das Wort ›Dinge‹ durch Menschen ersetzen. Behandeln wir Menschen, Mitmenschen auch so? Behandeln wir Menschen danach, ob sie uns einen Nutzen stiften? Welche Rolle spielt es für uns, welche Auswirkungen unser Tun auf andere Menschen hat?

Eine weitere Türe öffnet sich. Interessieren wir uns, welche Auswirkungen unser handeln für die Erde hat? Interessieren wir uns nur für die Erde, wenn wir einen Nutzen aus ihr ziehen? Interessieren wir uns wie es dem Ort geht, der aktuell der einzig mögliche Lebensort für die Menschen in dem uns bekannten Universum ist?

Wir pflegen instrumentelle Beziehungen

Diesen Fragen folgend, bekomme ich oft den Eindruck, dass wir Menschen als Werkzeuge betrachten. Wir betrachten die Natur als ein Werkzeug. Kenneth Gergen nennt dies ›instrumentelle Beziehungen‹.

»Instrumentelle Beziehungen: Diese Wertschätzung des Individuums führt zur Abwertung von allem, was nicht zum „Selbst“ gehört. Betrachte ich Sie in der Position des anderen, frage ich mich, „ob Sie mir helfen oder schaden werden.“ Mein Verstand setze ich ein, um mein Wohlbefinden zu sichern, und alles wird nach dem Ergebnis beurteilt. Ich begebe mich somit in eine instrumentelle Position gegenüber anderen: die anderen sind Mittel, die dem Zweck der Erfüllung meiner Wünsche zu dienen haben. In sich haben sie keinen Wert.

Diese Einstellung durchdringt familiäre, freundschaftliche und kollegiale Beziehungen – und führt zu Entfremdung und Misstrauen. Eine Person hat nur einen Wert, solange ich von ihr „profitiere“. Warum soll ich mit jemandem befreundet bleiben, „der nie etwas für mich tut?“ Warum verheiratet bleiben, „wenn meine Bedürfnisse nicht befriedigt werden?“

Die gleiche individualistische Sichtweise ist geradezu ein Synonym für das moderne Geschäftsleben. Im Dienste der Maximierung des Profits kann jeder zu jeder Zeit geopfert werden – einzelne Individuen (im Zuge der Rationalisierung), Regionen („das Unternehmen ist umgezogen“) und sogar ganze Nationen („in China kann billiger produziert werden“). Wenn die Welt instrumentel wird, kann man niemandem mehr vertrauen.«

Kenneth J. Gergen

 

Alle Beteiligten verlieren

Welche Folgen ergeben sich für uns aus instrumentellen Beziehungen? Beide Seiten verlieren. Der Täter, der andere Menschen und die Natur als reines Werkzeug benutzt. Das Opfer verliert, weil es solange ausgenutzt wird, bis es seinen Nutzen nicht mehr erbringen kann.

Der Täter entwürdigt sich

Der Täter erkennt früher oder später, dass auch er für andere nur ein Werkzeug darstellt. Durch die Entwürdigung von anderen, entwürdigt er sich selbst. Da er selbst seine Mitmenschen nach Nutzen bewertet und auswählt, erwartet er selbst, dass er seinen Nutzen für seine Mitmenschen erbringen ›muss‹. Er reduziert sich auf seinen Nutzen. Er entmenschlicht sich selbst und verwandelt sich in eine Nutzungserzielungsmaschine. Die Frage: Stimmen meine Nutzen-Bilanzen noch, oder bin ich irgendwo zu stark im Plus, im Minus?

Das Opfer fühlt sich leer

Das Opfer verliert, weil er in seiner Ganzheit nicht wahrgenommen wird. Er spürt, dass nur ein bestimmter Teil von ihm erwünscht ist. Dies hindert ihn an seiner Entfaltung, seiner Mensch-Werdung. Selbst den Nutzen, den er stiftet, füllt seine Beziehungssehnsucht nicht. Begegnungen mit anderen fühlen sich leer an.

Wenn die Erde verliert, verlieren wir Menschen. Wir nutzen die Erde aus, wir holen uns, was wir bekommen können. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wir übersehen, dass die Erde uns zum Leben nicht braucht – doch wir, die Menschen, brauchen genau diese Erde (diese Temperatur, diese Sauerstoffkonzentration, …) zum Leben.

Jedes Werkzeug verändert mich

Die Benutzung von Werkzeugen, unabhängig ob Dinge, Mensch oder Erde verändert die Beteiligten. Ein Werkzeug ist nicht neutral. Es führt zu Erfahrungen in der Welt, es führt zu Erkenntnissen. Dadurch konstruieren die Beteiligten ihre Wirklichkeit, sie konstruieren ihren Platz in dieser Wirklichkeit. Werkzeug und sein Benutzer sind unabdingbar miteinander verbunden. Werkzeuge formen nach und nach die Wahrnehmung, die Erklärungen und die Bewertungen seines Benutzers. Illich spricht davon, dass es den Verstand lenkt.

»Werkzeug wohnt der sozialen Beziehung wesentlich inne. Jedes mal wenn ich als Mensch handle, mache ich von Werkzeugen Gebrauch. Je nachdem, ob ich es beherrsche oder ob es mich beherrscht, bindet mich das Werkzeug an den Sozialkörper oder verbindet mit mit diesem. Insoweit ich das Werkzeug beherrsche, erfülle ich die Welt mit Sinn; insofern das Werkzeug mich beherrscht, prägt mich seine Struktur und zwingt mir meine Vorstellung von mir selber auf.

Das konviviale Werkzeug ist jenes, das mir den größten Spielraum und die größte Macht verleiht, die Welt nach meiner Absicht zu verändern. Das industrielle Werkzeug verweigert mir diese Macht; mehr noch, durch dieses bestimmt ein anderer als ich meinen Bedarf, engt er meine Kontrollmöglichkeiten ein und lenkt sogar meinen Verstand.«

Ivan Illich, Selbstbegrenzungen

 

Die Alternative

Gibt es einen anderen Weg in Beziehung zu seinen Mitmenschen, zur Erde zu treten?

Diese Worte sind ein Wegweiser auf diesen Weg (herzlichen Dank an Nicole für diese Worte).

Gelassenheit erzeugen durch
… lieben, ohne einzuengen,
… wertschätzen, ohne zu bewerten,
… schenken, ohne etwas dafür zu erwarten,
… helfen, ohne verändern zu wollen,
… behandeln, wie du selbst behandelt werden möchtest.

Abschlussfrage

Falls du nicht wie ein Werkzeug behandelt werden möchtest, welchen Grund gibt es für dich andere wie ein Werkzeug zu behandeln?