Zeit verhält sich sonderbar. Mal rennt sie, mal steht sie still. Manchmal verschwindet die Zeit, manchmal betrügt uns die Zeit. Zeit als ein seltsames Ding, einem Lebewesen gleich. Dann die Rationalisten, die Zeit als eine Konstante, 24 Stunden am Tag, definieren. Unterteilt in Stunden, Minuten, Sekunden. Kein Zauber, Tick – Tack – Tick – Tack …

 

Zauberer der Zeit

Wenn sich Zeit in deiner Wahrnehmung verändert, du selbst Kinder auf ihrem Lebensweg begleitest, kennst du vielleicht die Wirkung von Kindern auf Zeit. Kinder sind Zauberer der Zeit. Sie können mit ihren strahlenden Augen die Zeit anhalten, der Augenblick erscheint unendlich. Alles Leben strahlt in diesem Augenblick, so viel Energie, Kraft, Lebendigkeit, Freude, Präsenz, es ist unglaublich.

Wenn Kinder schreien, nachts schreien, dehnt sich die Zeit. Jeder Schrei eine Ewigkeit, der nächste Schrei die doppelte Ewigkeit. Geht es Kindern nicht schnell genug, kennen sie kein „warte mal kurz“, sondern nur ein „jetzt und sofort“. Zeit scheint für sie nicht zu existieren. Kinder beherrschen die Zeit, Kinder sind Meister der Zeit.

 

Erwachsene betrachten sich als Opfer der Zeit

Kinder wachsen, werden erzogen, verwandeln sich in Erwachsene. Sie verlieren ihre Fähigkeit, mit der Zeit zu zaubern. Plötzlich beherrscht die Zeit die Kinder. Die Zeit gibt den Takt vor. Es beginnt mit einer unscheinbaren Armbanduhr, die ein Kind tragen „muss“, damit es nicht zu spät kommt. Dann der Stundenplan, die Strafen, wenn es Hausaufgaben-Termine nicht darbietet. Die Gesellschaft erzieht zur Zeit-Disziplin.

 

Für alles gibt es plötzlich eine Zeit

Es gibt eine Zeit zum Schlafen, eine Zeit zum Essen, eine Zeit zum Spielen, eine Zeit zum Üben eines Musikinstruments, eine Zeit zum Lernen, eine Zeit für alles. Vor der Zeit-Disziplinierung gestaltet das Kind seine Zeit nach seinen Bedürfnissen. Während der Anpassungsmassnahmen muss das Kind lernen, dass es seine Bedürfnisse nach der Zeit richten muss. Er verliert den ersten Kontakt zu seinen Bedürfnissen. Es lernt sich unterzuordnen, zu gehorchen, zu funktionieren (jetzt ist Sportstunde, jetzt wird gegessen, jetzt wird nicht gespielt, sondern gelernt).

 

Disziplin und Gehorsam statt Lebendigkeit

Wir vertreiben die Lebendigkeit aus dem Kind und ersetzen es mit Disziplin und Gehorsam. Dann wundern wir uns, dass in unseren Bussen und Bahnen viele Menschen sitzen, die regungslos, bewegungslos, emotionslos ins Leere starren. Sie funktionieren, stehen auf, gehen arbeiten, konsumieren, schauen fern, trinken Alkohol, rauchen. Ihr Leben ist fremdbestimmt.

Gute Manieren als Maske

Mit der Disziplin lernt das Kind auch ›gute Manieren‹. Gute Manieren bedeuten, dass Kinder die Erwartungen anderer Menschen erkennen und beachten müssen. Während ihre eigenen Erwartungen als kindlich, unwichtig und unreif bewertet werden. Zu Beginn sorgen sich Kinder selten um die Erwartungen ihrer Umwelt. Sie schreien, wenn sie schreien möchten, sie lachen, wenn sie lachen möchten, sie haben Hunger, wenn sie Hunger haben …

Sie sagen frei und offen, was sie denken. Kinder fragen andere direkt, sie fragen, was sie interessiert. Sie fragen die Tante, warum sie nicht verheiratet ist. Sie fragen den Onkel, warum er keine Arbeit findet. Sie fragen den Opa, warum er drei Autos braucht. Sie fragen den Nachbarn, warum er so viel Müll produziert. Sie fragen die Mama, warum sie Essen in den Müll wirft, wo doch andere Kinder verhungern.

 

Fragen werden bewertet und Interesse vernichtet

Ihre Fragen sind voller Interesse und Lebendigkeit. Sie brennen darauf, Fragen zu stellen. Wir bringen ihnen bei, dass es gute und schlechte Fragen gibt. Das „man“ manche Fragen nicht stellt. Dann hören Kinder auf, Fragen zu stellen. Sie hören auf Interesse zu zeigen, verlieren von ihrer Lebendigkeit. Sie besitzen nun gute Manieren.

 

Normierung bis sie ihre Träume begraben

Kinder sprühen vor Kreativität, vor Fantasie, sie können noch träumen. Erschaffen sich Welten voller Schönheit, ein Tisch wird zu Höhle, ein Stuhl zum Thron, eine Gabel zum Zauberstab, ein Handtuch zur Schleppe. Sie malen Menschen, Bäume in ihrer ganz persönlichen Art und Weise, individuell und nicht kopierbar. Bis wir ihnen klar machen, wie ein Baum auszusehen hat, das ein Handtuch kein Spielzeug ist, was Wirklichkeit ist und das Träumen zu nichts führt und nichts bringt. Wir töten Kreativität, vertreiben die Fantasie aus ihren Köpfen und begraben ihre Träume mit beiden Händen.

Drogen als Ersatz

Zeitlich eingetaktet, gedrillt auf gute Manieren, ihre eigenen Bedürfnisse verdrängt, ihre Träume vergraben – so beginnen Kinder am Ende der Kindheit mit dem ›Ernst des Lebens‹. Spaß haben sie an Fasching, mit Alkohol oder Abends auf einer Party. Spontanes Lachen wirkt unkontrolliert, kindlich und unpassend.

Kinder kommen voller Lebendigkeit, voller Freude, voller Neugier, sie strahlen, sie bringen andere Menschen zu strahlen, sie wirken durch ihre Präsenz. Warum unterstützen wir sie nicht, dies zu bewahren?

 

Zum Abschluss – Geplatzte Träume

»Ich wollte Milch und bekam nur die Flasche,
ich wollte Nähe und schlief in der Wiege,
ich wollte Liebe und sie ließen mich schreien.

Ich wollte spielen und kam in die Kita,
ich wollte Freiheit und sie setzten Grenzen,
ich wollte schimpfen und sie sagten: Nein!

Ich wollte lernen und musste zur Schule,
ich wollte Bindung und wurde gelobt,
ich wollte leben und sie mich schön selbstlos.

Ich wollte Frieden und sie zogen mich ein,
ich wollte Wahrheit und hörte nur Lügen,
ich wollte weinen und sie spendeten Trost.

Ich war kreativ und schrieb nur Berichte,
ich hatte Motive und bekam Motivierung,
ich wollte Vertrauen, empfand Boni als Verrat.

Ich wollte helfen und sie soziale Gesetze,
ich wollte Sicherheit und glaubte lange an Rente,
ich wollte Recht und sie mästeten den Staat.

Ich wollte sparen und sie druckten mehr Geld,
ich wollte Freiheit und bekam Demokratie,
und nun ist mir klar:
Ich wollte das Gute und bin eigentlich ›sie‹.«

 

Abschlussfragen

Wie begleitest du dein Kind? Treibst du deinem Kind die Lebendigkeit aus?