Eine unscheinbare Situation. Wir zelebrierten eine kleine Tee-Runde bei uns zu Hause. Julius, ein 5 jähriges Kind, malte ein Bild. Als er mir erzählte, was er gemalt hat, fiel dieses seltene Wort. Bis zu diesem Zeitpunkt fiel mir nicht auf, dass ich es dieses Wort lange nicht gehört und benutzt hatte.

Julius

Statt diesem Wort hörte ich oft, sehr oft ‚Kreativität‘, ‚Einfallsreichtum‘, ‚Lösungen‘, ‚Brainstorming‘ und ‚Out-of-the-box‘ (du kannst diese Liste gerne erweitern).

Julius malte zwei Tiere. Einen Drachen und ein Fantasietier. Da fiel das Wort, die ›Fantasie‹. Was für ein Wort! Auf Wikipedia steht: Erscheinung, Vorstellung, Traumgesicht. Oft mit Bildern verknüpft, eine Fähigkeit innere Bilder zu erzeugen. Eine weitere Definition lautet: ‚Kraft, Vermögen, sich aus dem Erfahrungsschatz heraus neue, noch nicht erlebte Vorstellungen zu bilden.‘. Als Tätigkeit formuliert: fantasieren (oder phantasieren).

Da kommt es ans Licht, wir haben die Fantasie und das fantasieren ins negative Eck geschoben. Die Aussage „Jetzt fantasier nicht so rum!“ bedeutet übersetzt: „Höre auf dir unnötige und unsinnige Gedanken zu machen! Sei ein Realist!“. Es geht bei diesen Aussagen in Richtigung Fieberträume, krank sein. In diesem Sinne listet der Duden auch als Synonyme auf: Illusion, Irrealität, Kopfgeburt, Luftschloss, Phantom, Unwirklichkeit, Wahn, Spinnerei.

Welche Erfindungen existierten nicht, wenn es die Spinner, die Illusionisten nicht gäbe? Menschen, die sich abseits der existierenden Realität bewegt haben? Leonardo da Vinci, Einstein, Heisenberg, Tolkien, Hawkin …

Weitere Synonyme des Duden für die Fantasie: Anschauungskraft, Einbildungskraft, Vorstellungsgabe, Einfallsreichtum, Erfindergeist, Erfindungsgabe, Gedankenreichtum, Schöpfertum, Originalität, Spielwitz, Vision, Wunschtraum … Sind nicht das alles Beschreibungen für die Eigenschaften, die wir gemeinsam brauchen, um die aktuelle Situation zu meistern. Sei es in der Gerechtigkeit auf der Welt, für die Umwelt, für unser Miteinander …

Diese Worte enthalten die Kraft, die in der Fantasie steckt. Fantasie ist ein Weg Neues in die Welt zu bringen. Bestehendes zu hinterfragen. Den Gedanken freien Lauf zu lassen. Sich abseits der gesellschaftlichen Erwartungen und Werte gedanklich auszutoben.

Fantasie ermöglicht sich die Welt neu zu erschaffen. Bilder zu entfalten. Fantasie ist eine unerschöpfliche Quelle des Menschen, die einzige Quelle des Menschen, die nie versiegt, solange wir sie nutzen. Vergessen wir die Fantasie, so versiegt die Quelle. Die Quelle trocknet aus. Damit verliert unser Leben an Qualität, im übertragenen Sinne trocknet unser Geist aus. Wir denken in Schubladen, in Kategorien, in bestehenden Bahnen – unser Leben verliert die Farben, die Tiefe und an Bedeutung.

Was macht deine Quelle der Fantasie? Wann hast du zuletzt fantasiert?