Persönliches

Wilhelm Schmid, * 1953

Zitate

»Der Mensch akzeptiert nur Grenzen, die er selbst als solche erfährt, mag er dabei auch bittere Erfahrungen machen. Seinen Eigensinn, die ihm auferlegten und von ihm selbst gesetzten Grenzen stets von Neuem in Frage zu stellen, nennt er Freiheit. Die Epoche ihrer umfangreichsten Verwirklichung nennt er Moderne.«

Schmid, Wilhelm. Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt. Originalausgabe. Suhrkamp Verlag, 2013. S. 9.

»Sokrates konnte seiner eigenen Ehe mit Xanthippe damit nicht weiterhelfen, aber die Grundidee blieb fortan im Spiel, nämlich mithilfe von Reflexion immer wieder die Realität der Ehe zu durchbrechen und sich zu fragen: Ist es das, was wir uns vorgestellt haben? Wer hat überhaupt welche Vorstellung? Welche andere Vorstellung ist möglich? Wie ist sie zu realisieren?«

Schmid, Wilhelm. Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt. Originalausgabe. Suhrkamp Verlag, 2013. S. 17.

»Lange Zeit in der Geschichte war in Form von Normen vorgegeben, was Ehe ist. Nie in der Geschichte mussten Menschen lernen, sich individuell selbst Formen zu geben, etwas mit einer Ethik der Ehe, um selbst die Werte festzulegen, an denen sie ihre Lebensführung orientieren können, und mit einer ehelichen Lebenskunst sich auch zu realisieren. In der Zeit ihrer größten Gefährdung wird die Ehe endgültig zu gewagten Lebensform, zum Experiment, befreit von Vorgaben der Religion (wie Gott es den Menschen befiehlt), der Tradition (wie es immer schon gemacht worden ist), der Konvention (wie all es machen), und der Natur (die den Menschen die Fortpflanzung auferlegt hat).«

Schmid, Wilhelm. Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt. Originalausgabe. Suhrkamp Verlag, 2013. S. 17.

»Unvereinbar ist die Ehe wohl nur mit der Vollzeitleidenschaft, deren Energieniveau nicht durchzuhalten ist, leicht vereinbar aber mit der Teilzeitleidenschaft, die phasenweise gelebt werden kann. Sie erlaubt das Leben damit, dass die Leidenschaft pausiert, wenn Alltag vorherrscht, und wieder aufflammt, wenn ihr Gelegenheit dazu gegeben wird.«

Schmid, Wilhelm. Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt. Originalausgabe. Suhrkamp Verlag, 2013. S. 27.

»Sich im Hin und Her zwischen Freiheit und Bindung aber nicht entscheiden zu können, führt zur Erfahrung der Zerrissenheit, die moderne Menschen beklagen: In der Bindung leiden sie an Einschränkungen der Freiheit, aus denen das Bedürfnis hervorgeht, davon wieder frei sein zu wollen. Im Zustand des Bereitseins kommen sie dann oft zur Auffassung, dass sie mit sich allein auch nicht recht glücklich sind und sehen sich erneut nach Bindung.«

Schmid, Wilhelm. Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt. Originalausgabe. Suhrkamp Verlag, 2013. S. 39.

»Je ungewisser die Verhältnisse der äußeren Welt, desto stärker das Bedürfnis, sich in diesen Kokon von Abläufen einzuspinnen, in denen jeder sich aufgehoben fühlen kann. In der großen, unübersichtlichen Welt, die verlockend, aber auch bedrohlich erscheint, ist die Familie der Bau einer kleine, überschaubaren Welt, ausreichend in sich geschlossen, um vor äußeren Bedrohungen zu schützen, ausreichend in sich differenziert, um Bewegung und Abwechslung zu ermöglichen. Sein ganzes Leben lang kann der Einzelne von diesem Raum aus aufbrechen und zu ihm zurückkehren: Hier sind Menschen, die meine Geschichte kennen und ich ihre, die vieles mit mir erlebt haben und ich mit ihnen, Menschen, die sich aufrichtig für mich interessieren und ich mich für sie, die mir helfen und ich ihnen. Immer ist da jemand, der ansprechbar ist und wissen will, was ich erlebt habe, was ich mache, was ich vorhabe.«

Schmid, Wilhelm. Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt. Originalausgabe. Suhrkamp Verlag, 2013. S. 40.

»Mit seinem Neid zeigt ein Mensch zuverlässig an, dass er das Gefühl für den eigenen Wert nicht hinreichend aus sich selbst bezieht, sodass er auf den Vergleich mit Anderen angewiesen ist, die im Verdacht stehen, mehr zu haben, wovon auch immer: Ideelle, materielle, sexuelle oder sonstiges Ressourcen.«

Schmid, Wilhelm. Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt. Originalausgabe. Suhrkamp Verlag, 2013. S. 91.

»Kinder sind nicht modern, die moderne Welt hat sich von Anfang an damit schwergetan, einen Platz für sie zu finden. In einem langwierigen Prozess erst ist es gelungen, Schutzräume für sie zu schaffen, Kinderspielplätze, Kinderhorte, Kindergärten, in denen sie vor den Bedrohungen durch technische Errungenschaften der Moderne sicher sind.«

Schmid, Wilhelm. Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt. Originalausgabe. Suhrkamp Verlag, 2013. S. 98.

»Von Vorteil ist, wenn in Gedanken die Gegensätze, Widersprüche und Widrigkeiten des Lebens als Elemente eines Glücks der Fülle betrachtet werden können. Das wird erleichtert von der Auffassung, dass schwierige Situationen zum Leben gehören und dass es möglich ist, sich in ihnen zu behaupten. Es wird erschwert vom Versuch, dem Leben einen Sinn zu geben, den es nicht erfüllen kann, beispielsweise immer nur positive Erfahrungen bereitzuhalten. Die Polarität des Lebens als Gegebenheit zu akzeptieren, liegt Kindern ohnehin nahe, nur bei Erwachsenen wird eine Frage der bewussten Haltung daraus, um außer Freuden auch Belastungen, außer Erfolgen auch Misserfolge, außer dem angenehmen Wohlgefühl auch ein Unwohlsein, außer Lüsten auch Schmerzen, außer der Oberfläche auch Abtrünnigkeit besser verkraften zu können.«

Schmid, Wilhelm. Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt. Originalausgabe. Suhrkamp Verlag, 2013. S. 120-121.

»Wir haben maximale Erwartungen an das Leben. Das Leben soll unendlich viel Spaß bringen. Es soll uns immer gesund lassen. Es soll Lust bereit halten. Es soll uns Erfolg bringen und bloß niemals Misserfolg. Und wenn es dann zum Absturz kommt, was unweigerlich der Fall ist bei so hohen Erwartungen, wissen Menschen mit diesem Absturz nichts anzufangen, denn der gehört für sie ja nicht zum Leben.«
»Es wäre höchst sinnvoll, die Erwartung an das Leben auf ein sinnvolles Maß zurück zu bringen. Denn dann kann ich maximale Offenheit haben für das Leben und in das Leben gehen, es nicht festlegen von vornherein, sondern dann die Erfahrungen auf mich wirken lassen und auf die Erfahrungen reagieren.«

Schmid, Wilhelm. Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt. Originalausgabe. Suhrkamp Verlag, 2013.

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