Eine Frage, die täglich millionenfach gestellt wird: ›Wie geht es dir?‹ Deren Antwort millionenfach lautet: ›Gut‹. Eine inhaltsleere, beziehungsleere Frage und eine aussagelose, beziehungslose Antwort. Kennen wir keine Begrüßung, die wirkliche Begegnung ermöglicht?

“Gut” (ich kann meinen Beitrag leisten) – die sozial erwünschte Antwort

›Wie geht es Dir?‹, die meist gestellte Frage in Deutschland. Nennen wir es ›sozialer Kit‹ oder ›Kultur‹ oder positiv formuliert eine ›adäquate Begrüßung‹ des Anderen in Deutschland. Im beruflichen Kontext fragen wir auch ›Wie geht es Ihnen?‹, und verbergen darunter die Frage: ›Sind Sie arbeitsfähig, werden Sie heute Ihre Leistung bringen?‹. Und welche Stille tritt ein, wenn ein Mensch auf die Begrüßungsfrage wirklich beantwortet, wenn er sagt, es gehe ihm schlecht …?

»Wir grüßen den uns Begegnenden, indem wir ihm Gutes wünschen oder ihn unsrer Ergebenheit versichern oder ihn Gott anempfehlen. Aber wie mittelbar sind diese abgescheuerten Formeln (was ahnt man noch in »Heil!« von der ursprünglichen Machtverleihung!) gegen den ewig jungen, leiblichen Beziehungsgruß des Kaffern: “Ich sehe Dich!”«

Martin Buber, Ich und Du

Sawubona und Sikhona

Im Südwesen Afrikas, Provinz Natal, begegnen sich die Menschen mit ›Sawubona‹ – ›Ich sehe dich!‹ Der so gesehene antwortet mit ›Sikhona‹ (teilweise ‘ngikhona’ genannt), dies bedeutet ›Weil Du mich siehst, bin ich da‹. Eine Gruppe von Menschen wird dort mit ›Sanibona‹ angesprochen (mehr zu dazu hier).

Sehen geht über das visuelle hinaus. Sehen umfasst, dass ich den Menschen in seiner Ganzheit, so wie er ist, wahrnehme. ›Ich sehe dich‹ ist wertfrei, ist offen, ist eine Einladung mehr von sich zu zeigen. Für mich bedeutet es, den anderen Menschen so anzunehmen, wie er ist.

»Wo aber das Gespräch
sich in seinem Wesen
erfüllt zwischen Partnern,
die sich einander in Wahrheit
zugewandt haben,
sich rückhaltlos äußern
und vom Scheinenwollen frei sind,
vollzieht sich eine denkwürdige,
sonst sich nirgendwo einstellende,
gemeinschaftliche Fruchtbarkeit.

Das Wort ersteht Mal um Mal
substantiell zwischen den
Menschen,
die von der Dynamik eines
elementaren Mitsammenseins
in ihrer Tiefe ergriffen und
erschlossen werden.

Das Zwischenmenschliche
erschließt das sonst
Unerschlossene.«

Martin Buber, Ich und Du

Im Dialog: Masken und Bewertungsmuster

Die Antwort ›Weil du mich siehst, bin ich da‹ drückt aus, dass ich mich als Mensch gesehen fühle. Ich fühle mich als Mensch, mit all meinem Sein gesehen. Ich brauche keine Masken, keine Floskeln, keine Nettigkeiten, keine Rollen.

Wie oft laufen bei Begegnungen im Kopf Bewertungsmuster ab, öffne ich Denk-Schubladen, klassifiziere ich den Anderen? Nach der Klassifizierung (“der ist …”) suche ich die Bestätigung der Gedanken, der Bewertungen – und siehe da, diese Bestätigungen folgen sogleich. Wie kauen bereits »gedachtes« immer und immer wieder.

Alternativ kannst du den Menschen beobachtend wahrnehmen, wertungsfrei, lasse dich auf ihn ein – aber Vorsicht, es wird dich verändern!

»Alles wirkliche im Leben ist Begegnung.«

Martin Buber, Ich und Du

Abschlussfrage

Wie begegnest du deinen Mitmenschen? Wie begegnest du der Welt? Wie begegnest du dir selbst?