Wegwerfgesellschaft. Wir kaufen, benutzen und werfen es weg. Langlebige Güter sind langweilig, Reparaturen zu umständlich, zu teuer. Billige Produkte attraktiv. Wir kennen von all den Dingen den Preis, von wenigen den Wert. Welch ein Gegensatz dazu stellt das japanische Prinzip ›Schönheit im Gebrauch‹ dar.

Kurzer Originalauszug aus der Neue Züricher Zeitung:

»Das Verständnis von «Schönheit im Gebrauch» (yô no bi) ist auch Grund dafür, warum in Japan Gebrauchsspuren oder mit Goldlack reparierte Bruchstellen (kintsugi) ein Objekt bisweilen noch wertvoller machen. Die Patina der Abnutzung entspricht japanischem Schönheitsempfinden. Zu diesem zählt auch die Wertschätzung des Asymmetrischen und manchmal Sperrig-Spröden. Hinzu kommt eine Vorliebe für die Spuren der Herstellung: Das Spiel des Zufalls, das durch die unberechenbaren Kräfte des Feuers beim Holzofenbrand entsteht, ist oft wichtiger Bestandteil der Gestaltung. So gelten etwa durch Ascheanflug spontan entstandene Glasuren als Ausdruck kunstvoller Natürlichkeit.«

Philipp Meier

 

Schönheit im Gebrauch, das Gegenteil unserer aktuellen Werbung. Diese sagt:

  • Schönheit im Neuen,
  • Schönheit im Jugendlichen,
  • Schönheit des Makellosen,
  • Schönheit im Angepassten

Alles muss perfekt sein, ohne Gebrauchsspuren.

Keine Gebrauchsspuren bitte

Das fängt beim Menschen an, der sollte jung, dynamisch, gutaussehend sein. Gebrauchsspuren des Lebens sind unerwünscht, diese führen zur Abwertung oder gelten als ein Zeichen von einem kurz bevorstehenden Ende – dem Tod. So findet vieles Gebrauchte schnell seinen Weg in den Müll. Ja, wir kaufen es nur noch für den kurzen Gebrauch. Noch schlimmer, viele produzieren absichtlich nur noch für den kurzen Gebrauch (die Wissenschaft nennt dies: geplante Obsoleszenz).

Identität, Einzigartig durch Schönheit im Gebrauch

Schönheit im Gebrauch schafft Identität, Einzigartigkeit, Verbundenheit und Meisterschaft. Ein Leben mit ›Makeln‹, und ein jeder hat aus Sicht der anderen einen Makel. Oder auf der anderen Seite, keiner hat einen Makel – jeder ist, wie er ist. Es gibt nichts wegzunehmen oder hinzuzufügen. Hierzu passt die Diskussion über genetische Anpassungen von Embryos – auch hier gilt es das Neue, das Makellose zu schaffen, das ewig Perfekte.

Zufriedenheit schafft kein Konsum

Perfekt sein, eine Illusion, der wir nacheifern, obwohl wir es bereits sind – jeder auf seine eigene Art und Weise. Nicht im gesellschaftlichen geforderten Sinn, sondern im menschlichen Sein. Doch wenn jeder mit sich zufrieden wäre, wäre die Beeinflussung des Menschen sehr viel schwieriger. Unzufriedene Menschen sind leichter beeinflussbar, sie sehnen sich nach etwas. Böse Zungen würden sagen, dass man nur noch das Wünschenswerte intelligent vorgeben muss und automatisch zeigen sich Wege der Steuerung von Gesellschaften auf.

Schönheit im Gebrauch, ein Schreckgespenst für den Kapitalismus. Wer soll all die neuen Dinge kaufen, die in den Warenhäuser und Internetshops auf Abnehmer warten? Kauft Leute, kauft ein. Stärkt die Konjunktur, stärkt die Wirtschaft. Kauft ein, auch wenn ihr dieses Ding schon besitzt, oder nicht braucht oder kein Geld habt (oder alles drei zusammen). Die Konjunktur will gefüttert werden, will neue Geldopfer. Schließlich geht es dir nur mit Konsum gut, also kannst du ein dabei reines Gewissen haben. Du tust etwas für die Konsumgesellschaft.

Nur verschuldete Konsumenten sind brave Bürger

Der Konjunktur liebstes Kind ist schließlich die Wegwerfgesellschaft. Langfristig wäre es dann von Vorteil, wenn du so kaufst, dass du in eine Schuldenspirale gelangst, dann bist du noch leichter steuerbar. Schließlich will der Kredit getilgt werden – und neue Wünsche stehen schon wieder an – also nimm neue Kredite auf, solange die Konjunktur läuft, ist alles kein Problem. Kauft Leute, kauft ein, die Konjunktur dankt es euch.

Und falls du nicht mehr weist, wohin mit den ganzen Dingen, gib es doch Organisationen, die „gutes“ damit tun. Deine Kleider zum Beispiel. Auf das diese in ärmeren Ländern die Textilwirtschaft zerstören oder für gutes Geld dort verkauft werden.

Abschlussfrage

Schönheit im Gebrauch, wer braucht das schon?

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