Ziele sind wichtig, dass Lesen, Hören wir es überall. Vor allem im beruflichen Kontext sind Ziele unverzichtbar. Wer etwas erreichen möchte, der sollte Ziele haben. Gibt es für unsere Gesellschaft schlimmeres, als ›ziellos‹ zu sein?

»“Können Sie mir bitte sagen, welchen Weg ich von hier aus einschlagen muss?“ fragte Alice. „Das hängt im wesentlichen davon ab, wohin du willst“, sagt die Katze. „Ach, das ist mir ziemlich gleichgültig“, meinte Alice. „Dann ist es auch egal, welchen Weg du einschlägst“, erwidert die Katze. „solange ich nur irgendwo herauskomme“, fügte Alice erklärend hinzu. „Das wirst Du bestimmt“, sagte die Katze, „wenn du nur lange genug gehst.“«

Lewis Carroll, ‚Alice im Wunderland‘

Diese Geschichte beschreibt die Wichtigkeit von Zielen. Ziele sollen uns helfen den Fokus zu halten, die Richtung zu kennen, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden und vor allem die Zielerreichung ermöglichen. War es nicht Seneca, der sagte:

„Wer den Hafen nicht kennt, in den er segelt, für den ist kein Wind ein guter!“

Seneca

Ein Ziel hilft uns auf dem Weg zu bleiben, moderner ausgedrückt – die Motivation zu fördern.

Die Wissenschaftlerinnen Fischbach und Choi haben dies genauer untersucht. Sie behaupten, dass Ziele der Motivation schaden können –  genauer gesagt, dass die Fokussierung auf das Ziel die Zielerreichung gefährden kann.

Hier kurz eines der vier Experimente. An einer Hochschule wurden 103 Studenten in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe sollte ihre Ziele beschreiben, die sie durch die Nutzung des Laufbands erreichen wollten. Diese Ziele sollten sie beim Trainieren ständig vor Augen haben. Z. B. „Ich möchte abnehmen“ oder „Ich will Muskeln aufbauen“.

Die andere Gruppe sollte sich nicht auf das Ziel, sondern auf den Weg, auf das Erlebnis Fitnessstudio, konzentrieren. Dazu sollten sie den Ablauf des Trainings genau beschreiben. In etwa: „Nach dem Umziehen dehne ich mich – und steige dann auf das Laufband. Diese Gedanken sollten sie während dem Training ständig vor Augen halten.

Die erste Gruppe (mit den Gedanken an das Ziel) wollte im Schnitt 47 Minuten trainieren, die Erlebnis-Gruppe 38 Minuten. Doch wie lange hat jede Gruppe wirklich trainiert? Die Ziel-Gruppe hat kürzer trainiert als geplant, 40 Minuten. Hingegen hat die Erlebnis-Gruppe 42 Minuten trainiert, länger als geplant.

Die Motivation der Ziel-Gruppe war zu Beginn höher, jedoch lies die Motivation anscheinend während des Trainings nach. Die Erlebnis-Gruppe hat sich auf den Weg konzentriert und hat sich in der Dauer gesteigert – über das Niveau der Ziel-Gruppe. (Quelle: Ayelet Fishbach und Jinhee Choi (2012). When Thinking about Goals Undermines Goal Pursuit. Organizational Behavior and Human Decision Processes, Band 118, Ausgabe 2, Seite 99 – 107)

Es gibt ein Ziel, dass viele – westlich geprägt – gemeinsam haben. Geld auf die Seite legen, um im Ruhestand das tun zu können, was ›man‹ ›wirklich‹ will. Das Leben läuft so ab:

  • Schule, natürlich Abitur, gute Noten sind wichtiger als gute Bildung
  • Studium, natürlich mit Auslandsaufenthalt und sozialen Projekten, gibt Bonuspunkte im Assessment Center
  • Arbeit, natürlich Überstunden als Normalfall, um die Identifikation mit dem Unternehmen zu unterstreichen
  • Urlaub, natürlich nur, wenn es betrieblich passend ist, und warum sollst du alle Urlaubstage nehmen, weniger kommt besser an
  • Burn out, die erste Auszeichnung für dich, du gehst über die Grenzen, um das Optimum für die Firma zu erreichen
  • Erster Herzinfarkt, eine weitere Auszeichnung für dich, du hast bewiesen, dass die Firma über deine Gesundheit geht
  • Tinitus, du bist auf dem besten Weg die Karriereleiter weiter aufzusteigen, du hast bewiesen Widerstände zu überwinden
  • Zweiter Herzinfarkt, du hast eine wirklich hohe Identifikation mit der Firma, du bist ein großes Vorbild

Irgendwann gehst du in Rente. Bei deiner Verabschiedung loben alle dein Tätigsein, dein Einsatz für die Firma. Dein Umgang mit beruflichen und persönlichen Rückschlägen (die Scheidung von deiner ersten Frau inklusive) haben dich nicht abgehalten, alles für die Firma zu geben. Jetzt wünschen sie dir viel Zeit mit deinen Enkeln (deine Kinder hast du vor der Scheidung kaum gesehen, danach noch seltener) und Zeit für deine Hobbys.

Deine Karriere, dein Weg hat dir folgendes beschert:

  • gesundheitlich bist du mehr als angeschlagen (Burn out inkl. Depression, Tinitus, zwei Herzinfarkte)
  • Familiär kennst du deine Kinder kaum, die Enkel siehst deshalb kaum
  • partnerschaftlich ist deine Lebensabschnittsgefährtin noch im Berufsleben und hofft, dass du dich alleine beschäftigen kannst
  • Hobbys hast du nicht gepflegt, sondern deren Ausübung auf die Rente verschoben
  • beruflich treten deine Nachfolger nicht in deine Spuren, sondern gehen neue Wege
  • Freund- und Bekanntschaften bezogen sich meist auf die Arbeit, deine Nachbarn kennst du kaum
  • Wohnungsort ist dein Haus, dass für dich allein viel zu groß ist
  • Finanziell mangelt es dir nicht an Geld, du weißt nur nicht, welchen Sinn es dir jetzt bringt
  • ist aber nicht so wichtig, weil deine Gesundheit kaputt ist – du stirbst nach ein paar Jahren

Dein Lebensmotto: „Das Leben hat ein Ziel, der Weg zu diesem Ziel ist reines Mittel zum Zweck.“

Gibt es eine Alternative?

Heinrich Böll hat eine kleine Geschichte (‚Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral‘) geschrieben:

»In einem Hafen an der westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze.

Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind, ein drittes Mal: klick.
Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner Zigarettenschachtel angelt, aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab. Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist – der Landessprache mächtig – durch ein Gespräch zu überbrücken versucht.

„Sie werden heute einen guten Fang machen.“ 
Kopfschütteln des Fischers.
 „Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter günstig ist.“
 Kopfnicken des Fischers.
 „Sie werden also nicht ausfahren?“
 Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpasste Gelegenheit.
 „Oh, Sie fühlen sich nicht wohl?“ 
Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über. „Ich fühle mich großartig“, sagt er. „Ich habe mich nie besser gefühlt.“
 Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist.
 „Ich fühle mich phantastisch.“
Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht:
 „Aber warum fahren Sie dann nicht aus?“

Die Antwort kommt prompt und knapp. 
“Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.“ 
“War der Fang gut?“
 „Er war so gut, dass ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen …“ 
Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen beruhigend auf die Schultern. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis.
 „Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug“, sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. 
“Rauchen Sie eine von meinen?“
 „Ja, danke.“
Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen.
 „Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen“, sagt er, „aber stellen Sie sich mal vor, sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen… stellen Sie sich das mal vor.“

Der Fischer nickt.
 „Sie würden“, fährt der Tourist fort, „nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?“ 
Der Fischer schüttelt den Kopf.
 „Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden …“, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, „Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben. Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann …“, wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen.
 „Und dann“, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache.

Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. 
“Was dann?“ fragt der Fischer leise.
 „Dann“, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.“
 „Aber das tue ich ja schon jetzt“, sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“ 
Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.«

Heinrich Böll

Der Fischer weiß, was ihm wichtig ist. Er kennt sein Ziel und lebt es jeden Tag. Ziele sind wichtig, sie geben dem Leben Richtung.

Genauso wichtig, wie das Ziel, ist jedoch den Weg dorthin achtsam zu gehen. Vor lauter Zielen vor allem das ›Wie‹ der Zielerreichung intensiv zu erleben, zu geniessen. Freude und Lust aus der Tätigkeit an sich zu schöpfen.

Das ›Wie‹ der Zielerreichung prägt dich sehr viel stärker, als die Zielerreichung selbst.

Motto: »Wir sind nicht was wir erreicht haben, sondern ›wie‹ wir es erreicht haben.«

Gleicht dein Leben dem Modell ›Karriere‹ oder der Modell ›Fischer‹? Wie geht es dir mit deinem Lebensmodell?

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