Deine erste Antwort lautet wahrscheinlich: „Ich, wer sonst!“ Doch ist wirklich so? Wer definiert die Realität deiner Mitmenschen? Falls du mit einem anderen Menschen zusammen lebst, wer definiert was ›sauber‹ ist? Wer definiert die Realität zu ›sauber‹? Wer definiert ›Anstand‹? Wer definiert ›gutes Benehmen‹? Wer definiert ›Höflichkeit‹? Wer definiert ›Moral‹? Was von deiner Realität definierst du?

Vielleicht fällt dir jetzt der Begriff der ›Macht‹ ein. Macht in dem Sinne die Realität des Anderen zu definieren. So entstand wahrscheinlich die Übertragung von »Fressen oder gefressen werden« in »Definieren oder definiert werden«. Daraus entstehen tot-ernste Sandkastenspiele.

Hinter diesen Sandkastenspiele steht die Überzeugung

  • es gäbe eine Wahrheit (z. B. wie du dich zu benehmen hast)
  • es gäbe einen Menschen, der weiß was richtig ist (z. B. deinen Chef, dahinter steht die Annahme des ›summum bonum‹, eines absolut Besten, wiederum die Wahrheit)
  • es gäbe etwas zu verteidigen, was du als Wahrheit definierst (im kleinen Kreis nennen wir es ›streiten‹, im großen Kreis ›Krieg führen‹)
  • die Welt in Ursache-Wirkungs-Beziehungen erklären zu können (wenn du ein guter Bürger sein willst, dann musst du …)
  • andere zu überzeugen, überzeugen zu müssen, die deine Wahrheit nicht teilen (oder was macht es mit deinen Beziehungen, wenn die Menschen andere Dinge als wahr definieren?)

Jede definierte Wahrheit nimmt dir deine Verantwortung selbst zu denken. Jede definierte Wahrheit zerstört Vertrauen zwischen dir und deinen Mitmenschen. Jede definierte Wahrheit bezeichnet andere Menschen, die diese Wahrheit nicht teilen, als einen Lügner. Jede definierte Wahrheit gibt dir eine Pseudo-Sicherheit und gibt anderen Macht über dich. Jede definierte Wahrheit raubt dir Individualität, raubt deine ganz persönliche Art und Weise die Welt wahr-zu-nehmen.

Heinz von Förster, auf den Punkt (aus ‚Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners‘, Heinz von Förster, Bernhard Pörksen, S. 34–35)

»Für mich ist diese Sicherheit des Absoluten, die einem Halt geben soll, etwas gefährliches, das einem Menschen die Verantwortung für seine Sicht der Dinge nimmt. Mein Ziel ist es, eher die Eigenverantwortung und die Individualität des einzelnen zu betonen. Ich möchte, dass er lernt, auf eigenen Füßen zu stehen und seinen persönlichen Ansichten zu vertrauen.

Mein Wunsch wäre es, dem anderen zu helfen, seine ganz eigenen Vorstellungen, seine eigenen Gedanken, seine eigene Sprache zu entwickeln, ihm zu helfen, seine Beobachtungsgabe zu schärfen, seine eigenen Augen und Ohren zu benutzen.

Natürlich gibt es Menschen, die davon nichts wissen wollen und meinen, nicht ohne ein Dogma auszukommen, das ihnen vorgibt, wie sie zu sehen, zu hören und zu sprechen haben. Das sind Monotänzer, mit denen man keinen gemeinsamen Tanz, keinen gemeinsamen Dialog beginnen kann. Sie nehmen die Einladung nicht an, über diese Dinge zu sprechen, denn sie wissen ja bereits alles, sie kennen die Ergebnisse.«

Heinz von Förster

Wahrheit, dass ist das gefährliche an ihr, stiftet oft Identität. Wer deine Wahrheit nicht teilt, nicht akzeptiert, der stellt dich in Frage. David Kantor (‚My lover, myself‘) hat dazu zwei Fragen formuliert:

  1. Wie gehst du mit Differenzen mit anderen um?
  2. Wie löst du Differenzen mit anderen?

Du kennst den Unterschied von Selbstbild und Fremdbild. Wie gehst du damit um, wenn andere dich (Fremdbild) beschreiben und es gar nicht zu deinem Selbstbild passt? Wie kann deine Partnerin, dein Partner dich wirklich lieben, wenn sein Fremdbild nicht zu deinem Selbstbild passt? Was liebt sie oder er dann an dir?

Sobald du Wahrheiten definierst (und sie beginnen bei dir, deinem Selbstbild), schaffst du dir ständig neue Probleme, neue Krisenfelder, neuen Ärger, neues Leid.. In diesem Sinne sollte es nicht Wahrheit heißen, sondern ›Wahrleid‹.

Ein Vorschlag von Heinz von Förster, seine Alternative zur Wahrheit (S. 34).

»Wäre es nicht möglich, so denke ich manchmal, den Verweis auf die Wahrheit durch die Idee des Vertrauens zu ersetzen: Schon das englische Wort für Wahrheit, truth, geht, wenn man die Wortgeschichte analysiert, auf den Begriff der Treue und des Vertrauens, trust, zurück. Wenn ich die Wahrheit als ein Vertrauen von Mensch zu Mensch begreife, dann brauche ich keine externen Referenzen mehr. Dann kann ich das, was er sagt, einfach hinnehmen, weil wir uns gegenseitig treu sind.

Es ist nicht mehr die Frage, wer recht hat, wer lügt, sondern ob man dem anderen vertraut, ob man sich auf ihn verlassen kann. Wenn er mir sagt, daß die Klapperschlangen den Radetzky-Marsch spielen, dann frage ich gar nicht, ob sie das wirklich tun. Ich vertraue ihm einfach, ich glaube ihm. Auf diese Weise entsteht eine vollkommene andere Relation.«

Heinz von Förster

Ich weiß nicht, wer deine Realität definiert. Ich weiß nicht, von wem du deine Wahrheiten übernimmst. Ich weiß nicht, was du tust, um deine Wahrheiten zu verteidigen.

Doch ich glaube, dass uns allen weniger Wahrheit – statt dessen – mehr Vertrauen gut tun würde.

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