Das trügerische am Selbstverständnis ist, dass es sich langsam, fast unbemerkt einnistet. Irgendwann hinterfragen wir es nicht mehr, es erscheint ›so‹ klar, dass wir diese Annahmen, unser Selbstverständnis vergessen. Eine kleine Geschichte zum Nachdenken, über sich, über die Arbeit, über unsere Zusammenarbeit:

»Damals, unter Tito, konnte ich meinem Vorgesetzten bei der Arbeit sagen, was ich wollte. Ich hatte schließlich eine Lebensstellung, und daran konnte er nichts ändern. Aber über den Präsidenten des Landes durfte man nie, unter gar keinen Umständen, etwas Negatives sagen. Das brachte nicht nur Nachteile bei der Arbeit, sondern konnte einen ins Gefängnis bringen. Und das passierte auch dauernd. Eine negative Äußerung wurde so aufgefasst, als hätte man den Präsidenten mit einer Pistole bedroht.

Dann kam ich nach Amerika, dem Land der freien Rede und Demokratie, auf der Suche nach einer neuen Chance. Und was habe ich festgestellt? Man konnte über den Präsidenten des Landes sagen, was man wollte, durfte aber um Himmels willen kein negatives Wort über den Chef sagen.

Ist das Redefreiheit? Ist das Demokratie?«

William Isaacs, aus ‚Dialog Als Kunst Gemeinsam Zu Denken‘. 2002. S. 142-143