Das Leben an sich ist unsicher. Du wirst geboren, du weißt nicht warum. Du wirst sterben, du weißt nicht wann. Deine Geburt kannst du nicht beeinflussen. Deinen Tod kannst du vorziehen, aber du kannst ihn nicht vermeiden. Zwischen Geburt und Tod lebst du. In ständiger Unsicherheit, auf der Suche nach deinem Sinn. Du suchst Sicherheit.

Eine Möglichkeit Sicherheit zu erlangen, ist sich an etwas zu klammern.

Etwas steht für:

  • Menschen: Freund, Kinder, Eltern, Kollegen
  • Dinge: Autos, Häuser, Möbel, Smartphones, Geld
  • Ideen: Religion, Konzepte, Glauben
  • Unveränderliche Welt: Du betrachtest die Welt als statisch, Veränderungen finden kaum statt.

In einer ausgeprägten Form ist es ein Festhalten.

  • Ein Festhalten an Menschen – wir geben uns selbst, unsere Bedürfnisse auf, um diese Menschen zu halten, an uns zu binden.
  • Ein Festhalten an Dingen – wir vergeuden unsere Lebenszeit, um diese Dinge erwerben, erhalten und vorzeigen zu können.
  • Ein Festhalten an Ideen – dogmatisch verteidigen wir unsere Ideen, als ob die Welt aufhört zu existieren, wenn diese Ideen in Frage gestellt werden.

Du suchst Sicherheit im Außen. Deine Hoffnung ist, dass es etwas außerhalb von dir gibt, was dir Sicherheit gibt. Genauer gesagt, was dir Sicherheit ›vortäuscht‹.

Die schlechte Nachricht: Es gibt keine Sicherheit. Die gute Nachricht: Alles in deinem Leben ist einzigartig, vergänglich und wartet auf dich.

Hermann Hesse umschreibt es wunderschön:

»Dass das Schöne und Berückende
Nur ein Hauch und Schauer sei,
Dass das Köstliche, Entzückende,
Holde ohne Dauer sei:
Wolke, Blume, Seifenblase,
Feuerwerk und Kinderlachen,
Frauenblick im Spiegelglase
Und viel andre wunderbare Sachen,
Dass sie, kaum entdeckt, vergehen,
Nur von Augenblickes Dauer,
Nur ein Duft und Windeswehen,
Ach, wir wissen es mit Trauer.

 

Und das Dauerhafte, Starre
ist uns nicht so innig teuer:
Edelstein mit kühlem Feuer
Glänzendschwere Goldesbarre;
Selbst die Sterne, nicht zu zählen,
Bleiben fern und fremd, sie gleichen
Uns Vergänglichen nicht, erreichen
Nicht das Innerste der Seelen.

 

Nein, es scheint das innigst Schöne,
Liebenswerte dem Verderben
Zugeneigt, stets nah am Sterben,
Und das Köstlichste: die Töne
Der Musik, die im Entstehen
Schon enteilen, schon vergehen,
Sind nur Wehen, Ströme, Jagen
Und umweht von leiser Trauer,
Denn auch nicht auf Herzschlags Dauer
Lassen sie sich halten, bannen;
Ton um Ton, kaum angeschlagen,
Schwindet schon und rinnt von dannen.

 

So ist unser Herz dem Flüchtigen,
Ist dem Fließenden, dem Leben
Treu und brüderlich ergeben,
Nicht dem Festen, Dauertüchtigen.
Bald ermüdet uns das Bleibende,
Fels und Sternwelt und Juwelen,
Uns in ewigem Wandel treibende
Wind- und Seifenblasenseelen,
Zeitvermählte, Dauerlose,
Denen Tau am Blatt der Rose,
Denen eines Vogels Werben,
Eines Wolkenspieles Sterben,
Schneegeflimmer, Regenbogen,
Falter, schon hinweggeflogen,
Denen eines Lachens Läuten,
Das uns im Vorübergehen
Kaum gestreift, ein Fest bedeuten
Oder wehtun kann: Wir lieben,
Was uns gleich ist, und verstehen,
Was der Wind in den Sand geschrieben.«

Hermann Hesse

Du kannst nichts festhalten. Du kannst alles in seiner Einzigartigkeit erkennen, leben. Alles, was auf dich einwirkt, wird ein Teil von dir, es verwandelt dich.

In einem Satz:

»Nothing is created, nothing is destroyed, everything is in transformation.«

Thich Nhat Hanh

Doch wie lässt du los? Was kannst du konkret dafür tun, was tust du nicht mehr? Diese Frage beschäftigte bereits Lǎozǐ. Im Dàodéjīng schrieb er im Kapitel 59 (eigene Übersetzung nach Mitchell).

Großzügig wie der Himmel,
alles durchflutend wie das Sonnenlicht,
zuverlässig wie ein Fels in der Brandung,
biegsam wie ein Baum im Wind,
hat er kein Ziel vor Augen
und macht von allem Gebrauch,
was das Leben ihm bringt.

Lǎozǐ

Abschlussfrage

Was hältst du noch fest, was du loslassen möchtest? Wie bist du erstarrt, wo du biegsam sein möchtest? Wo bist du unzuverlässig, wo du Zuverlässigkeit ausstrahlen möchtest?

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