Die schlechte Nachricht vorweg: Du hast keine Stärken, du hast keine Schwächen! Im Allgemeinen bezeichnen wir Eigenschaften, Tätigkeiten oder Ergebnisse von anderen oder uns selbst als Stärke oder als Schwäche. Wir hängen uns selbst ein Etikett um. Je nach vorherrschender Kultur, Situation und Person, markieren wir eine Handlung als Stärke oder als Schwäche. Meist spielt der Vergleich mit anderen eine entscheidende Rolle.

Ob du dir das Etikett Stärke oder Schwäche umhängst – oder von anderen erhältst, hängt davon ab,

  • in welcher Gesellschaft, Kultur du lebst,
  • in welcher Situation du verweilst,
  • mit welchen Personen du dich umgibst und
  • wie stehen diese Personen in Relation zu deiner Eigenschaft, Fähigkeit, Tätigkeit.

Fremdzuschreibung erhälst du durch dein Umfeld. Es fängt im Kindesalter an („Du kannst aber gut …“ oder „Deine Schwester kann es besser als du …“). Fremdwahrnehmungen, die du als Selbstwahrheit aufnimmst. Du machst fremde Bilder zu deiner Sichtweise.

Diktaturen bezeichnen Attentäter als Schwächlinge, als Menschen ohne Charakter, als Verräter. Gelingt ihr Attentat und der Diktator ist tot, sind es Charaktertypen, sie sind Helden. Dabei ist die Handlung in beiden Fällen identisch, nur die Beobachter bewerten die Handlung an den aktuellen gesellschaftlichen Umständen.

Günstig einzukaufen, d. h. zu schauen, wo bekomme ich für 3 Euro am meisten Fleischgewicht, ist in unserer Gesellschaft eine Stärke, derjenige gilt als ›schlau‹. Auch wenn ›Geiz ist geil‹ nicht mehr offen postuliert wird. Kauft jemand die gleiche Menge Fleisch für 6 Euro ein, so ist er schwach, er ist ›dumm‹, so viel Geld auszugeben. Stellt sich später raus, dass das Fleisch für 3 Euro voller Medikamente war, die Tiere unter schrecklichen Umständen lebten, dass das Fleisch damit von niedrigster Qualität, so dass die Menschen langfristig krank werden, dreht sich die Bewertung um. Der Dumme ist der Starke, der Schlaue ist der Schwache.

Diese Beispiele zeigen, wie wichtig Werte sind, deine Werte. Die Dinge, die dir als Person wichtig sind, unabhängig von deiner aktuellen Lebenssituation, der Kultur, der Situation, deinem Umfeld. Wenn du diese kennst, sind Fremdzuschreibungen wertlos für dich. Und Selbstbewertungen werden unwichtiger, weil der Wert deines Selbst nicht mehr von Vergleichen mit anderen abhängt.

  • Statt Dinge zu kaufen, weil alle es kaufen, fragst du dich, ob du es wirklich brauchst, wo es wie es produziert wurde.
  • Statt dich zu fragen, ob Fußball spielen eine Stärke für dich ist, fragst du dich, ob du gerne Fußball spielst.
  • Statt auf Oberflächlichkeiten zu schauen, blickst du in die Herzen der Menschen. Worte verlieren an Wert, Taten gewinnen an Bedeutung.
  • Statt die Ereignisse, Dinge, Menschen zu bewerten, nimmst du sie wahr, gewinnst ein Verständnis dafür.
  • Du gewinnst ein Vertrauen in dich, dein Selbstvertrauen. Du erkennst dich, deine Selbsterkenntnis. Du weißt, welche Werte wichtig für dich sind, dein Selbstwert. Du wirst dir der Verantwortung für dich bewusst, deine Selbstverantwortung. Du erlangst Achtung vor dir selbst, deine Selbstachtung.
  • Du spürst die Stille in dir.

Wunderschön beschrieben:

»Wenn Du die Berührung mit der inneren Stille verlierst,
verlierst Du den Kontakt mit Dir selbst.

Wenn Du den Kontakt mit Dir selbst verlierst,
verlierst Du Dich in der Welt.

Das innerste Selbstgefühl, das Gefühl dessen,
der Du bist, ist untrennbar mit der Stille verbunden.

Das ist das ICH BIN, das tiefer ist als Namen und Formen.«

Eckhart Tolle

In der inneren Stille erkennst du, was eine Zuweisung von außen ist. Bist du ein Fußballer, so ist diese Zuweisung von Stärken und Schwächen von der Fußball-Kultur des Vereins (Techniker vs. Kämpfer/Beißer) abhängig, von der aktuellen Tabellensituation (Abstiegskampf oder Mittelfeld), von deinen Mitspielern (jünger oder älter, erfahren oder unerfahren).

Wenn andere uns Stärken oder Schwächen zuweisen, so zeigt dies, was sie von uns wollen, wie wir ihnen nützlich sein können. Als Beispiel ein Auszug aus einem Interview mit einem Fußball-Trainer (Interview in der FAZ, 14.10.2013):

»Ich mache tatsächlich nichts anderes, als ihre Stärken zu nutzen. Ich nehme das, was sie mir bieten, und versuche, es in eine Form zu packen.«

Horst Hrubesch

Er nutzt die Spieler für seine Ziele, weist in diesem Umfeld Stärken zu. Ein anderer Trainer erkennt bei den gleichen Spielern andere Stärken und Schwächen.

Deshalb ist es wichtig, dass du dich selbst erkennst, um unabhängig von Einschätzungen anderer Menschen zu werden, für die du nützlich sein sollst. Wenn du dich selbst erkennst, kann es passieren, dass du gar nicht in diesem System spielen willst und dir ein neues Spielfeld suchst.

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