Reisen bildet, reisen erweitert den Horizont. Die jährliche Urlaubsreise ist für uns so alltäglich wie Weihnachten. Ein Jahr ohne Urlaubsreise ist wie ein Jahr ohne Sommer. Selbst die weitesten Ziele sind heutzutage erreichbar und finanzierbar. Warum reisen wir so gerne? Was treibt uns an? 

Albert Camus umschreibt es so:

»Was den Wert des Reisens ausmacht, ist die Angst. Denn in einem gewissen Augenblick, so fern von unserer Heimat, von unserer Sprache, überfällt uns eine unbestimmte Angst, und wir empfinden unwillkürlich das Verlangen, in den Schutz alter Gewohnheiten zurückzukehren. Der geringste Stoß erschüttert uns bis auf den Grund unseres Wesens.«

Albert Camus

 

Fasten von Zuhause

Wer reist, erkennt, was er daheim hat. Eine Reise – Fasten von Zuhause. Und wie gut schmeckt ein Apfel nach einer Fastenkur! Wie schön ist es die bekannte Haustüre zu öffnen.

Unser alter Goethe schreibt an Caroline Herder im Jahre 1788:

»Man reist nicht um anzukommen, sondern um zu reisen.«

Wer reist, möchte Unterwegs sein, möchte den Weg erleben, erfahren. Der Reiseweg nicht als notwendiges Übel, sondern als essentieller Bestandteil der Reise. Dieses Reisen beginnt mit der Reisevorbereitung, mit den ersten Schritten aus dem Haus und endet wieder dort. Kein Platz für Hektik und Stress auf dem Reiseweg – im Gegensatz zur Entspannung am Meer. Alles ist reisen, alles ist wichtig.

Erasmus von Rotterdam schrieb:

»Ich möchte Weltbürger sein, überall zu Hause und überall unterwegs.«

Erasmus von Rotterdam

 

Ruhe in der Unruhe

Wer überall zu Hause ist, ist ständig in Bewegung. Nichts zeigt Bestand, nur die Veränderung. Die Ruhe findet der Weltbürger in der Unruhe. Die Stille im Lärm. Wenn er etwas hätte, wovor er flüchten könnte, so gewänne man den Eindruck, dass er flüchtet.

Als viertes Aurel Schmidt über das Reisen:

»Niemand, der richtig reist kommt unverändert zurück.
Das Reisen verändert den Menschen.

Nicht immer allerdings und nicht bedingungslos.
Man muß dafür einen kleinen Einsatz leisten.

Reisen ist in jedem Fall eine Art sich auszusetzen.
Eine Art sich zu entkonditionieren und den Panzer der bequemen Gewohnheiten,
der so wunderbaren Halt gibt, abzulegen.

Dann erst fängt alles an:
Wahrnehmung, Erfahrung, Veränderung.

Das Reisen wird mehr als das bloße Aufsuchen von Sehenswürdigkeiten.
Nichts wird mehr selbstverständlich,
jeder Gang geht in eine Welt,
die neu ist, wie der erste Tag in einem fremden Land.«

Aurel Schmidt

Das Reisen ist keine Aufgabenliste, in der die Sehenswürdigkeiten fotografiert, abgehackt werden. Sondern eine Möglichkeit zur Selbsterweiterung, Selbstaktualisierung, Selbstbereicherung. Reisen nicht als eine Bestätigung seiner Selbst, sondern als eine Einladung an einen Selbst, durch Begegnung sich selbst zu wieder neu zu entdecken.

Wenn wir uns einlassen, verwandelt es uns (aus ‚Unterwegs zur Sprache‘, S. 159).

»Mit etwas, sei es ein Ding, ein Mensch, ein Gott, eine Erfahrung machen heißt, daß es uns widerfährt, daß es uns trifft, über uns kommt, uns umwirft und verwandelt.«

Martin Heidegger

 

Nicht nur fremde Länder

Eine Reise ist nicht zwangsläufig mit fremden Ländern, fremden Kulturen, Flugzeugen, Hotels und der Urlaubszeit verbunden. Jeder Tag ist eine Reise. Jeder Tag ist neu, ist einmalig. Jeder Mensch verändert sich, keiner ist heute – wie er gestern schien. Jeder Tag hat unendliche viele Momente – jeder Moment ein Schritt deiner Lebensreise.

Treffend, wie so oft, Martin Buber:

»Jede lebedige Situation hat wie ein Neugeborenes, trotz ihrer Ähnlichkeit ein neues Gesicht, nie dagewesen, nie wiederkehrend. Sie verlangt eine Äußerung von dir, die nicht schon bereit liegen kann. Sie verlangt Gegenwart, Verantwortung, Dich.«

Martin Buber

 

Ein guter Reisender

Zum Abschluss aus einem der ältesten Bücher zum Thema Reisen.

»Ein guter Reisender hat keine festen Pläne
und strebt nicht nach dem Ziel.
Ein guter Künstler läßt sich von seiner Intuition führen,
wohin sie will.
Ein guter Wissenschaftler hat sich von Begriffen frei gemacht
und hält seinen Geist offen für das, was ist …

Er ist bereit, alles zu nutzen
und vergeudet nichts.«

Lǎozǐ, Dàodéjīng, Kapitel 27 (nach Mitchell)

 

Ich weiß nicht, wohin dich deine Reise heute führt. Ich weiß auch nicht, welchen Sinn du deiner Reise heute gibst. Selbstverantwortlich diese Reise achtsam im Augenblick wahrzunehmen und zu gestalten, verwandelt dich. Unabhängig davon, ob dich deine Reise in fremde Ländern oder vor die Haustüre führt.

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