An dir liegt es nicht, du strengst dich jeden Tag nach bestem Wissen und Gewissen an. Du könntest ein wertvoller Mitarbeiter sein, wenn nur das Umfeld anders wäre. Du könntest der beste Partner sein, wenn nur deine Partnerin verständnisvoller wäre. Du könntest viel freundlichen zu anderen Menschen sein, wenn diese nur ein wenig aufmerksamer wären. Du würdest gerne dein ganzes Potenzial entfalten, zeigen was in dir steckt, doch irgendwie ergibt sich nie die passende Gelegenheit. Das Leben ist ungerecht, vor allem zu dir.

Du lebst in deiner Scheinwelt

Du hast es dir gemütlich gemacht in deiner Gedankenwelt. Schmollend in der Ecke, gibst du die Verantwortung für dein Sein an andere Menschen, an dein Umfeld, an die ›Umstände‹.

Die Unzufriedenheit nagt an dir, nagt an deiner Laune, deiner Stimmung, deinem Umgang mit anderen Menschen, deiner Möglichkeit im Augenblick zu sein, anzunehmen was ist. Deine Gedanken wandern oft in eine Zukunft, in der es anders sein könnte oder in die Vergangenheit und du trauerst den vergebenen Möglichkeiten nach. Doch vor allem verurteilst du andere Menschen, dass sie so sind, wie sie zu dir sind, du verurteilst dein Umfeld, die Umstände. Nichts ist dir gut genug.

Nichts ist dir genug

Dieses ›Nichts ist dir genug‹ ist unabhängig von dem, was du scheinbar erreicht hast. Du kannst viel Geld verdienen, Karriere machen oder dir einen langgehegten Traum erfüllt haben, dich erfüllt es nicht. Jede Abweichung von deiner Erwartung vom Leben deutest du als Misserfolg, als Rückschlag, als Niederlage.

»Wir haben maximale Erwartungen an das Leben. Das Leben soll unendlich viel Spaß bringen. Es soll uns immer gesund lassen. Es soll Lust bereit halten. Es soll uns Erfolg bringen und bloß niemals Misserfolg. Und wenn es dann zum Absturz kommt, was unweigerlich der Fall ist bei so hohen Erwartungen, wissen Menschen mit diesem Absturz nichts anzufangen, denn der gehört für sie ja nicht zum Leben.«

Wenn in dieser Gedankenwelt weiter leben willst, dann lies nicht weiter. Höre nun auf. Bist du sicher, dass du weiterlesen möchtest? Du hast es dir gemütlich in deiner Gedankenwelt eingerichtet, warum – die zwar nicht kuschelige Ecke, aber immerhin ist es deine Ecke – verlassen? Warum die Energie vergeuden, aufzustehen und aus deiner Ecke kommen? Du kannst diesen Blogeintrag einfach schließen und so weiterleben wie bisher.

Woher das Chaos kommt

Chögyam Trungpa bringt es auf den Punkt:

»Ein großer Teil des Chaos in der Welt rührt daher, daß die Menschen keine Wertschätzung für sich selbst besitzen. Wer gegenüber sich selbst keine Sympathie und geduldige Nachsicht aufbringt, kann keine Harmonie und keinen Frieden in sich erfahren, und so projiziert er seine eigene Disharmonie und Verwirrung auch auf andere. Anstatt unser Leben richtig zu würdigen, nehmen wir es entweder schlicht als gegeben hin oder empfinden es als mühselig und deprimierend. Manch einer droht mit Selbstmord, weil das Leben ihm nicht gibt, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Das kann in regelrechter Erpressung anderer Menschen ausarten. Natürlich sollen wir das Leben ernst nehmen, aber das hat gewiß nichts damit zu tun, sich durch ewiges Wehklagen oder durch endlos schwelenden Groll gegen die Welt an den Rand der Katastrophe zu treiben. Wir müssen die Verantwortung für die Qualität unseres Lebens selbst übernehmen.«

Chögyam Trungpa

Er spricht zwei Dinge an. Wertschätzung für dich selbst und die Übernahme der Verantwortung dein Leben.

Wertschätzung für dich

Das klingt schwierig: Wirkliche Wertschätzung für sich selbst. Ist es auch. Warum?

  • Weil unsere Konsum-Gesellschaft davon lebt, dass Menschen ein geringes Selbstwertgefühl haben, damit sie im Konsum ihr Heil suchen (jedoch nie finden).
  • Weil wir in der Schule Gewinner und Verlierer produzieren. Die Verlieren lernen, dass sie schlecht sind, das stärkt ihren Selbstwert nicht. Die Gewinner lernen, dass sie sich anstrengen müssen, um kein Verlierer zu werden. Lebenslanges Lernen, Flexibilität, maixmaler Einsatz (Zeit, Energie) und eine strikte Orientierung an der Leistungserzielung (und nicht an Werten, Ethik, Gesellschaft, …).
  • Weil wir glauben (es wird von vielen Seiten suggeriert), dass Leistung zu Erfolg führt. Dabei ist die eigene hervorragende Leistung kein Garant für das Erreichen seiner Ziele oder für Erfolg (siehe auch Jens Corssen, Der Selbst-Entwickler).
  • Weil es kaum Vorbilder in unserer Kultur gibt, die sich selbst wirklich wertschätzen.
  • Weil viele von uns achtlos Nahrung in sich aufnehmen. Sie handeln wie ein Auto. Hauptsache etwas im Magen, damit der Motor und die Pumpe weiter läuft. Welche Qualität dieses etwas hat, spielt keine Rolle. Meistens achten sie mehr auf das Motoröl ihres Autos, als auf das Öl des eigenes Salat (vom Preisunterschied sprechen wir lieber nicht).
  • Weil viele von uns kaum Zeit für sich haben. Meist belästigt uns irgendeine visuelle Quelle, der Fernseher, Werbebilder, Leuchtreklame. Oder das Smartphone verlangt unsere Aufmerksamkeit. Facebook, Twitter & Co. verführen uns zu ständigen auf dem aktuellen bleiben.

Wertschätzung braucht Zeit

Um Wertschätzung für dich selbst zu entwickeln brauchst du Zeit. Selbstwertschätzung gibt es nicht im Supermarkt, gibt es nicht durch den Kauf einer Jeans einer angesagten Marke, gibt es nicht durch möglichst viele ›Freunde‹ auf Facebook. Selbstwertschätzung entsteht einzig und alleine in dir, durch dich. Chögyam Trungpa spricht in diesem Sinne von einer Arbeitsbasis.

»Wir haben als Menschen eine Arbeitsbasis in uns, eine feste Grundlage, auf der wir Mut fassen und von der aus wir unser Leben entwickeln können. Diese Arbeitsbasis steht uns immer zur Verfügung. Wir haben einen Geist und einen Körper, die für uns sehr kostbar sind. Weil wir Geist und Körper haben, können wir diese Welt begreifen. Das Dasein ist wunderbar und kostbar. Wir wissen nicht, wie lange unser Leben dauern wird, also warum nicht etwas damit anfangen, solange wir es haben? Und bevor wir noch etwas damit anfangen: Warum nicht das Leben einfach bejahen?«

Chögyam Trungpa

Schaue in den Spiegel und bejahe was du siehst. Lasse Gedanken los, die dir suggerieren, dass dich jemand anders im Spiegel anschauen sollte. Das im Spiegel bist du. Einzigartig, unvollkommen, menschlich. Einmal anschauen reicht nicht, mache es täglich, bejahe dich, dein Leben, bejahe was ist.

Wertschätzung braucht Verantwortung

Damit übernimmst du Verantwortung für dich, für dein Sein. Für alles, was dazu geführt hat, dass du dieser Mensch bist. Verantwortung für alle Dinge, die dir aus deiner Sicht geglückt sind, für alle Dinge, die schmerzvoll für dich waren, für alle Dinge, die Freude in dein Leben brachten, für alle Dinge, die dir Angst gemacht haben und noch Angst hervorruft.

Du nimmst alles geschehene an. Schaust in den Spiegel, vielleicht ein kleines Lächeln auf den Lippen. Du beschließt die Verantwortung für dich voll und ganz zu übernehmen. Du beginnst die Verantwortung für deine Stimmung zu übernehmen. Du entscheidest, wie es dir geht. Du entscheidest, welchen Einfluss andere auf deine Stimmung haben. Du entscheidest was der langsame Autofahrer vor dir mit deiner Stimmung macht? Du entscheidest was der schlecht gelaunte Kollege mit deiner Stimmung macht. Du entscheidest, wie deine Stimmung nach einem langen Arbeitstag ist.

Mit der Übernahme der Verantwortung für dich, verliert die Ausgangsfrage jegliche Grundlage: Gibt dir das Leben, was dir zusteht? Du erkennst die passive Grundhaltung hinter dieser Frage. Verantwortung zu übernehmen bedeutet für dich, dass du Rahmenbedingungen schaffst, damit sich das für dich wünschenswerte ereignen kann. Du öffnest die Türe für neue Möglichkeiten und freust dich auf die Zukunft.

Verantwortung zu übernehmen bedeutet letzten Endes, genau diesen Rahmen zu schaffen. Es bedeutet die Verantwortung für sein handeln zu übernehmen. Welche Ergebnisse aus diesem Handeln folgen, liegt nur teilweise in deiner Verantwortung. Die Welt ist zu komplex, zu subjektiv, als das ein Mensch alle Folgen seines Handelns abschätzen und voraussagen könnte. Doch habe den Mut deinen Rahmen zu schaffen. Lade die Möglichkeiten zu dir ein und freue dich auf die Veränderung, die passieren wird. Damit gibst du deinem Leben einen Entfaltungsraum.

»Es wäre höchst sinnvoll, die Erwartung an das Leben auf ein sinnvolles Maß zurück zu bringen. Denn dann kann ich maximale Offenheit haben für das Leben und in das Leben gehen, es nicht festlegen von vornherein, sondern dann die Erfahrungen auf mich wirken lassen und auf die Erfahrungen reagieren.«

Wilhelm Schmid
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