Konsum sichert Arbeitsplätze. Werbung als Kunstform der Moderne. Besitztum als Garant für eine gelungene Beziehung (zu anderen und zu sich selbst). Die Liebe anderer als Ergebnis der Anerkennung deines Status, deiner Vorteile, deiner Errungenschaften. Ja, oder lohnt es sich dies mal näher zu betrachten?

Ein kurzer Film zum Einstieg.

Warum den Produzenten dein Konsum wichtig ist, schrieb 1955 der amerikanische Verkaufsspezialist Victor Lebow:

»Unsere enorme Produktivität verlangt, dass wir den Kauf und den Gebrauch neuer Dinge zu Ritualen machen und unsere Egos durch Konsum befriedigen. Immer schneller müssen wir Dinge konsumieren, ersetzten und wegwerfen. Status und Individualität drücken sich heute durch das aus, was jemand trägt, fährt, isst, durch sein Haus, sein Auto und welche Hobbys er sich leistet.«

Victor Lebow

Das Angebot an Konsummöglichkeiten ist eine Seite der Medaille – auf der anderen Seite stehen Menschen, die ihre Rolle als Mensch auf die Rolle als Konsument reduzieren.

Der kanadische Ökonom William Rees:

»Da diese Industrie vor allem das Unbewusste anspricht, die Hoffnungen und Ängste, ist den meisten Menschen nicht einmal klar, dass wir in einer Gesellschaft leben, die mehr manipuliert worden ist als irgendeine andere je zuvor. Wir haben uns auf das Dasein als Konsument reduziert.«

William Rees

Ein reduziertes Dasein als Konsument. Warum tun Menschen dies?

Gehen wir in das Jahr 1941, Erich Fromm in „Furcht vor der Freiheit“ (S. 183):

»Trotzdem ist das alles doch ein Hinweis darauf, dass man eine vage Vorstellung von der Wahrheit hat – nämlich dass der heutige Mensch nur das will, was er nach Ansicht der anderen wollen sollte. Um das einzusehen, muss man sich darüber klarwerden, dass es nicht – wie die meisten meinen – verhältnismäßig einfach ist zu wissen, was man wirklich will, sondern dass es sich dabei um eines der schwierigsten Probleme handelt, die der Mensch zu lösen hat. Es ist eine Aufgabe, der wir krampfhaft dadurch aus dem Wege zu gehen suchen, dass wir fertig angebotene Ziele akzeptieren, als ob es unsere eigenen wären. Der heutige Mensch ist bereit, große Risiken auf sich zu nehmen beim Versuch, die Ziele zu erreichen, die angeblich „seine“ Ziele sind, aber er hat eine tiefe Angst davor, das Risiko und die Verantwortung auf sich zu nehmen, sich seine eigenen Ziele zu setzen. Eine intensive Aktivität wird oft irrtümlich als Beweis dafür angesehen, dass man sein Handeln selbst bestimmt, wenn wir auch wissen, dass es vielleicht nicht spontaner ist als das Verhalten eines Schauspielers oder eines Hypnotisierten. Wenn die Rollen verteilt sind, kann jeder Schauspieler mit Elan seine Rolle spielen und dabei sogar in bezug auf den Text und Einzelheiten seines Spiels etwas improvisieren. Aber er spielt nur die Rolle, die ihm übertragen wurde.«

Erich Fromm

Hier kommt nun der Konsum in Spiel (S. 185-186):

»Bisher haben wir uns in diesem Buch mit dem einen Aspekt der Freiheit befasst: mit der Ohnmacht und Unsicherheit des isolierten einzelnen in der modernen Gesellschaft, der sich von allen Bindungen befreit hat, die seinem Leben einst Sinn und Sicherheit gaben. Wir sahen, dass der Mensch diese Isolierung nicht ertragen kann; er ist als isoliertes Wesen der Außenwelt gegenüber völlig hilflos und daher voller Angst vor ihr. Durch diese Isolierung ist die Einheit der Welt für ihn verloren gegangen, und er hat jeden Orientierungspunkt verloren. Deshalb überfallen ihn Zweifel an sich selbst, am Sinn des Lebens, und schließlich gibt es für ihn keinerleit Grundsätze mehr, nach denen er sich in seinem Handeln richten könnte. Hilflosigkeit und Zweifel lähmen sein Leben, und um weiterleben zu können, versucht er der Freiheit – der negativen Freiheit – zu entfliehen. So gerät er in eine neue Knechtschaft hinein. Diese unterscheidet sich von den primären Bindungen, von denen er sich noch nicht völlig gelöst hat, obwohl er sich in die Abhängigkeit von Autoritäten oder seiner gesellschaftlichen Gruppe begeben hat. Die Flucht gibt ihm auch nicht seine verlorene Sicherheit zurück, sondern sie hilft ihm nur, sein Selbst als eine sparate Größe zu vergessen. Er erlangt eine neue, aber brüchige Sicherheit, die er damit bezahlt, dass er ihr die Integrität seines individuellen Selbst zum Opfer bringt. Er entscheidet sich für den Verlust seines Selbst, weil er das Alleinsein nicht ertragen kann. So führt die Freiheit – als „Freiheit von“ nur in eine neue Knechtschaft hinein.«

Erich Fromm

Über einen Weg aus der Abhängigkeit (S. 188-189) :

»Weshalb ist spontanes Tätigsein eine Lösung für das Problem der Freiheit? Wir sagten, dass die negative Freiheit allein den Menschen zu einem isolierten Wesen macht, dessen Beziehung zur Welt distanziert und voller Misstrauen ist, und dessen Selbst schwach und ständig bedroht ist. Spontanes Tätigsein ist der einzige Weg, auf dem man die Angst vor dem Alleinsein überwinden kann, ohne die Integrität seines Selbst zu opfern, denn in der spontanen Verwirklichung des Selbst vereinigt sich der Mensch aufs neue mit der Welt – mit dem Menschen, der Natur und sich selbst. Die wichtigste Komponente einer solchen Spontanietät ist die Liebe – aber nicht die Liebe, bei der sich das Selbst in einem anderen Menschen auflöst, und auch nicht die Liebe, die nur nach dem Besitz des anderen strebt, sonder die Liebe als spontane Bejahung der anderen, als Vereinigung eines Individuums mit anderen auf der Basis der Erhaltung des individuellen Selbst. Die dynamische Eigenschaft der Liebe liegt eben in dieser Polarität, die darin besteht, dass sie aus dem Bedürfnis entspringt, die Absonderung zu überwinden und zum Einssein zu gelangen und trotzdem die eigene Individualität nicht zu verlieren. Die andere Kompontente ist die Arbeit – aber nicht die Arbeit als zwanghafte Aktivität, die nur dazu dient dem Alleisnein zu entfliehen, nicht die Arbeit, die einerseits die geschaffenen Produkte vergötzt oder sich zum Sklaven dieser Produkte macht, sondern die Arbeit als Schöpfung, bei der der Mensch im Akt der Schöpfung eins wird mit der Natur. Was für die Liebe und die Arbeit gilt, gilt für jedes spontane Tätigsein, ob es sich nun um sinnliche Freuden oder um die Teilnahme am politischen Gemeinschaftsleben handelt. Sie bejahrt die Individualität des Selbst und eint es zugleich mit den anderen Menschen und der Natur. Die der Freiheit innewohnende grundsätzliche Dichotomie – die Geburt der Individualität und der Schmerz des Alleinseins – wird auf höherer Ebene durch das spontane Tätigsein des Menschen aufgelöst.«

Erich Fromm

Konsum, die Abhängigkeit von Materiellem – oder zugespitzter formuliert, die Reduzierung des Menschen als Konsument – als Folge einer individualisierten Gesellschaft. Konsum als Orientierungsfunktion, zur Reduzierung der Angst des Menschen. Konsum als Ersatzhandlung für fehlende Selbstliebe.

Und hier sind wir wieder bei den Produzenten der Konsumartikel. Deren Werbung suggiert uns jeden Tag über viele Kanäle, und wiederholt dies millionenfach, dass wir ohne deren Produkte nicht gut genug sind, nicht liebens-wert sind. Das wir nicht gut genug aussehen, dass unser Haar nicht schön glänzt, wir zu alte Kleidung tragen, wir nicht sicher genug sind, …

Werbung will unzufrieden erzeugen- unzufriedene Menschen sind gute Konsumenten.

Werbung sagt uns, du kannst dich, so wie du bist, nicht lieben, du brauchst das Produkt, die Dienstleistung, damit du es Wert bist dich selbst zu lieben.

Was für ein Unsinn! Es ist ein Segen für jeden Menschen, dass die Liebe zu selbst von Nichts abhängig ist. Jeder ist zur Selbstliebe fähig, unabhängig von seinem Konsum, seinem materiellen Besitztümern.

Vielleicht gilt sogar, dass die Selbstliebe Menschen leichter fällt, wenn sie nicht so viel konsumieren, nicht so viel haben.

Opt In Image
Erhalte das monatliche Update

Möchtest Du einmal im Monat die aktuellen Beiträge von GeDankeN? Dann trage Deine Email-Adresse hier ein.

 

There are currently no comments.