Wenn wir öffentlich bekennen, ist das ein schlechtes Zeichen. In den Pausen zu internationalen Fußballspielen kam zuletzt ein kurzer Film zu „Respekt“. Verschiedene Fußballspieler warben für Respekt. Wenn wir für Respekt werben, gibt es davon zu wenig. Wie so vieles beginnt Respekt bei einem Selbst. Wenn jeder sich selbst respektiert, bräuchten wir solche Respekt-Kampagnen nicht. Was Respekt mit Vergleichen, Verantwortung und Einzigartigkeit zu tun hat – und was es bewirkt, erfährst du in diesem Beitrag.

Die schlechte Nachricht zu Beginn. Unsere Wirtschaft lebt davon, dass du dich nicht respektierst. Die Wirtschaft braucht Konsumenten, die unzufrieden sind, die ein persönliches Defizit empfinden, welches sie durch den Kauf eines Produktes oder einer Dienstleistung zu kompensieren versuchen. Die Betonung liegt auf ›versuchen‹, da ein innerlich empfundener Mangel nicht durch (z. B. Schokolade, Schönheits-OPs, Autos, Titel, Karriere, …) ausgeglichen werden kann.

Deshalb schmücken sich die Titelseiten der Zeitschriften mit jungen Frauen, zwischen 18 und 30 Jahren alt. Schlank, schön, sexy, attraktiv – und was die Realität nicht geschafft hat, da hilft Photoshop in 5 Minuten kurz nach. Welche Frau entdeckt – im Vergleich zu diesen Bildern – nicht ihre eigenen ‚Mängel‘ .

Auch bei uns Männern gibt es diese Zeitschriften. Nicht so viele an der Zahl. Dort erfährst du

  • wie du mit nur 10 Minuten täglich aus deinen Bauchmuskeln einen Six-Pack machst,
  • mit welcher Methode du Frauen am schnellsten ins Bett kriegst,
  • welche Kleidung du auf jeden Fall tragen musst, um diese Saison „in“ zu sein,
  • welchen Film du gesehen, welche Musik du hören musst, um auf dem Laufenden zu sein
  • und du erfährst, dass du immer aktiv bleiben musst, weil du sonst alt wirkst.

Solche Zeitschriften sind nicht respektvoll, da sie dich, so wie du bist, nicht akzeptieren. Vielmehr sagen sie dir – ganz leise, immer und immer wieder: „So wie du bist, meine Liebe, mein Lieber, so wird das nichts. Hier erfährst du, was du alles tun und kaufen musst, um etwas aus dir zu machen.“

Höre auf zu vergleichen

Respekt heißt anzuerkennen was ist, wie es ist. Höre auf zu vergleichen. Es darf sein, was ist. Du darfst sein, wie du bist.

William Isaacs schreibt in ‚Dialog als Kunst gemeinsam zu denken‘:

»Zum Respekt gehört auch die Tatsache, dass wir ebenfalls zur Kohärenz unserer Welt gehören. Wir sind keine Beobachter, wir sind Teilnehmer. Wenn wir das akzeptieren, übernehmen wir die Verantwortung für uns. Wir können dann nicht mehr anderen die Schuld am Geschehenen zuweisen; unsere Fingerabdrücke sind überall.«

William Isaacs

Beim ersten Lesen wunderst du dich vielleicht, doch lies es noch mal, spüre in dich hinein, lasse die Worte nachklingen. Es ist ein deutliches Zeichen von mangelndem Respekt dir gegenüber, wenn du andere für deine Handlungen verantwortlich machst (z. B. „ich musste heute länger bleiben, da mein Chef noch etwas wollte“). Indem du anderen die Verantwortung für deine Handlungen gibst, machst du dich klein, kleiner, am kleinsten. Die unbewusste Botschaft lautet: Andere bestimmen über mich.

Respektvoll – vor allem dir gegenüber – wäre gewesen: „Ich komme heute später aus dem Büro, weil es mir wichtig war noch eine Aufgabe für meinen Chef zu erledigen.“ Lese beide Aussagen nochmals hintereinander, wie fühlt sich die erste – wie die zweite Aussage an? Mit der zweiten Aussage übernimmst du die Verantwortung für deine Handlungen, du bist der Steuermann.

Respekt heißt Verantwortung zu übernehmen

Du spielst die Hauptrolle in deinem Leben und entscheidest, wie du spielst.

Neben Vergleichen und Verantwortung ist ein dritter Bereich für Respekt wichtig. Eine kleine Geschichte (aus dem Buch ‚Tuareg‘):

»Die Franzosen behaupteten, Kamele seien dumme, grausame und rachsüchtige Tiere, deren Gehorsam man durch Schreie und Schläge erzwingen müsse (…) Das ganze Jahr über behandelten die Franzosen Kamele gleich, ohne zu begreifen, dass die Tiere in den Monaten der Brunft reizbar und gefährlich werden konnten, besonders wenn die Hitze mit dem Ostwind zunahm. Deshalb wurden die Franzosen in der Wüste nie gute Reiter, und deshalb gelang es ihnen nie, die Tuareg zu beherrschen, sondern sie wurden von diesen in den Jahren der Kämpfe und Fehden immer wieder besiegt, obwohl sie in der Überzahl und besser bewaffnet waren.«

Alberto Vázques-Figueroa

Wenn du anerkannt hast, dass du bist, wie du bist und sein darfst – du die Verantwortung für dich übernimmst, ergibt sich der dritte Bereich. Du erkennst deine Einzigartigkeit, kein anderer Mensch ist wie du. Daraus folgt, dass jeder Mensch einzigartig ist.

Auf die Art und Weise, wie du dich respektierst, wirst du deine Mitmenschen respektieren. Da du nun voller Respekt dir gegenüber bist, kannst du anderen gegenüber respektvoll sein. Du erkennst die erstaunliche Vielfalt des Seins. Jeder darf sein, wie er/sie ist. Manche würden sagen, du erkennst das ›Göttliche‹ im Mitmenschen.

Respekt heißt Einzigartigkeit zu erkennen

Du und jeder Mensch ist einzigartig und jeder darf sein, wie er ist. Jedes Sein ist dem Prinzip unterworfen, dass dort wo die Integrität des Anderen durch meine Identität  gefährdet ist, eine Grenze meines Tuns ist.

Zum Schluss eine kurze Geschichte (aus ‚A different drummer‘):

»Ein Kloster erlebt schwere Zeiten. Der sterbende Orden hatte nur noch fünf Mönche, allesamt über siebzig. Der verzweifelte Abt sprach mit einem Rabbi, der gelegentlich eine Hütte in der Nähe des Klosters besuchte, über sein Problem. Rabbi und Abt beklagten ihr Leben und die überall verbreitete Geistlosigkeit. Als der Abt sich verabschiedete, meinte der Rabbi: „Einen Rat kann ich dir nicht geben. Ich kann dir nur eins sagen: Einer von euch ist der Messias.“ Das sagt der Abt seinen Mönchen. Die begannen, sich zu überlegen, wen der Rabbi wohl gemeint haben könnte. Und das stellte sie vor eine folgenreiche Entscheidung: Die Worte des Rabbis zu ignorieren oder ihm zu glauben, mit anderen Worten: Die Legitimität und Präsenz ihrer Mitbrüder ernst nehmen. Sie sahen einander an und dachten: Ist er es? Oder er? Oder ich? Allmählich behandelten sie sich und die anderen „mit außerordentlichem Respekt“, denn einer von ihnen konnte ja der Messias sein. Diese Veränderung spürten auch die Menschen in der Umgebung des Klosters, und die Besucherzahlen stiegen wieder an. Schon bald stand das Kloster wieder in voller Blüte.«

Scott Peck

Mit das schönste am Respekt ist, er ist bereits ein Teil von dir, er kostet nichts. Du kannst sofort damit beginnen. Respekt ist eine Entscheidung dir und anderen gegenüber.