Die Bedeutung von Pillen in unserer Kultur ist groß. Es gibt viele Krankheiten, die mit Pillen „bekämpft“ werden. Wenn es Pillen gibt, für die wir noch keine Krankheit haben, so gibt es bald eine Krankheit dafür. Die brauchen wir auch, da eine Krankheit ohne Namen sich nicht gut vermarkten lässt. Beispiel: Das Sissi Syndrom. Aber bilde Dir selbst Deine Meinung, hier.

Doch Pillen spielen nicht nur bei den Milliarden-Geschäften der Pharmaindustrie eine große Rolle, sondern auch in unserem Alltag, außerhalb dem Geschäft mit unserer Gesundheit.

Ein schönes Beispiel (beide aus: d’Ansembourg, T., 2011, Endlich ICH sein : wie man mit anderen zusammenleben und gleichzeitig man selbst bleiben kann, Herder, Freiburg; Basel; Wien, S. 128-129) dazu hier:

„Mein kleiner Schatz, Papa muss viel arbeiten und hat heute Abend noch eine Konferenz, er kommt später nach Hause, im Tiefkühlschrank ist eine Pizza. Stell sie fünf Minuten, dann hast du ein feines Abendessen.“

Eine Pille. Der Sohn hört: Ich habe keine Zeit für dich, mein kleiner Schatz. Eine Pille erleichtert unser Gewissen und gibt uns Ruhe. Wir geben diese Pille jemandem, damit es uns gut geht.

Oder:

„Mein kleiner Schatz, ich verstehe, dass du sehr traurig bist, jetzt wollen wir erst mal gut schlafen und morgen geht es uns schon wieder besser.“

Auch ein Pille. An der Oberfläche wird nicht mal gekratzt. Sei still und schlaf jetzt, wäre die übersetzte Aussage.

In beiden Fällen setze ich die Priorität auf mich, der andere soll tun was ich sage. Wir reden in beiden Fällen nicht miteinander, sondern einer redet, der andere soll schlucken.

Wir vermeiden so jeglichen Kontakt zu anderen, und tragischer Weise, im Endeffekt verlieren wir dadurch auch den Kontakt zu uns selbst. Da wir durch dieses Handeln unser Bedürfnis nach Kontakt mit anderen Menschen verhindern.

Dabei geht es in erster Linie nicht um die Erfüllung der Bedürfnisse des anderen, sondern um die Anerkennung des Bedürfnisses des anderen. Dafür hilft es, wenn ich die Priorität in meinem Denken auf den anderen lenke und mich mit seinen Bedürfnissen beschäftige.

Meine Alternative zu oben:

„Mein kleiner Schatz, ich habe heute noch eine Konferenz. Diese beginnt erst um 19 Uhr und so komme ich später nach Hause. Ich weiß, dass ich Dir heute etwas kochen wollte und es tut mir leid, dass ich dies nicht tun kann. Sicherlich hast Du Dich schon auf den gemeinsamen Abend und das gemeinsame Essen gefreut. Da mir diese Konferenz jedoch sehr wichtig ist, möchte ich Dich fragen, ob es für Dich in Ordnung wäre, wenn Du Dir heute Abend eine Tiefkühlpizza machen würdest?“

Wie schreibt Marshall Rosenberg:
Unsere Bedürfnisse müssen eher anerkannt als erfüllt werden.