Warum tun wir Dinge? Warum tun wir Dinge nicht? Grundlegende Überlegungen von E. F. Schumacher. Basiswissen zum Verständnis unserer heutigen Welt. Erschreckend, wie weit dieses Geschwür bereits wütet.

»Zwar wäre es eine Übertreibung, wollte man sagen, dass unsere wirtschaftliche Zukunft von den Wirtschaftswissenschaftlern bestimmt wird. Dass sie jedoch – auf jeden Fall aber die Wirtschaftswissenschaft – einen weitreichenden Einfluss haben, lässt sich kaum bezweifeln. Die Wirtschaftswissenschaft spielt bei der Bestimmung des Handelns in der modernen Welt eine zentrale Rolle insofern, als sie die Kriterien für das liefert, was <wirtschaftlich> und was <unwirtschaftlich> ist. Keine anderen Entscheidungsvorgaben üben einen grösseren Einfluss auf die Handlungen von einzelnen und Gruppen und auch von Regierungen aus. Man könnte daher denken, dass wir die Wirtschaftswissenschaftler um Rat fragen müssen, wenn wir wissen wollen, wie die Gefahren und Schwierigkeiten zu überwinden sind, denen die moderne Welt sich gegenübersieht, und wie wirtschaftliche Massnahmen zur Gewährleistung von Frieden und Stetigkeit ergriffen werden können.

Welche Beziehung hat denn eigentlich die Wirtschaftswissenschaft zu den in den vorhergehenden Kapiteln besprochenen Problemen? Wenn der Wirtschaftswissenschaftler urteilt, dass dies oder jenes Handeln <wirtschaftlich sinnvoll> oder <unwirtschaftlich> ist, erheben sich zwei wichtige und eng miteinander verbundene Fragen: Erstens, was bedeutet dieses Urteil? Und zweitens, ist das Urteil in dem Sinne zwingend, dass es als vernünftige Grundlage praktischen Handelns dienen kann?

Wenn wir in der Geschichte zurückschauen, erinnern wir uns vielleicht, dass viele Menschen keineswegs glücklich waren, als vor 150 Jahren ein Lehrstuhl für Volkswirtschaft in Oxford eingerichtet werden sollte. Edward Copleston, der bedeutende Rektor des Oriel College, wollte in den Lehrplan der Universität keine Wissenschaft aufnehmen, die „so sehr dazu neigt, alles andere an sich zu reissen“. Selbst Henry Drummond von Albury Park, der die Professur 1825 stiftete, hielt die Klarstellung für erforderlich, dass er von der Universität erwartete, sie möge die neue Fachrichtung <auf ihren Platz verweisen>. Doch schon ihren ersten Lehrstuhlinhaber, Nassau senior, konnte man nicht an untergeordneter Stelle halten. Er sagte in seiner Antrittsvorlesung, diese neue Wissenschaft werde „im Ansehen der Öffentlichkeit – was Anteilnahme und Nützlichkeit angeht – unter den moralischen Wissenschaften mit an erster Stelle stehen“, und behauptete, dass „das Streben nach Wohlstand … für den grössten Teil der Menschheit die grosse Quelle moralischer Besserung darstellt“. Sicherlich haben nicht alle Wirtschaftswissenschaftler ihre Ansprüche so hochgeschraubt. Für John Stuart Mill (1806 bis 1873) stand die Volkswirtschaft „nicht da als ein Ding für sich, sondern als Fragment eines grösseren Ganzen, als ein Zweig der sozialen Philosophie, welcher so verwoben war mit allen anderen, dass seine Folgerungen selbst auf dem ihm eigenen Gebiet nur bedingungsweise wahr und der Einmengung und Gegenwirkung von Ursachen unterworfen sind, die nicht unmittelbar in ihrem Spielraum liegen“. Und im Widerspruch zu seinem eigenen (schon zitierten) Rat, dass „Geiz, Wucher und Misstrauen noch eine kleine Weile unsere Götter sein müssen“ ermahnte uns selbst Keynes, „das Gewicht des wirtschaftlichen Problems nicht zu überschätzen oder seinen vorgeblichen Notwendigkeiten andere Dinge von grösserer und dauerhafterer Bedeutung zu opfern“.

Solche Stimmen werden jedoch heute selten gehört. Es ist kaum übertrieben zu sagen, dass mit zunehmendem Reichtum die Wirtschaftswissenschaft in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses geraten ist und dass Wirtschaftsleistung, Wirtschaftswachstum, Expansion der Wirtschaft und so weiter bei allen modernen Gesellschaften Gegenstand ständigen Interesses, wenn nicht der Besessenheit geworden sind. Es gibt im gegenwärtigen Wortschatz für den Ausdruck der Geringschätzung nur wenige Wörter, die so endgültig verdammen wie das Wort <unwirtschaftlich>.

Ist eine Tätigkeit einmal als unwirtschaftlich gebrandmarkt, wird ihr Existenzrecht nicht nur in Frage gestellt, sondern energisch bestritten. Alles, wovon man annimmt, es stelle ein Hindernis wirtschaftlichen Wachstums dar, ist zu verachten. Menschen, die daran festhalten, werden entweder für Saboteure oder Narren gehalten. Man nenne etwas unmoralisch oder hässlich, eine Gefahr für den Weltfrieden oder das Wohlergehen späterer Generationen, man sage, es zerstöre die Seele oder erniedrige den Menschen – solange man nicht gezeigt hat, dass es <unwirtschaftlich> ist, hat man sein Recht auf Leben, Wachstum und Gedeihen nicht wirklich in Frage gestellt.

Doch was bedeutet es, wenn wir etwas als unwirtschaftlich bezeichnen? Ich frage nicht, was die meisten Menschen damit meinen, denn das ist nur zu klar. Sie meinen einfach, dass es so etwas wie eine Krankheit ist: es geht einem besser ohne sie. Vom Wirtschaftswissenschaftler wird angenommen, dass er imstande ist, die Krankheit zu diagnostizieren und sie dann, mit Glück und Geschick, zu heilen. Zugegebenermassen sind Wirtschaftswissenschaftler oft untereinander uneins im Hinblick auf die Diagnose und, noch häufiger, im Hinblick auf Lösungsmöglichkeiten. Das aber beweist lediglich, dass der Gegenstand ungemein schwierig ist und Wirtschaftswissenschaftler wie andere Menschen fehlbar sind.

Nein, ich frage, was es bedeutet, welchen Sinn das System der Wirtschaftswissenschaft tatsächlich hervorbringt. Die Antwort auf diese Frage kann keinem Zweifel unterliegen: etwas ist dann unwirtschaftlich, wenn es keinen angemessenen Gewinn erbringt, der sich in Geld beziffern lässt. Das System der Wirtschaftswissenschaft bringt keinen anderen Sinn hervor und kann auch keinen anderen hervorbringen. Es sind zahlreiche Versuche zur Verschleierung dieser Tatsache gemacht worden, und sie haben sehr viel Verwirrung gestiftet – doch die Tatsache bleibt bestehen. Die Gesellschaft oder eine Gruppe, sogar ein einzelner innerhalb dieser Gruppe kann beschliessen, ein Tun oder ein Gut aus nicht-wirtschaftlichen Gründen – gesellschaftlichen, ästhetischen, moralischen oder politischen – beizubehalten, doch ändert das in keiner Weise an dessen Unwirtschaftlichkeit. Das Urteil der Wirtschaftswissenschaft ist, in anderen Worten, ein überaus bruchstückhaftes Urteil. Aus der grossen Anzahl von Gesichtspunkten, die im wirklichen Leben gemeinsam gesehen und beurteilt werden müssen, bevor man eine Entscheidung fällen kann, stellt die Wirtschaftswissenschaft nur einen zur Verfügung – ob etwas jenen, die sich damit beschäftigen, einen Geldgewinn bringt oder nicht.

Die Wörter <jenen, die sich damit beschäftigen>, dürfen nicht übersehen werden. Es ist z. B. ein grosser Irrtum, anzunehmen, dass das System der Wirtschaftswissenschaft üblicherweise zur Entscheidung darüber herangezogen wird, ob ein von einer Gruppe innerhalb der Gesellschaft ausgeübtes Tun für die Gesellschaft insgesamt einen Gewinn bringt. Nicht einmal verstaatlichte Industrien werden unter diesem umfassenderen Blickwinkel betrachtet. Man setzt jeder dieser gesellschaftlichen Gruppen ein finanzielles Ziel – und das stellt eine Verpflichtung dar – und erwartet, dass sie dieses Ziel ohne Rücksicht auf Schäden verfolgen, die dabei in anderen Teilbereichen der Wirtschaft auftreten können. Der Glaube, dem alle politischen Parteien mit gleicher Inbrunst anhängen, geht dahin, dass das Gemeinwohl zwangsläufig am grössten ist, wenn jeder, jede Industrie, jedes Gewerbe, ob verstaatlicht oder nicht, danach strebt, vom eingesetzten Kapital einen angemessenen <Nutzen> zu erwirtschaften. Nicht einmal Adam Smith vertraute blind darauf, die <verborgene Hand> werde dafür sorgen, dass das, „was für General Motors gut ist, auch für die Vereinigten Staaten gut ist“.

Wie auch immer es sich damit verhält, es kann keinerlei Zweifel an der Lückenhaftigkeit der Urteile der Wirtschaftswissenschaft geben. Sogar auf dem engumgrenzten Gebiet der Rentabilitätsberechnung sind diese Urteile zwangsläufig und methodisch eingeschränkt. Zum einen legen sie auf die Kurzfristigkeit ein vielfach grösseres Gewicht als auf die Langfristigkeit, weil wir, langfristig gesehen, wie Keynes mit heiterer Brutalität bemerkte, alle tot sein werden. Und zum zweiten basieren sie auf einer Definition des Kostenbegriffs, bei dem alle <kostenlosen Güter> ausgeschlossen sind. Damit ist die gesamte gottgegebene Umwelt gemeint, abgesehen von den Teilen, die privat in Besitz genommen wurden. Das aber bedeutet, dass ein Tun auch dann wirtschaftlich sein kann, wenn es der Umwelt schadet, und dass ein damit im Wettbewerb stehendes Handeln unwirtschaftlich ist, wenn es die Umwelt mit einem gewissen Kostenaufwand schützt und bewahrt.

Darüber hinaus beschäftigt sich die Wirtschaftswissenschaft mit Waren entsprechend ihrem Marktwert und nicht entsprechend dem, was sie wirklich bedeuten. Dieselben Regeln und Massstäbe werden auf Grundstoffe angewendet, die aus der Natur gewonnen werden müssen, und auf Erzeugnisse, die das Vorhandensein von Grundstoffen voraussetzen. Alle Güter werden gleich angesehen, weil der Standpunkt im wesentlichen der des privaten Gewinnstrebens ist. Das aber bedeutet, es gehört zum System der Wirtschaftswissenschaft, der Abhängigkeit des Menschen von der Natur keine Beachtung zu schenken.

Man könnte anders formuliert sagen, die Wirtschaftswissenschaft beschäftigt sich mit Waren und Dienstleistungen unter dem Gesichtswinkel des Marktes, wo der Käufer mit dem Verkäufer zusammentrifft. Der Käufer versucht letzten Endes nur, günstig an die Waren zu kommen. Ihn interessieren der Ursprung der Waren oder die Bedingungen nicht, unter denen sie hergestellt wurden. Es geht ihm einzig darum, den höchstmöglichen Gegenwert für sein Geld zu bekommen.

Daher spiegelt der Markt nur die Oberfläche der Gesellschaft, und seine Bedeutung gibt die gegenwärtige Lage wieder, wie sie sich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zeigt. Die Tiefe der Dinge, die natürlichen oder gesellschaftlichen Tatsachen hinter ihnen, werden nicht berücksichtigt. In gewisser Hinsicht ist der Markt die Institutionalisierung des Individualismus und der Nicht-Verantwortlichkeit. Weder Käufer noch Verkäufer sind für etwas ausser sich selbst verantwortlich. Es wäre <unwirtschaftlich>, wollte ein wohlhabender Verkäufer für arme Kunden seine Preise nur deswegen senken, weil sie bedürftig sind, oder wollte ein wohlhabender Käufer nur deswegen einen höheren Preis zahlen, weil der Lieferant arm ist. Ebenso wäre es <unwirtschaftlich>, gäbe ein Käufer inländischen Erzeugnissen den Vorzug, wenn Importwaren billiger sind. Er übernimmt keine Verantwortung für die Zahlungsbilanz des Landes, und das wird auch nicht von ihm erwartet.

Im Hinblick auf die Nicht-Verantwortlichkeit des Käufers gibt es eine aufschlussreiche Ausnahme: er muss darauf achten, dass er keine gestohlenen Waren kauft. Gegen diese Vorschrift schützt weder Unwissenheit noch Schuldlosigkeit; und sie kann erstaunlich ungerechte und ärgerliche Ergebnisse haben. Dennoch ist sie erforderlich wegen der Unantastbarkeit des Privateigentums, für die sie steht.
Natürlich vereinfacht es das Geschäft ungemein, wenn man von aller Verantwortung, ausser sich selbst gegenüber, befreit ist. Dass das praktisch ist, lässt sich einsehen, und daher darf es uns nicht überraschen, dass dieser Grundsatz unter Geschäftsleuten sehr beliebt ist. Überraschung könnte höchstens auslösen, dass es ebenso als rechtschaffen gilt, diese Freiheit von Verantwortung im grössten Umfang zu gebrauchen. Schlüge ein Käufer einen guten Kauf aus, weil er hinter einem günstigen Angebot Ausbeutung oder andere niedrige Praktiken (mit Ausnahme von Diebstahl) witterte, müsste er sich <unwirtschaftliches> Verhalten vorwerfen lassen. Das aber bedeutet nichts anderes, als dass er in Ungnade fällt. Wirtschaftswissenschaftler und andere behandeln üblicherweise solch wunderliches Verhalten mit Spott, wenn nicht sogar mit Entrüstung. Die Religion der Wirtschaftswissenschaft hat ihre eigenen ethischen Grundsätze, und das erste Gebot verlangt, dass man sich <wirtschaftlich> verhält – jedenfalls bei der Herstellung, beim Verkauf oder Kauf. Erst wenn der Mensch, der nach einem günstigen Kauf strebte, nach Hause zurückgekehrt und zum Verbraucher geworden ist, gilt das erste Gebot nicht mehr. Jetzt wird er dazu ermuntert, es sich auf jegliche Weise <wohl sein zu lassen>. Aus der Sicht der Religion der Wirtschaftswissenschaft ist der Verbraucher exterritorial. Dies eigentümliche und bedeutsame Kennzeichen der modernen Welt verdient es ausführlicher als bisher dargestellt zu werden.

Auf dem Markt werden aus praktischen Gründen zahllose Qualitätsunterscheidungen unterdrückt, die für den Menschen und die Gesellschaft von lebensnotwendiger Bedeutung sind. Es wird ihnen nicht gestattet, eine stärkere Rolle zu spielen. Somit feiert die Herrschaft der grossen Zahl auf <dem Markt> ihre Triumphe. Alles wird mit allem anderen gleichgesetzt. Dinge einander gleichsetzen bedeutet, ihnen einen Preis zuzuordnen und sie so austauschbar zu machen, In dem Umfang, in dem wirtschaftliches Denken auf dem Markt vorherrscht, nimmt es dem Leben den Sinn, da etwas, das einen Preis hat, nichts Bleibendes an sich haben kann. Daher überrascht es nicht, dass selbst einfache unwirtschaftliche Werte wie Schönheit, Gesundheit oder Sauberkeit nur überdauern können, wenn sie sich als <wirtschaftlich> erweisen, sobald erst einmal wirtschaftliches Denken die gesamte Gesellschaft durchdringt.
Um nicht-wirtschaftliche Werte in den Rahmen der Wirtschaftlichkeitsberechnung zu zwängen, verwenden Wirtschaftswissenschaftler das Verfahren der Kosten-/Nutzenanalyse. Man hält sie allgemein für eine aufgeklärte und fortschrittliche Entwicklung, da sie zumindest einen Versuch darstellt, Kosten und Nutzen in Rechnung zu stellen, die sonst möglicherweise vollständig ausser acht gelassen würden. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um ein Verfahren, bei dem das Höhere auf die Ebene des Niedrigeren hinabgedrückt und dem Unvergleichlichen ein Preis zugemessen wird. Mithin kann es niemals dazu dienen, die Lage zu klären und zu einer vernünftigen Entscheidung zu führen, sondern lediglich zur Selbsttäuschung oder zur Täuschung anderer. Der Versuch, das Unmessbare messen zu wollen, ist absurd, und er stellt nichts anderes dar als ein ausgeklügeltes Verfahren, mit dessen Hilfe man von vorgefassten Ansichten zu von vornherein feststehenden Entscheidungen gelangt. Um zu den gewünschten Ergebnissen zu gelangen, muss man nur noch den unmessbaren Kosten und dem ebenso unmessbaren Nutzen passende Werte unterlegen. Doch ist die logische Absurdität noch nicht der grösste Fehler dabei: schlimmer und für die Zivilisation zerstörerisch ist der Anspruch, dass alles einen Preis hat oder, anders gesagt, dass Geld der höchste aller Werte ist.

Die Wirtschaftswissenschaft arbeitet rechtmässig und sinnvoll innerhalb eines <gegebenen> Rahmens, der vollständig ausserhalb der Wirtschaftlichkeitsberechnung liegt. Wir könnten sagen, dass Wirtschaftswissenschaft nicht auf ihren eigenen Füssen steht oder dass sie ein <abgeleitetes> Denkgebäude darstellt – abgeleitet von der Meta-Wirtschaftswissenschaft. Wenn der Wirtschaftswissenschaftler Meta-Wirtschaftswissenschaft nicht zum Gegenstand seiner Studien macht oder, schlimmer noch, wenn er sich nicht darüber klar wird, dass die Anwendung der Wirtschaftlichkeitsberechnung Grenzen hat, verfällt er wahrscheinlich einem ähnlichen Irrtum wie bestimmte mittelalterliche Theologen, die versuchten, physikalische Fragen an Hand von Bibelzitaten zu lösen. Jede Wissenschaft ist innerhalb ihrer eigenen Grenzen nützlich, sie wird aber schädlich und zerstörerisch, sobald sie diese Grenzen überschreitet.
Die Wirtschaftswissenschaft „neigt so sehr dazu, alles andere an sich zu reissen“ – und zwar heute mehr als vor 150 Jahren, da Edward Copleston auf diese Gefahr hinwies -, weil sie sich auf bestimmte, sehr starke Triebe des Menschen wie beispielsweise Neid und Habsucht bezieht. Um so grösser ist die Pflicht der Fachleute, der Wirtschaftswissenschaftler, die Begrenzungen ihres Fachs zu erkennen und darzustellen, das heisst Meta-Wirtschaftswissenschaft zu verstehen.

Was aber ist Meta-Wirtschaftswissenschaft? Da Wirtschaftswissenschaft sich mit dem Menschen in seiner Umwelt beschäftigt, können wir erwarten, dass Meta-Wirtschaftswissenschaft aus zwei Teilen besteht. Dabei beschäftigt sich der eine mit dem Menschen und der andere mit der Umwelt. Anders gesagt, wir können erwarten, dass die Wirtschaftswissenschaft die weiteren und engeren Ziele ihrer Anstrengungen aus einer Betrachtung des Menschen gewinnt und dass sie zumindest einen grossen Teil ihres Aufbaus aus einer Betrachtung der Natur herleitet.

Im nächsten Kapitel werde ich den Versuch machen zu zeigen, wie sich die Folgerungen und Lehren der Wirtschaftswissenschaft in dem Masse ändern, wie der Daseinszweck des Menschen gesehen wird. In diesem Kapitel beschränke ich mich auf eine Darstellung des zweiten Teils der Meta-Wirtschaftswissenschaft, d. h. der Art, in der ein wesentlicher Teil des wirtschaftswissenschaftlichen Systems aus einer Betrachtung der Natur abgeleitet werden muss. Wie ich schon betont habe, werden auf dem Markt alle Güter gleich behandelt, weil er in der Hauptsache dazu dient, die Gelegenheit zu einem günstigen Einkauf zu bieten. Das aber bedeutet, das System der modernen Wirtschaftswissenschaft, das so sehr marktorientiert ist, lässt die Abhängigkeit des Menschen von der natürlichen Welt völlig ausser acht. Professor E. H. Phelps Brown sprach als Vorsitzender der Royal Economic Society in seiner Ansprache mit dem Titel <Die Unterentwicklung der Wirtschaftswissenschaft> über „den geringen Anteil, den die augenfälligsten Entwicklungen der Wirtschaftswissenschaft im letzten Vierteljahrhundert bei der Lösung der drängendsten Zeitfragen hatten“. Zu diesen zählt er „die Eingrenzung der nachteiligen Folgen von Industrialisierung, Bevölkerungswachstum und Verstädterung“ für die Umwelt und die Lebensqualität.

Tatsächlich ist die Aussage „der geringe Anteil“ nichts als Schönfärberei, da in Wahrheit überhaupt kein Anteil geleistet wurde. Im Gegenteil, es wäre nicht ungerecht, wollte man sagen, dass die Wirtschaftswissenschaft, wie sie sich gegenwärtig zeigt und angewandt wird, ein äusserst wirksames Hindernis beim Verständnis dieser Fragen darstellt. Das hängt mit ihrer Sucht nach reiner Mengenanalyse und ihrer furchtsamen Weigerung zusammen, die wahre Natur der Dinge zu erkennen.

Wirtschaftswissenschaft beschäftigt sich mit einer endlosen Vielzahl von Waren und Dienstleistungen, die von einer ebenso endlosen Vielzahl von Menschen erzeugt und verbraucht werden. Es wäre selbstverständlich unmöglich, überhaupt irgendeine Wirtschaftstheorie zu entwickeln, es sei denn, man wäre bereit, einen sehr grossen Katalog qualitativer Unterscheidungen unberücksichtigt zu lassen. Doch sollte es ebenso selbstverständlich sein, dass das vollständige Ausserachtlassen qualitativer Unterscheidungen zwar einerseits das Theoretisieren vereinfacht, es zugleich aber auch gänzlich unfruchtbar macht. Die meisten der „augenfälligen Entwicklungen der Wirtschaftswissenschaft im letzten Vierteljahrhundert“ (auf die sich Professor Phelps Brown bezog) gehen in Richtung auf eine Quantifizierung und zu Lasten des Verständnisses von qualitativen Unterscheidungen. Man könnte durchaus sagen, dass die Wirtschaftswissenschaft diesen Unterscheidungen zunehmend unduldsam gegenübersteht, weil sie nicht in ihr System passen und an das praktische Verständnis sowie die Urteilskraft der Wirtschaftswissenschaftler Anforderungen stellen, die diese nicht erfüllen können oder wollen. Beispielsweise ist der zum Ökonometriker gewordene Wirtschaftswissenschaftler nicht bereit und im allgemeinen auch nicht in der Lage, nachdem er auf seine rein quantifizierende Weise den Anstieg des Bruttosozialprodukts eines Landes um, sagen wir, 5 Prozent festgestellt hat, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob das gut oder schlecht ist. Er würde alle seine Gewissheiten verlieren, wenn er solch eine Frage auch nur erwöge: Anwachsen des Bruttosozialprodukts muss gut sein, unabhängig davon, was angestiegen ist und wer – wenn überhaupt jemand – davon einen Nutzen hatte. Die Vorstellung, dass es sich um krankhaftes Wachstum handeln könnte, um ungesundes, zerstörerische, oder schädliches Wachstum, ist für ihn eine widernatürliche Vorstellung, der man nicht nachgehen darf. Gegenwärtig fängt eine kleine Minderheit von Wirtschaftswissenschaftlern an, die Frage zu stellen, wieviel <Wachstum> noch möglich ist, da unendliches Wachstum in einer endlichen Umgebung offenbar unmöglich ist. Doch nicht einmal sie können sich von der rein auf Mengenwachstum bezogenen Vorstellung lösen. Statt dass sie auf dem Vorrang qualitativer Unterscheidungen bestehen, setzen sie lediglich Nicht-Wachstum an die Stelle von Wachstum, das heisst einen leeren Begriff an die Stelle eines anderen.

Selbstverständlich stimmt es, dass Qualität weit schwieriger zu <handhaben> ist als Mengen, so wie auch das Urteilen eine höhere Fähigkeit darstellt als das Zählen und Rechnen. Mengenunterschiede lassen sich leichter fassen und gewiss leichter definieren als Qualitätsunterschiede, ihre Greifbarkeit ist bestechend und gibt ihnen den Anschein wissenschaftlicher Genauigkeit, selbst wenn diese Genauigkeit durch Weglassen wesentlicher Qualitätsunterschiede erkauft wurde. Die grosse Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler verfolgt noch immer die sinnlose Idealvorstellung, sie müssten ihre <Wissenschaft> so wissenschaftlich und genau wie die der Physik machen, als gäbe es keine Qualitätsunterschiede zwischen unbeseelten Atomen und nach dem Bilde Gottes erschaffenen Menschen!
Güter sind der Hauptgegenstand der Wirtschaftswissenschaft. Wirtschaftswissenschaftler machen einige nicht sehr weitgehende Unterscheidungen zwischen Arten von Gütern, vom Standpunkt des Käufers gesehen, wie beispielsweise die zwischen Verbrauchsgütern und Produktionsgütern. Doch wird fast überhaupt nicht der Versuch unternommen, von dem Kenntnis zu nehmen, was solche Güter tatsächlich darstellen beispielsweise ob sie von Menschenhand gemacht sind oder aus der Natur kommen, ob sie leicht zu erneuern sind oder nicht. Wenn Güter, gleich welcher Art, im Hinblick auf die Meta-Wirtschaftswissenschaft erst einmal auf dem Markt sind, werden sie wie alle zu verkaufenden Gegenstände behandelt, und der Wirtschaftswissenschaft geht es in erster Linie um eine theoretische Abhandlung der Tätigkeiten des Käufers, die darauf abzielen, einen günstigen Kauf zu machen.
Es ist jedoch eine Tatsache, dass es grundlegende und wesentliche Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von <Gütern> gibt, die nicht ausser acht gelassen werden dürfen, will man nicht den Bezug zur Wirklichkeit verlieren. Das Nachstehende könnte man eine Minimal-Darstellung der Gütergruppen nennen:

Es könnte, das sei gleich gesagt, kaum eine bedeutendere Unterscheidung geben als die zwischen naturgegebenen und von Menschenhand geschaffenen Gütern, da letztere das Vorhandensein ersterer voraussetzen. Eine Erweiterung der Fähigkeit des Menschen, selbst Güter zu schaffen, ist dann sinnlos, wenn ihr nicht eine Erweiterung seiner Fähigkeit zur Gewinnung von naturgegebenen Gütern aus der Erde vorausgeht. Immerhin ist der Mensch kein Erzeuger, sondern lediglich ein Umwandler, für jede Umwandlungstätigkeit aber braucht er Grundstoffe. Insbesondere hängt seine Fähigkeit zur Umwandlung von primärer Energie ab, was sofort auf die Notwendigkeit einer überaus wichtigen Unterscheidung auf dem Gebiet der Grundstoffe verweist, nämlich jener zwischen erneuerbaren und nicht-erneuerbaren. Hinsichtlich der von Menschenhand geschaffenen Güter besteht ein deutlicher und grundlegender Unterschied zwischen Erzeugung und Dienstleistung. Damit sind wir bei einer Mindestzahl von vier Gruppen, von denen sich jede wesentlich von jeder der drei anderen unterscheidet.

Von diesen Unterscheidungen weiss der Markt nichts. Er versieht alle Güter mit einem Preisschild und ermöglicht es uns damit, so zu tun, als wären sie alle von gleicher Bedeutung. Öl für fünfundzwanzig Mark (Gruppe 1) ist gleich Weizen für fünfundzwanzig Mark (Gruppe 2), der wiederum ist gleich Schuhen für fünfundzwanzig Mark (Gruppe 3) oder Hotelunterkunft für fünfundzwanzig Mark (Gruppe 4). Das einzige Bestimmungskriterium für die relative Wichtigkeit dieser verschiedenen Güter ist der Gewinnsatz, der sich dadurch erzielen lässt, dass man sie zur Verfügung stellt. Wenn die Gruppen 3 und 4 einen höheren Gewinn erbringen als die Gruppen 1 und 2, wird das als <Anzeichen> dafür angesehen, dass es <vernünftig> ist, dort zusätzliche Mittel einzusetzen und sie von den letzteren abzuziehen.

Mir geht es hier nicht um eine Diskussion der Zuverlässigkeit oder Vernunft des Marktmechanismus, dessen, was Wirtschaftswissenschaftler die <unsichtbare Hand> nennen. Darüber ist endlos diskutiert worden, aber immer wieder, ohne auf die grundlegende Unvergleichbarkeit der vier oben aufgezeigten Gruppen zu achten. Es blieb beispielsweise unbemerkt – oder, wenn man es bemerkte, hat man es bei der Abfassung der Wirtschaftstheorie nie ernst genommen , dass die Vorstellung von <Kosten> wesentlich verschieden ist, je nachdem ob es sich um erneuerbare oder nicht-erneuerbare Güter handelt. Das gilt auch für Erzeugnisse gegenüber Dienstleistungen. Ohne weiter in Einzelheiten gehen zu wollen, kann man sogar sagen, dass die Wirtschaftswissenschaft, wie sie sich gegenwärtig darstellt, vollständig nur auf die Produktion (Gruppe 3) Anwendung findet, jedoch unterschiedslos auf alle Güter und Dienstleistungen angewendet wird, weil ein Verständnis der wesentlichen qualitativen Unterschiede zwischen den vier Gruppen vollständig fehlt.

Diese Unterschiede kann man insofern meta-wirtschaftswissenschaftlich nennen, als sie erkannt werden müssen, bevor die wirtschaftliche Analyse beginnen kann. Noch wichtiger ist die Erkenntnis des Vorhandenseins von <Gütern>, die niemals auf dem Markt erscheinen, weil sie nicht privat angeeignet worden sind oder weil das nicht möglich ist, die aber dennoch eine wesentliche Vorbedingung allen menschlichen Tuns sind, wie zum Beispiel Luft, Wasser, Boden und überhaupt der gesamte Rahmen der lebenden Natur.

Bis vor ziemlich kurzer Zeit hielten die Wirtschaftswissenschaftler sich für berechtigt, und das aus hinlänglich gutem Grund, den gesamten Rahmen, innerhalb dessen wirtschaftliches Handeln stattfindet, als gegeben, das heisst als ständig und unzerstörbar, zu behandeln. Es war nicht Teil ihrer Aufgabe und wohl auch nicht ihrer beruflichen Zuständigkeit, die Wirkungen wirtschaftlichen Tuns auf den Rahmen zu untersuchen. Da jetzt aber zunehmende Anzeichen von Umweltzerstörung vorliegen, insbesondere in der lebenden Natur, werden die gesamte Sehweise und das System der Wirtschaftswissenschaft in Frage gestellt. Die Beschäftigung mit der Wirtschaftswissenschaft ist zu eingeschränkt und zu lückenhaft, als dass sie zu gültigen Erkenntnissen führen könnte, es sei denn, sie würde durch eine Beschäftigung mit Meta-Wirtschaftswissenschaft ergänzt und vervollständigt.

Die Schwierigkeit liegt, wenn die Mittel höher eingeschätzt werden als die Ziele – wie Keynes bestätigt hat, die Haltung der modernen Wirtschaftswissenschaft -, darin, dass dadurch die Freiheit des Menschen und seine Fähigkeit zerstört wird, das zu wählen, was er wirklich will. Die Entwicklung der Mittel diktiert sozusagen die Wahl der Wünsche. Naheliegende Beispiele sind das Streben nach Überschallgeschwindigkeit in der Luftfahrt und die ungeheuren Anstrengungen, die unternommen wurden, um Menschen auf dem Mond landen zu lassen. Die Formulierung dieser Ziele entstand nicht aus einer Erkenntnis wirklicher menschlicher Bedürfnisse und Wünsche, denen die Technik eigentlich dienen soll, sondern ausschliesslich daraus, dass die erforderlichen technischen Mittel zur Verfügung zu stehen schienen.

Wie wir gesehen haben, ist die Wirtschaftswissenschaft eine <abgeleitete> Wissenschaft, die Anweisungen von dem empfängt, was ich Meta-Wirtschaftswissenschaft genannt habe. So wie die Anweisungen sich ändern, ändert sich der Inhalt der Wirtschaftswissenschaft. Im folgenden Kapitel soll untersucht werden, was für wirtschaftliche Gesetze und was für Definitionen der Vorstellungen <wirtschaftlich> und <unwirtschaftlich> sich ergeben, wenn wir die meta-wirtschaftswissenschaftliche Grundlage des westlichen Materialismus verlassen und die Lehre des Buddhismus an seine Stelle setzen. Die Wahl des Buddhismus für diesen Zweck ist rein zufällig; ebensogut hätte die Lehre des Christentums, des Islam oder des Judentums oder die jeder anderen der grossen östlichen Überlieferungen eingesetzt werden können.«

Schumacher, E. F. Small is beautiful: Die Rückkehr zum menschlichen Maß. 1977. S. 36-47.

Die erste Vorlesung der Wirtschaftswissenschaften sollte dies zum Inhalt haben.

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