Das Leben besteht aus Begegnungen. Menschen begegnen sich. Wo Menschen sich begegnen, gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen, unterschiedlich was war, was ist und was sein soll. Konflikte über ›was war‹, ›was ist‹ und ›was sein soll‹, sind der Normalfall. Verletzungen die Folge. Verzeihen eine Schlüsselressource, um damit umzugehen.

Jeder Konflikt birgt die Gefahr sich tief in dein Bewusstsein, in deinen Kopf, in dein Herz einzugraben. Vielleicht nennst du es ›Verletzungen‹, aus deiner Sicht wurdest du verletzt. Es tat weh, es tut heute noch weh.

Verletzungen wirken immer

Viele von uns tragen Verletzungen in sich. Manche so tief vergraben, dass sie verdeckt, im Unbewussten wirken. Doch sie wirken.

  • Verletzungen verengen deine Wahrnehmung.
  • Verletzungen reduzieren deine Möglichkeiten.
  • Verletzungen blockieren den freien Fluss deiner Lebensenergie.
  • Verletzungen rauben dir Energie.
  • Verletzungen verhindern wirkliche Begegnungen.

Zwei Anmerkungen zum Umgang mit Verletzungen

Verletzungen werden dir nicht von anderen zugefügt, sondern Verletzungen entstehen in deiner Wahrnehmung. Der Auslöser dafür liegt außerhalb von dir. Doch die Folge des Auslösers, die Verletzung, die fügst du dir selbst zu. Durch fortlaufende Wiederholungen verstärkst du die Verletzung, di brennst sie noch tiefer in dein Bewusstsein ein.

Welche deiner Handlungen bei anderen Verletzungen auslösen, kannst du nicht vorhersagen. Wie oft fühlst du dich verletzt, obwohl der andere in bester Absicht handelte? Wie oft fühlte sich dein Gegenüber verletzt, obgleich du diese beste Absicht nicht in dir trugst?

Verzeihen braucht Raum

Verletzungen begleiten dein Leben, schweige nicht – rede darüber. Sprich an, wenn du dich verletzt fühlst. Frage nach, ob dein Reden, Handeln den Anderen verletzte. Breche das Schweigen über Verletzungen, fange an zu reden! Verzeihen braucht Raum.

Die zweite Anmerkung beginnt mit einer Geschichte über den Umgang mit Verletzungen.

»Wenn ein Stammesmitglied der Babemba in Südafrika ungerecht gewesen ist oder unverantwortlich gehandelt hat, wird er in die Dorfmitte gebracht, aber nicht daran gehindert wegzulaufen.

Alle im Dorf hören auf zu arbeiten und versammeln sich um den „Angeklagten“. Dann erinnert jedes Stammesmitglied, ganz gleich welchen Alters, die Person in der Mitte daran, was sie in ihrem Leben Gutes getan hat.

Alles, an das man sich in Bezug auf diesen Menschen erinnern kann, wird in allen Einzelheiten dargelegt. Alle seine positiven Eigenschaften, seine guten Taten. Seine Stärken und seine Güte werden dem „Angeklagten“ in Erinnerung gerufen. Alle, die den Kreis um ihn herum bilden, schildern dies sehr ausführlich. Die einzelnen Geschichten über diese Person werden mit absoluter Ehrlichkeit und großer Liebe erzählt. Es ist niemanden erlaubt, das Geschehene zu übertreiben und alle wissen, dass sie nichts erfinden dürfen. Niemand ist bei dem, was er sagt, unehrlich und sarkastisch.

Die Zeremonie wird so lange fortgeführt, bis jeder im Dorf mitgeteilt hat, wie sehr er diese Person als Mitglied der Gemeinschaft schätzt und respektiert. Der ganze Vorgang kann mehrere Tage dauern.

Am Ende wird der Kreis geöffnet, und nachdem der Betreffende wieder in den Stamm aufgenommen worden ist, findet ein fröhliches Fest statt.«

Gab es schöne Momente?

Von wem fühlst du dich verletzt? Was weisst du Gutes über diesen Menschen? Erinnere dich der schönen Momente, der gemeinsamen Erlebnisse.

Menschen wollen sich gegenseitig nicht verletzen. Doch im Vollzug des Lebens passiert dies, weil Menschen unterschiedlich denken, handeln, fühlen – und sie zu wenig darüber sprechen.

Wenn jemand ungerecht zu dir war, aus deiner Sicht unverantwortlich gehandelt hat – reiche ihm deine Hand, jetzt braucht dieser Mensch deine Hand umso mehr!

Ein konkreter Vorschlag von Thich Nhat Hanh

In seinem wundervollen Buch ‚achtsam sprechen, achtsam zuhören‘ führt Thich Nhat Hanh auf, wie du auf Verletzungen reagieren kannst. Er empfiehlt dir, diese Verletzungen zügig anzusprechen und erläutert ebenfalls das wie.

»Ich leide. Ich möchte, dass du das weißt. Ich verstehe nicht, warum du dieses oder jenes getan oder gesagt hast. Bitte erkläre es mir: Ich brauche deine Hilfe.«

Thich Nhat Hanh

Abschlussfrage

Wie war deine Reaktion bisher, wenn du dich verletzt gefühlt hast? Möchtest du weiterhin so reagieren, oder etwas verändern?

Kannst du dir selbst verzeihen, dass andere im Vollzug deines Lebens sich von dir verletzt fühlen?