Wie merkwürdig mag der Titel klingen „Das Recht einen anderen Menschen zu verletzen“. Diese Frage fordert mehr als ein Ja oder Nein, sie fordert den Diskurs mit sich, seinem Umfeld und dem Leben.

»Du hast das Recht, einen anderen Menschen zu verletzen.
Nicht vorsätzlich oder bösartig,
wohl aber im Vollzug Deines Lebens,
auf dem Weg zur Reife.

Wo wir einander nur schonen,
werden wir einander bald verwähnen.
Wo wir echt und ehrlich sind,
werden wir einander verletzen.

Wenn zwei Menschen aufeinander treffen,
nicht nur oberflächlich, sondern in der Tiefe,
da ist es nicht zu verhindern,
dass sie sich verunsichern, erschrecken, beängstigen und verletzen.

Du bist so anders als ich,
und nie wirst Du die Welt so sehen,
wie ich sie sehe.
Wir leiden an der Andersartigkeit anderer,
aber es ist auch unsere Chance,
unseren Horizont zu erweitern und zu wachsen.

Wenn wir einander um jeden Preis vor Verletzungen schützen wollen,
werden wir einander tiefer verletzen,
weil wir die Herausforderungen beseitigen,
an denen wir reifen können.

Ohne Dich und die Wunden,
die Du mir machst,
werde ich nicht so reif sein,
wie ich sein könnte.

Ohne mich hast Du keinen Spiegel,
in dem Du sehen kannst,
was Dir noch fehlt.

Wenn sich jemand mit Dir einlässt
und Dir erlaubt wirklich Du selbst zu sein,
wirst Du diesen Menschen früher oder später verletzen,
auch wenn Du es nicht willst.

Vielleicht wird es schmerzhafter für Dich sein,
zu verletzen, als selbst verletzt zu werden.
Du wirst versuchen, mit Deinen Schuldgefühlen fertig zu werden,
und nicht wissen wie,
weil Du Dich als Liebenden gesehen hast,
und jetzt wirst Du zum verletzenden.

Dir wird es schwer fallen,
noch zu glauben dass Du liebst.
Wenn Du liebst und nicht oberflächlich lebst,
hast Du das Recht, zu verletzen.«

Ulrich Schaffer, Grundrechte

Worte wie ein Blick auf unsere Beziehungen, ein etwas anderer Blick. Voller Tiefe, voller Lebendigkeit und Mensch-Sein.

Es geht nicht darum andere vorsätzlich zu verletzen, sondern es geht darum, dass im Vollzug deines Lebens du das Recht zu Handlungen hast, die andere Menschen als Verletzung empfinden können. Dies sollte dich nicht davon abhalten diese Handlung zu vollziehen. Nicht zu handeln, um andere vor einer Verletzung zu bewahren ist kein guter Ratgeber.

Auf der anderen Seite ist es meine Aufgabe mit meinen Verletzungen umgehen zu lernen, daran zu wachsen. Auch ich gestehe dem Anderen zu, dass seine Handlungen mich verletzten können.

Beide Seite gehören zum Leben, das Recht den anderen Menschen zu verletzen und die Möglichkeit selbst durch die Handlungen anderer mich verletzt zu fühlen. Und selbst die größte Achtsamkeit wird dich vor keiner der beiden Seiten bewahren.

Achtsamkeit bedeutet intensiv am Augenblick, am Leben teilzuhaben. Teilhabe schließt nicht aus, sondern auch Verletzungen mit ein.

Gestehst du dir das Recht zu andere zu verletzten? Wie gehst du mit Verletzungen um, die du durch andere empfindest?