Eine große Frage. Wunderschön formuliert Martin Buber in ‚Ich und Du‘ das Wesen der Liebe. Und um es vorweg zu nehmen, hier sein zentraler Satz: Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du.

»Gefühle begleiten das metaphysische und metapsychische Faktum der Liebe, aber sie machen es nicht aus; und die Gefühle, die es begleiten, können sehr verschiedener Art sein.

Das Gefühl Jesu zum Besessenen ist ein andres als das Gefühl zum Lieblingsjünger; aber die Liebe ist eine.

Gefühle werden »gehabt«; die Liebe geschieht. Gefühle wohnen im Menschen; aber der Mensch wohnt in der Liebe. Das ist keine Metapher, sondern die Wirklichkeit: die Liebe haftet dem Ich nicht an, so daß sie das Du nur zum »Inhalt«, zum Gegenstand hätte; sie ist zwischen Ich und Du.

Wer dies nicht weiß, mit dem Wesen weiß, kennt die Liebe nicht, ob er auch die Gefühle, die er erlebt, erfährt, genießt und äußert, ihr zurechnen mag.

Liebe ist ein welthaftes Wirken. Wer in ihr steht, in ihr schaut, dem lösen sich Menschen aus ihrer Verflochtenheit ins Getriebe; Gute und Böse, Kluge und Törichte, Schöne und Häßliche, einer um den anderen wir ihm wirklich und zum Du, das ist, losgemacht, herausgetreten, einzig und gegenüber wesen; Ausschließlichkeit ersteht wunderbar Mal um Mal – und so kann er wirken, kann helfen, heilen, erziehen, erheben, erlösen.

Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du: hierin besteht, die in keinerlei Gefühl bestehen kann, die Gleicheit aller Liebenden, vom kleinsten bis zum größten und von dem selig Geborgnen, dem sein Leben eines geliebten Menschen beschlossen ist, zu dem lebelang ans Kreuz der Welt Geschlagnen, der das Ungeheure vermag und wagt: ‚die Menschen‘ zu lieben.«

Martin Buber

Liebe ist kein Gefühl, verliebt sein ist ein Gefühl. Alleine das Wissen um diese kleine Unterscheidung hätte mir viel Ärger erspart. 🙂

Marin Buber weiter:

»Solange die Liebe »blind« ist, das heißt: solang sie nicht ein ‚ganzes Wesen‘ sieht, steht sie noch nicht wahrhaft unter dem Grundwort der Beziehung. Der Haß bleibt seiner Natur nach blind; nur einen Teil eines Wesens kann man hassen. Wer ein ganzes Wesen sieht und es ablehnen muß, ist nicht mehr im Reich des Hasses, sondern in dem der menschhaften Einschränkung des Dusagenkönnens.

Daß dem Menschen widerfährt, zu seinem menschlichen Gegenüber das Grundwort, das stets eine Bejahung des angesprochenen Wesens einschließt, nicht sprechen zu können, entweder den anderen oder sich selbst ablehnen zu müssen: das ist die Schranke, an der das In-Beziehung-treten seine Relativität erkennt und die erst mit dieser aufgehoben wird.

Doch der unmittelbar Hassende ist der Beziehung näher als der Lieb- und Haßlose.«

Martin Buber

Und schließlich:

»Das aber ist die erhabene Schwermut unsres Loses, daß jedes Du in unsrer Welt zum Es werden muß. So ausschließlich gegenwärtig es in der unmittelbaren Beziehung war: sowie sie sich ausgewirkt hat oder vom Mittel durchsetzt worden ist, wird es zum Gegenstand unter Gegenständen, zum vornehmsten etwas, dennoch zu einem von ihnen, in Maß und Grenze gesetzt.«

Martin Buber

Dies erinnert mich sehr stark an diese Worte von Rainer Maria Rilke, (Lied):

»Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.«

Rainer Maria Rilke

Und die Moral von der Geschichte?

Anfänger-Geist, Nicht-Wollen, Achtsamkeit, das Leben jeden Augenblick neu erfahren, im Du das Ich sehen. Jede Beziehung immer wieder neu gestalten, ohne Erwartungen, vergesse die Erfahrungen, vergesse die Ansprüche, sieh‘ den Menschen in seiner Ganzheit, nehme dich selbst in deiner Ganzheit wahr und an.

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