Impotenz, soziale Impotenz, was ist das für ein neues Mode-Wort?

Wollen, aber nicht können; so die umgangssprachliche Umschreibung für Impotenz. Soziale Impotenz könnte somit bedeuten, wir wollen zwar sozial sein, können es aber nicht. Sozial bezieht sich in diesem Kontext auf unsere Gesellschaft, auf weitere Generationen, auf unsere Verantwortung für das was ist.

Viele von uns wissen um die Tatsache, dass unsere Gesellschaft von Wirtschaftswachstum lebt, ja, das unsere Ersatzreligion, unser Ersatzgott der Gott des Wachstums ist. Das wäre auf einem Planeten mit unendlichen Ressourcen sogar theoretisch möglich. Auf unserem Planeten jedoch ist es theoretisch und praktisch nicht umsetzbar. Das wissen wir und ich kennen keinen, der dies bestreiten würde.

Dennoch verhalten wir uns alle so, als ob wir unendlich viele Ressourcen haben. Wenn wir etwas kaufen, so fragen wir nicht, welche Ressourcen wurden dafür verbraucht, für die Rohstoffgewinnung, für den Transport, für die Produktion, für die Bereitstellung – und wie können wir diese Ressourcen nach der Nutzung wieder sinnvoll einsetzen. Wir fragen nach dem Preis.

Wir verändern unser Verhalten nicht, stellen dem Verkäufer wichtige Fragen nicht (z. B. wo kommt die Ware her, wie wurde sie produziert, welche Ressourcen wurden verbraucht, brauche ich diese Ware wirklich, repariere ich das alte Produkt, leihe ich es mir anstatt es zu kaufen, …), weil wir nicht glauben, dass wir etwas ändern können. Weil wir uns selbst die Möglichkeit der Einflussnahme absprechen. Statt dessen geben wir die Verantwortung der Politik, den Managern, anderen Ländern, dem Wettbewerb, der Gesellschaft, dem Markt, …

Ok, sind wir ehrlich. Wir sind zu bequem, wirklich etwas zu verändern. Wir halten an unseren Gewohnheiten fest, solange es möglich ist. Wir sitzen auf der Titanic, sehen dem Untergang zu und denken uns, solange mein Tisch noch gedeckt ist, der Wein noch schmeckt, so lange bleibe ich hier sitzen – und bis das Schiff gesunken ist, bin ich schon tot. Sollen die anderen doch schauen, wie sie nach mir zurecht kommen.

Und wenn ich mal etwas beunruhigt bin, dann schaue ich mich um, siehe da, die anderen sitzen auch noch da, dann kann die Lage nicht so schlimm sein. Und wenn einer mal aufsteht und auf die wirkliche Lage hinweist, so nennen wir ihn einen Pessimisten, der die Lage schlimmer sieht – als wir es hoffen. Einen, der wirklich glaubt ER können den Untergang noch aufhalten.

Kurz gesagt: Wir sind sozial impotent.

Oder wie sagt Harald Welzer (Selbst denken, S. 16-17) dazu:
„Man erklärt sich selbst für so doof und inkompetent, dass man trotz einer guten Ausbildung, eines im Weltmaßstab exorbitanten Einkommens und Lebensstandards, trotz jeder Menge Freizeit, Mobilität und Wahl zu allem und jedem, ’nichts machen‘ kann gegen die weitere Zerstörung der Welt.“ 

Kannst du etwas tun, um die Zerstörung der Welt aufzuhalten – oder bleibst du einfach sitzen und wartest ab bis das Schiff gesunken ist?