Fehler streicht der Lehrer rot an. Es gibt Punktabzug. Bei der Besprechung der Klassenarbeit konzentrieren sich Lehrer, Eltern auf die Fehler. Später, im Berufsleben, sind Fehler auch negativ belegt. Ein Mal darfst du einen Fehler machen, aber kein zweites Mal. Fehler kosten Geld, Fehler kosten Zeit. Fehler machen dich zum Verlierer. Ist es ein Fehler, dass wir so mit Fehlern umgehen?

Ein Fehler ist ein Rückschlag. Das Ergebnis deines Handelns entspricht nicht deiner Erwartung und/oder der Erwartung anderer Menschen. Du hast die Erwartungen nicht erfüllt. Schnell spürst du die Konsequenzen. Du bekommst schlechte Noten, keine Gehaltserhöhung, dein Entscheidungsfreiraum wird beschränkt, du kritisierst dich selbst … Der Katalog von Sanktionen – oder schöner formuliert ‚lernunterstützenden Maßnahmen‘ – ist noch länger.

Bedingungslose Liebe bringen wir kleinen Babys, kleinen Kinder entgegen. In dieser Zeit lernen sie das Laufen. Sie fallen hin, stehen wieder auf. Bevor es laufen kann, fällt ein Kind bis zu 17 Mal pro Stunde fällt (eine Studie von Karen Adolph ). Die Eltern, Großeltern, Freunde – alle – ermuntern das Kind, nicht nachzulassen, sondern weiter zu probieren. Mehr noch, sie glauben an das Kind und geben ihm emotionalen Rückhalt. Manche freuen sich über die Hartnäckigkeit, mit der ihre Kinder dran bleiben, von Fehler zu Fehler – bis zum Erfolg.

Sprung ins Erwachsenenalter. Jetzt gestehen wir anderen (und uns) maximal ein bis zwei Miss-Erfolge, Fehler zu. Danach erwarten wir klar erkennbare Lernfortschritte. Ist dies nicht der Fall, so unterstellen wir Unwilligkeit oder Unfähigkeit. Du willst es nicht (= du hast ein Antriebsstörung und musst motiviert werden), oder du kannst es nicht (= du bist zu dumm dafür). Was du falsch machst, dass wissen alle sofort und teilen es dir ungefragt mit. Machen sie dich auf die Konsequenzen eines weiteren Fehlers aufmerksam? Von emotionalem Rückhalt keine Spur.

Mit dieser Methode hätte keiner von uns das Laufen, das Sprechen, das Greifen, das Essen … gelernt.

Erwachsen sein verändert alles.

Was ist die Folge, wenn wir Fehler vermeiden? Wir tun nur das, was wir ausreichend beherrschen. Du lernst zwar nichts mehr, bist aber optimal an das System angepasst.

Donald N. Michael (zitiert in H. A. Linsten und W. H. C. simmonds. Hrs., Futures Research (Reading, MA: Addison-Wesley, 1977), 98-99) dazu:

»Fehler anzunehmen ist die Voraussetzung für einen Lernprozess. Es bedeutet, dass man Information darüber sammelt, nutzt – und auch teilt -, über alles, was schief gelaufen ist bei dem, was man erwartet oder gehofft hatte, das es klappt. Sowohl das Annehmen von Fehlern als auch der Umgang mit einem hohen Grad an Unsicherheit betont nicht nur unsere persönliche, sondern auch unsere soziale Verletzlichkeit. Normalerweise verstecken wir unsere Verletzlichkeit sowohl vor uns selbst wie auch vor anderen. Aber … um die Person zu sein, die sich wirklich der eigenen Verantwortung stellt, braucht man Kenntnisse von und Zugang zu seinem Selbst, die weit über das Vermögen der meisten Mitglieder unserer Gesellschaft hinausgehen.«

Donald N. Michael

Jetzt kommt das Hinterhältige bei Fehlern. Verbal sind die meisten sehr fehlertolerant. Fehler sind ok, Fehler sind kein Thema. Doch wehe du gründest eine Firma und endest im Miss-Erfolg, dann bist du verbrannt. Insolvente Kunden sind schlechte Bankkunden. Motto: »Wer es einmal nicht geschafft hat, der schafft es nie!«

Nietzsche hat dies so beschrieben:

»Ja, man denkt, schreibt, druckt, spricht philosophisch – so weit ist ungefähr alles erlaubt; nur im Handeln, im so genannten Leben, ist es anders: Da ist immer nur eins erlaubt und alles andere unmöglich.«

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Was tun, ob diesem Widerspruch zwischen den Worten und den Taten bei Fehlern? Ein schönes Beispiel über den Umgang mit Fehlern ist die Düsseldorfer Fuck Up-Night. Auf dieser sprechen gescheiterte Gründer über ihre Erfahrungen. Nach der Devise von Pedro Arrupe (baskischer Arzt, Überlebender in Hiroshima, der 28. Generalobere des Jesuitenordens):

»Wir versuchen nicht unsere Fehler zu verteidigen. Andererseits wollen wir auch nicht in den noch viel grösseren Fehler verfallen, der darin bestünde, kleinmütig auf Initiativen zu verzichten, aus Angst, wieder Fehler zu begehen.«

Pedro Arrupe

Das Handeln der gescheiterten Gründer erinnert an eine Aussage von Louise Hay:

»Zunächst müssen wir unsere Verantwortung anerkennen, eine Situation oder einen Zustand geschaffen zu haben. Ich spreche weder davon, Schuld zu haben, noch davon, ein schlechter Mensch zu sein, weil Sie sind, wo Sie jetzt sind. Ich spreche davon, die Macht in uns zu erkennen, die alle unsere Gedanken zu Erfahrungen umformt. In der Vergangenheit haben wir diese Macht benutzt, etwas zu erschaffen, was wir nicht erfahren wollten. Wir haben nicht bewust gehandelt. Jetzt, indem wir unsere Verantwortung akzeptieren, lernen wir, diese Macht gezielt und positiv zu unseren Gunsten einzusetzen.«

Louise Hay

Wenn du dir deine Fehler verzeihst, kannst du an einem Umfeld arbeiten, dass Fehler produktiv nutzt. Dazu gehört dein Verhalten bei Fehlern von anderen Menschen. Wie gehst du mit deren Fehlern um? Was denkst du in diesem Augenblick, was sprichst du?

Was ist überhaupt ein Fehler? Ist es ein Anderssein des Anderen in Aktion? Eine chinesische Weisheit sagt:

»Solange Du dem anderen sein Anderssein nicht verzeihen kannst, bist Du noch weit ab vom Wege zur Weisheit.«

Chinesische Weisheit

Wir leben in einer Umwelt, in einem Umfeld, dass sich ständig verändert. Der Mensch ist Teil dieser Veränderung. Es braucht Mut, diese Veränderung anzunehmen, Fehler zu machen, Rückschläge zu erleiden, aufzustehen und einen weiteren Versuch zu starten. Unsere lehrreichsten Erfahrungen stammen von unseren Fehlern.

Abschließend ein Zitat von Fred Astaire, zum Schmunzeln:

»Je weiter man nach oben kommt, desto mehr Fehler kann man sich erlauben. Wenn man ganz oben angekommen ist und genug Fehler macht, nennt man das seinen eigenen Stil.«

Fred Astaire
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