Täglich begegnest du anderen Menschen. Mit manchen erlebst du nur eine kurze Begegnung, bei anderen sprichst du von einer Beziehung über längere Zeit. Die Beziehungen zu anderen Menschen bedeuten Nahrung für deine Seele. Sie geben dem Leben Farbe und Geschmack. Doch wie begegnest du anderen Menschen, welche Gedanken erzeugst du dabei, welche Erwartungen, welche Werte?

Quintessenz

  • Das Leben besteht aus unzähligen Begegnungen.
  • Wie begegnest du anderen? Was siehst du im Anderen?
  • Ist er Sache oder Mensch für dich?
  • Dieses Muster wirkt sich auf die Beziehung zu dir selbst aus.
  • Wie viel Wirkliches Ich steckt (noch) in dir?
  • Konkrete Wege zu dir selbst.
  • Liebe dich selbst, so wie du bist.

 

Das Salz des Lebens

Trostlose Tage können durch eine Begegnung mit einem anderen Menschen zu strahlen beginnen. Im Gegenzug wandeln sich gute Tage durch eine schlechte Begegnung mit dem Chef, dem Partner oder einem Freund plötzlich, sie erscheinen fad und unerträglich. Begegnungen mit anderen Menschen symbolisieren das Salz des Lebens. Ein Leben ohne Begegnung und Beziehung erscheint für die wenigsten Menschen erstrebenswert und lebenswert.

Mancher braucht sein stabiles Umfeld und freut sich über Beziehungen aus Kindertagen. Ein anderer wünscht sich hin und wieder völlig neue Kontakte, neue Impulse und neue Ansichten. Ein Dritter möchte eine Mischung: Ein paar wenige stabile Beziehungen und darüber hinaus Vielfalt und Offenheit. Jeder lebt seine Mischung, jeder würzt sein Leben individuell, um sein Leben zu gestalten.

Doch wie gestaltest du deine Begegnungen, deine Beziehungen?

 

Ein marktwirtschaftliches Erfolgsgeheimnis

Ein Bekannter verriet mir sein Erfolgsgeheimnis: Bei jedem neuen Kontakt stellt er sich zuerst die Frage, wobei ihm sein Gegenüber von Nutzen sein könnte. Geschäftlich würde ich ihn als erfolgreich bezeichnen. Doch welches Menschenbild steckt dahinter? Wert besitzt nur, wer ihm Nutzen stiftet? Wer keinen Nutzen stiftet, stiehlt seine Zeit?

Das marktwirtschaftliche Prinzip wird vom Warenmarkt auf den Beziehungs-Markt übertragen. Erschreckend klar beschreibt dies Erich Fromm in ‚Die Furcht vor der Freiheit‘.

»Genauso entfremdet sind die Beziehungen der Menschen untereinander. Es ist, als ob es sich nicht um Beziehungen zwischen Menschen, sondern um solche zwischen Dingen handelte. Am verheerendsten aber wirkt sich dieser Geist der Instrumentalisierung und Entfremdung auf die Beziehung des Menschen zu seinem Selbst aus.

Der Mensch verkauft nicht nur Waren, er verkauft auch sich selbst und fühlt sich als Ware. Der Handarbeiter verkauft seine Körperkraft; der Geschäftsmann, der Arzt, der Büroangestellte verkauft seine „Persönlichkeit“. Sie müssen „eine Persönlichkeit“ sein, wenn sie ihre Erzeugnisse oder Dienstleistungen verkaufen wollen. Diese Persönlichkeit sollte liebenswürdig sein, aber ihr Besitzer sollte auch noch eine Reihe anderer Erwartungen erfüllen: Er sollte Energie und Initiative besitzen und was sonst noch seine spezielle Stellung erfordert.

Wie bei anderen Waren ist auch hier der Markt, der über den Wert dieser menschlichen Eigenschaften, ja sogar über deren Existenz entscheidet. Wenn für die Eigenschaften, die ein Mensch zu bieten hat, kein Bedarf besteht, dann hat er sich auch nicht, genauso wie eine unverkäufliche Ware wertlos ist, wenn sie auch ihren Gebrauchswert haben mag.«

~ Erich Fromm

 

Der naive Gegenentwurf

Der Gegenentwurf zur marktwirtschaftlichen Beziehung klingt geradezu naiv. In jeder Begegnung den Anderen kennenlernen, ihn einzuladen sich zeigen, ihn ermutigen, sich selbst zu sein und ihn inspirieren, seinen Weg zu gehen (nach Gerald Hüther).

  • Naiv. Menschen einfach lieben, weil sie so sind wie sie sind. Sie nicht verändern wollen. Sie anzunehmen. Verständnis zu zeigen, Mitgefühl entwickeln.
  • Naiv. Nicht nach dem Nutzen eines Menschen fragen, sondern zu fragen, was du vom Anderen lernen kannst, was ihn einzigartig macht.
  • Naiv. Die Vielfalt der Menschen begeistert begreifen. Die Einzigartigkeit feiern. Die Bereicherung durch den anderen Menschen erkennen.
  • Naiv. Jeden Menschen unabhängig von seinen Fähigkeiten, seinem Beruf, seinem Aussehen, seiner Sprache, seiner Herkunft, seiner Lebensweise, seiner Werte akzeptieren und respektieren.
  • Naiv. Den Wert des Menschen nicht an seiner ökonomischen Potenz (Vermögen, Auto, Markenkleidung, …) messen.
  • Naiv. Frei von wirtschaftlichen Überlegungen in neue Begegnungen zu gehen, frei von Nutzenabwägungen.

 

Sache oder Mensch, Es oder Du?

Begegnungen als nutzenorientiertes, marktwirtschaftliches Kalkül oder Begegnung von Antlitz zu Antlitz, von Mensch zu Mensch. Zwei unterschiedliche Blickwinkel auf das Zusammentreffen von Menschen.

Martin Buber unterschied diese Sichtweisen durch die zwei Worte „Es“ und „Du“. Wenn jemand den anderen als Sache betrachtet, reduziert er sein Gegenüber zum „Es“. Damit reduziert er nicht nur den anderen Menschen zur Sache, sondern verwehrt sich gleichzeitig die Chance eine wirkliche Begegnung zu erfahren und daran zu wachsen.

Hingegen führt eine Ich – „Du“ Begegnung zu wirklichen Begegnungen, von der beide bereichert. Die Ökonomen würden von Win–Win-Situation sprechen.

»Die Einsammlung und Verschmelzung zum ganzen Wesen kann nie durch mich, kann nie ohne mich geschehen. Ich werde am Du, Ich-werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.«

~ Martin Buber

Definierst du den Andere als ein Es (eine Sache, ein Nutzenbringer) oder als ein Du (ein Mensch)? Was willst du für andere sein – ein Es (eine Sache) oder ein Du (ein Mensch)?

 

Deine wichtigste Beziehung

Ob du andere als „Es“ oder als „Du“ betrachtest, entscheidet nicht nur über deine Beziehungen zu anderen Menschen. Die Antwort auf „Es“ oder „Du“ schlägt sich in voller Wucht in deiner wichtigsten Beziehung nieder. In der Beziehung zu dir selbst.

Falls du andere als Sache betrachtest, so wirst du dich selbst ebenfalls als Sache betrachten. Dein Selbstwert, dein Selbstverständnis wird daraus abgeleitet.

»Demnach ist auch das Selbstvertrauen, das „Selbstgefühl“, nur ein Hinweis darauf, was die anderen über einen denken. Es ist nicht „er“, der von seinem Wert ohne Rücksicht auf seine Beliebtheit und seinem Erfolg auf dem Markt überzeugt ist. Wenn Nachfrage nach jemandem besteht, dann ist er „wer“; wenn er nicht beliebt ist, dann ist er schlechtweg niemand.

Diese Abhängigkeit der Selbstachtung vom Erfolg der Persönlichkeit des Betreffenden verleiht der Popularität ihre ungeheure Bedeutung für den modernen Menschen. Von ihr hängt es nicht nur ab, ob man im praktischen Leben vorankommt, sondern auch ob man seine Selbstachtung behaupten kann oder in einen Abgrund von Minderwertigkeitsgefühlen versinkt.«

~ Erich Fromm

Du wirst dich selbst optimieren wollen, um deinen Marktwert zu steigern, zu erhalten. Du bist abhängig von der Einschätzung anderer Menschen. Du wirst wollen, was in deinen Augen bei anderen deinen Wert steigert. Du wirst vermeiden, was andere nicht als positiv betrachten. Dein Ich enthält lediglich einen Spiegel der Erwartungen deines Umfelds. In diesem Sinne gibt es kein Ich, sondern ein Pseudo-Du, ein Es. Als Es bist du jederzeit austauschbar, weil du als Mensch unbedeutend bist, jeder andere mit ähnlichen Zuschreibungen wäre genauso brauchbar.

»Trotzdem ist das alles doch ein Hinweis darauf, dass man eine vage Vorstellung von der Wahrheit hat – nämlich dass der heutige Mensch nur das will, was er nach Ansicht der anderen wollen sollte. Um das einzusehen, muss man sich darüber klarwerden, dass es nicht – wie die meisten meinen – verhältnismäßig einfach ist zu wissen, was man wirklich will, sondern dass es sich dabei um eines der schwierigsten Probleme handelt, die der Mensch zu lösen hat.

Es ist eine Aufgabe, der wir krampfhaft dadurch aus dem Wege zu gehen suchen, dass wir fertig angebotene Ziele akzeptieren, als ob es unsere eigenen wären. Der heutige Mensch ist bereit, große Risiken auf sich zu nehmen beim Versuch, die Ziele zu erreichen, die angeblich „seine“ Ziele sind, aber er hat eine tiefe Angst davor, das Risiko und die Verantwortung auf sich zu nehmen, sich seine eigenen Ziele zu setzen. Eine intensive Aktivität wird oft irrtümlich als Beweis dafür angesehen, dass man sein Handeln selbst bestimmt, wenn wir auch wissen, dass es vielleicht nicht spontaner ist als das Verhalten eines Schauspielers oder eines Hypnotisierten.

Wenn die Rollen verteilt sind, kann jeder Schauspieler mit Elan seine Rolle spielen und dabei sogar in bezug auf den Text und Einzelheiten seines Spiels etwas improvisieren. Aber er spielt nur die Rolle, die ihm übertragen wurde.«

~ Erich Fromm

 

Welche Beziehung möchtest du zu dir selbst?

Diese Frage bedeutet Gefahr. Sehr viel gefährlicher, als du glaubst. Realistisch betrachtet ist es besser, du veränderst die Beziehung zu dir nicht. Diese Beziehung gibt dir Sicherheit, Orientierung und Gewissheit. Du bist für andere berechenbar und steuerbar. Deshalb mögen andere dich. Du spielst ihr Spiel nach ihren Regeln. Deshalb spielen andere gerne mit dir.

Da du das Spiel mit anderen spielst, brauchst du keine Zweifel oder Ängste ausstehen, dass es falsch sein könnte. Selbst wenn es falsch wäre, du bist nicht der Einzige, der sich diesem Spiel hingibt und das beruhigt dein Gewissen. Du bist zwar unendlich weit von deinem eigenen Leben entfernt, aber was das genau wäre, weißt du sowieso nicht. Herauszufinden, was dein EIGENES Leben wäre, erscheint dir zu anstrengend.

»Bisher haben wir uns in diesem Buch mit dem einen Aspekt der Freiheit befasst: mit der Ohnmacht und Unsicherheit des isolierten einzelnen in der modernen Gesellschaft, der sich von allen Bindungen befreit hat, die seinem Leben einst Sinn und Sicherheit gaben. Wir sahen, dass der Mensch diese Isolierung nicht ertragen kann; er ist als isoliertes Wesen der Außenwelt gegenüber völlig hilflos und daher voller Angst vor ihr.

Durch diese Isolierung ist die Einheit der Welt für ihn verlorgengegangen, und er hat jeden Orientierungspunkt verloren. Deshalb überfallen ihn Zweifel an sich selbst, am Sinn des Lebens, und schließlich gibt es für ihn keinerlei Grundsätze mehr, nach denen er sich in seinem Handeln richten könnte. Hilflosigkeit und Zweifel lähmen sein Leben, und um weiterleben zu können, versucht er der Freiheit – der negativen Freiheit – zu entfliehen. So gerät er in eine neue Knechtschaft hinein.

Diese unterscheidet sich von den primären Bindungen, von denen er sich noch nicht völlig gelöst hat, obwohl er sich in die Abhängigkeit von Autoritäten oder seiner gesellschaftlichen Gruppe begeben hat. Die Flucht gibt ihm auch nicht seine verlorene Sicherheit zurück, sondern sie hilft ihm nur, sein Selbst als eine separate Größe zu vergessen.

Er erlangt eine neue, aber brüchige Sicherheit, die er damit bezahlt, dass er ihr die Integrität seines individuellen Selbst zum Opfer bringt. Er entscheidet sich für den Verlust seines Selbst, weil er das Alleinsein nicht ertragen kann. So führt die Freiheit – als „Freiheit von“ nur in eine neue Knechtschaft hinein.«

~ Erich Fromm

Darüber hinaus würde sich eine andere Beziehung dir selbst gegenüber – auf die Beziehung zu deinen Mitmenschen auswirken. Und willst du wirklich deinem Umfeld anders begegnen? Willst du wirklich im anderen den Menschen sehen, willst du selbst als Mensch von anderen gesehen werden? Willst du das andere deine Schwächen sehen, deine menschliche Unvollkommenheit, deine Ängste, deine Sorgen, deine Verletzlichkeit?

 

Spontanes Tätigsein als Anfang

Du merkst bereits, dass Erich Fromm und sein Buch ‚Die Furcht vor der Freiheit‘ ein lesenswerter Anfang wäre. Hier ein weiteres Zitat aus dem Buch, welches einen Hinweis auf den ersten Schritt gibt.

»Weshalb ist spontanes Tätigsein eine Lösung für das Problem der Freiheit? Wir sagten, dass die negative Freiheit allein den Menschen zu einem isolierten Wesen macht, dessen Beziehung zur Welt distanziert und voller Misstrauen ist, und dessen Selbst schwach und ständig bedroht ist. Spontanes Tätigsein ist der einzige Weg, auf dem man die Angst vor dem Alleinsein überwinden kann, ohne die Integrität seines Selbst zu opfern, denn in der spontanen Verwirklichung des Selbst vereinigt sich der Mensch aufs neue mit der Welt – mit dem Menschen, der Natur und sich selbst.

Die wichtigste Komponente einer solchen Spontaneität ist die Liebe – aber nicht die Liebe, bei der sich das Selbst in einem anderen Menschen auflöst, und auch nicht die Liebe, die nur nach dem Besitz des anderen strebt, sonder die Liebe als spontane Bejahung der anderen, als Vereinigung eines Individuums mit anderen auf der Basis der Erhaltung des individuellen Selbst.

Die dynamische Eigenschaft der Liebe liegt eben in dieser Polarität, die darin besteht, dass sie aus dem Bedürfnis entspringt, die Absonderung zu überwinden und zum Einssein zu gelangen und trotzdem die eigene Individualität nicht zu verlieren. Die andere Komponente ist die Arbeit – aber nicht die Arbeit als zwanghafte Aktivität, die nur dazu dient dem Alleisnein zu entfliehen, nicht die Arbeit, die einerseits die geschaffenen Produkte vergötzt oder sich zum Sklaven dieser Produkte macht, sondern die Arbeit als Schöpfung, bei der der Mensch im Akt der Schöpfung eins wird mit der Natur.

Was für die Liebe und die Arbeit gilt, gilt für jedes spontane Tätigsein, ob es sich nun um sinnliche Freuden oder um die Teilnahme am politischen Gemeinschaftsleben handelt. Sie bejahrt die Individualität des Selbst und eint es zugleich mit den anderen Menschen und der Natur. Die der Freiheit innewohnende grundsätzliche Dichotomie – die Geburt der Individualität und der Schmerz des Alleinseins – wird auf höherer Ebene durch das spontane Tätigsein des Menschen aufgelöst.«

~ Erich Fromm

 

Sprich vom Herzen

Gleichzeitig kannst du dich selbst beobachten. Erkenne, wann du selbst in Begegnungen mit anderen reine Floskeln aussprichst, wann du soziale Erwartungen erfüllst, wann du mitfühlendes Interesse vorgaukelst, wann du Interesse heuchelst. Wie das aussehen kann, zeigt dieses Musikvideo.

Sprich von Herzen, verschwende deine Atemluft nicht für belangloses Bla bla. Halte dich kurz oder wie leben es die Touareg:

»Wenn dein Wort nicht schöner ist,
als die Stille,
sage nichts.«

~ Touareg

 

Verhalten als Selbstaussage

Ein Hinweis von unbekannt, wie du mit dem Verhalten deiner Mitmenschen besser umgehen kannst, um besser mit ihnen und mit dir in Kontakt zu kommen.

»Wenn du bereit bist, das Verhalten anderer dir gegenüber als eine Reflexion ihrer Beziehung mit sich selbst anzusehen und nicht als eine Aussage über deinen Wert als Mensch, löst du dich von dem Verlangen darauf reagieren zu müssen.«

~ Unbekannt

Was jemand zu dir, über dich sagt, beschreibt über den Sprecher als über dich. Dies im Hinterkopf stellt sich Mitgefühl für den Anderen ein. Vielmehr kannst du versuchen den Anderen zu verstehen. Was versteht er unter seinen Worten. Wenn jemand dich als „respektlos“ bezeichnet, frage, was er unter respektlos versteht. Kläre die Bedeutung der Worte.

 

Sehe den Buddha

In Plum Village begründete Thich Nhat Hanh ein buddhistisches Meditationszentrum. Eine Geste unter den dort lebenden Menschen verkörpert das achtsame Zusammenlegen der Hände vor der Brust und sich gegenseitig verbeugen. Gedanklich versucht jeder, im anderen den künftigen Buddha zu sehen.

Dazu diese Geschichte, überliefert von Scott Peck:

»Diese Geschichte begab sich in einem Kloster, welches in schwere Zeiten geraten war.
Einst ein machtvoller Orden, gingen infolge der Verfolgungswellen und des aufkommenden Säkularismus im Laufe der Jahrhunderte all seine Zweigstellen verloren, und er schrumpfte derart zusammen, dass schließlich nur noch fünf Mönche im allmählich verfallenden Mutterhaus übrig blieben: Der Abt und vier Mönchsbrüder, ein jeder von ihnen über siebzig Jahre alt. Unübersehbar war dies ein aussterbender Orden.

In den tiefen Wäldern, die das Kloster umgaben, befand sich eine kleine Hütte, die einem Rabbi aus der nahegelegenen Stadt hin und wieder als Einsiedelei diente. Nach den vielen einsamen Jahren des Betens und der Kontemplation waren die alten Mönche ein wenig hellsichtig geworden, so dass sie es immer fühlen konnten, wenn der Rabbi sich in seiner Eremitage befand. “Der Rabbi ist in den Wäldern, der Rabbi ist wieder in den Wäldern” pflegte dann einer dem anderen zuzuraunen.

Von trostlosen Gedanken über das herannahende Ende seines Ordens gequält, fasste der Abt bei einer dieser Gelegenheiten den Entschluss, die Einsiedelei aufzusuchen und herauszufinden, ob der Rabbi nicht möglicherweise einen weisen Rat für ihn habe, mit dem das Kloster vor dem Untergang bewahrt werden könne. Der Rabbi hieß den Abt in seiner Hütte willkommen.

Aber als jener den Grund seines Besuchs erläuterte, konnte ihn der Rabbi lediglich seines Mitgefühls versichern. “Ich weiß, wie es ist”, rief er aus. “Der Geist hat die Leute verlassen. In meiner Stadt ist es ebenso. Fast niemand besucht mehr die Synagoge.”
So weinten sie gemeinsam: Der alte Abt und der alte Rabbi. Dann lasen sie miteinander Abschnitte aus der Thora und sprachen leise über bedeutende Dinge. Als es Zeit für den Abt wurde, den Heimweg anzutreten, umarmten sie sich. “Es ist wunderbar, dass wir uns nach all den Jahren begegnet sind”, sagte der Abt, “aber dennoch habe ich das Ziel nicht erreicht, das mich hierher gebracht hat. Gibt es denn gar nichts, was Du mir sagen könntest, nicht den Funken eines Rates, der mir helfen könnte, meinen untergehenden Orden zu retten?”

“Nein, so leid es mir tut”, entgegnete der Rabbi. “Ich habe keinen Rat zu geben. Das einzige, was ich Dir mitteilen könnte, ist, dass einer von Euch Mönchen der Messias ist.”

Als der Abt wieder im Kloster eintraf, versammelten sich seine Mönchsbrüder erwartungsvoll um ihn: “Nun, was hat der Rabbi gesagt?” – “Er wusste uns keine Hilfe”, antwortete der Abt. “Wir taten nichts weiter als miteinander zu weinen und in der Thora zu lesen. Nein, das einzige, was er sagte, als ich mich schon verabschiedete, war, dass einer von uns der Messias sei. Es war irgendwie kryptisch – ich verstehe nicht, was er damit meinte.”

Während der folgenden Tage, Wochen und Monate erwogen die alten Mönche diese Mitteilung und verwunderten sich, welche Bedeutung die Worte des Rabbis haben könnten.

Der Messias einer von uns? Könnte er wahrhaftig einen von uns Mönchen hier im Kloster gemeint haben? Wenn er das wirklich gemeint hat, dann welchen von uns? Glaubst Du, er meinte den Abt? Ja, falls überhaupt einen, kann er nur den Abt gemeint haben. Der leitet uns nun schon fast ein ganzes Menschenleben lang.

Andererseits, der Rabbi könnte auch von Bruder Thomas gesprochen haben. Gewiss ist Bruder Thomas ein heiliger Mann. Jeder weiß, dass Bruder Thomas ein Mann des Lichtes ist.

Aber mit Sicherheit kann er nicht Bruder Elred gemeint haben? Bruder Elred ist manchmal ein wenig wunderlich. Doch, richtig besehen, wenn er auch bisweilen so manchem ein Dorn im Auge ist, kann man nicht umhin festzustellen, das Elred praktisch immer recht hat. Sogar sehr recht. Vielleicht meinte der Rabbi tatsächlich Bruder Elred?

Auf keinen Fall jedoch Bruder Phillip. Phillip ist so passiv, ein richtiger Niemand. Andererseits hat er, auf nahezu mysteriöse Weise, irgendwie die Gabe, genau dann zur Stelle zu sein, wenn Du ihn wirklich brauchst. Vielleicht ist tatsächlich Phillip der Messias?

Völlig ausgeschlossen ist jedenfalls, dass der Rabbi mich gemeint haben könnte. Er kann unmöglich mich gemeint haben. Ich bin nur eine ganz und gar gewöhnliche Person. Und falls nun doch? Falls doch ich der Messias bin? Oh Gott, nicht ich. Soviel könnte ich niemals für Euch bedeuten, nicht wahr?

Und indem sie sich derlei Betrachtungen hingaben, begannen die alten Mönche einander mit außergewöhnlichem Respekt zu behandeln, für den unwahrscheinlichen Fall, dass doch einer von ihnen der Messias sei. Und für den ganz und gar unwahrscheinlichen Fall, er selbst sei der Messias, begann jeder von ihnen, sogar die eigene Person mit erlesenem Respekt zu behandeln.

Weil das Kloster in einem wunderschönen Wald lag, geschah es gelegentlich, dass Spaziergänger das Kloster aufsuchten, um auf seinem winzigen Rasen zu picknicken, auf seinen Wegen zu wandern, ja sogar dann und wann, um in seiner baufälligen Kapelle zu meditieren. Und bei diesen Gelegenheiten, ohne dass es ihnen im geringsten bewusst wäre, fühlten sie die Aura von ganz außerordentlichem Respekt, die nunmehr die fünf alten Mönche umgab und, von ihnen ausgehend, die Atmosphäre dieses Platzes zu durchdringen schien.

Etwas ungewöhnlich Anziehendes, ja beinahe Zwingendes lag über dem Ganzen. Ohne recht zu ahnen, wieso, begannen die Leute, das Kloster häufiger zu besuchen, um dort zu picknicken, zu spielen, zu beten.

Sie begannen ihre Freunde mitzubringen, um auch ihnen diesen besonderen Ort zu zeigen. Und die Freunde brachten wiederum ihre Freunde.

Dann geschah es, dass einige der jüngeren Leute, die gekommen waren, um das Kloster zu besuchen, immer häufiger mit den alten Mönchen ins Gespräch kamen. Nach einer Weile fragte einer, ob er nicht bei ihnen bleiben könne. Dann ein anderer.

Und ein weiterer. So wurde, binnen weniger Jahre, das Kloster dank der Gabe des Rabbis abermals zu einem blühenden Orden, einem Zentrum, dessen Licht und Spiritualität weit über das Land hinaus strahlten.«

~ Unbekannt

Was und wen du im Anderen siehst, bestimmt dein Verhalten diesem Menschen gegenüber. Was und wen du in dir siehst, bestimmt dein Verhalten dir gegenüber.

 

Liebe dich selbst

Ja, das tust du sicherlich. Abgesehen von diesem und jenem. Und hier und da fällt dir sicherlich noch was ein, was du an dir ändern willst, sollst, musst. Dich selbst uneingeschränkt, so wie du bist, zu lieben, das fällt dir schwer. Vielleicht beruhigt es dich, dass es in unserer Kultur als „normal“ (von Norm) gilt, sich selbst nicht zu lieben – oder maximal sich teilweise zu lieben. Im Gegenteil, jemand der sich 100 % selbst liebt, wird mit sehr kritischen Augen betrachtet. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Sich selbst zu lieben bedeutet, sich selbst mit all seinem Sein anzunehmen. Mit allem. Alles darf so sein, alles wird geliebt. Und alles meint alles. Die paar Kilo zu viel, deine manchmal unfreundliche Art nach dem Aufstehen, deine Probleme mit dem Chef, und und und …
Deine Liebe dir selbst gegenüber kennt keine Einschränkungen oder Vorbehalte („ich könnte mich selbst lieben, wenn …“). Nein, Selbstliebe umfasst dein ganzes Sein.

Auf dieser Basis entscheidest du, ob und was du an dir verändern willst. Jedoch nicht zur Beseitigung eines Mangels oder einer Störung, sondern aus Freude an der Vielfalt des Lebens. Aus Freude an den neuen Erfahrungen, den neuen Möglichkeiten. Freude ist die Basis deiner Veränderung, deines Lebens.

Eine passende Affirmation:
„Ich liebe und akzeptiere mich, wie ich bin, in jeder Situation, unabhängig davon, was ich denke, was ich fühle, was ich tue oder was ich habe.“

 

Abschlussfragen

Welche Beziehung möchtest du zu dir selbst? Möchtest du Freude als Grundstein deines Lebens? Möchtest du von anderen als Sache oder als Mensch behandelt werden? Wie möchtest du anderen gegenübertreten?

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  • Daphné

    Dieser Text führt uns wirklich dazu, über unsere Beziehungen im Leben nachzudenken. Sie bringen es wirklich auf dem Punkt, und die schöne Geschichte mit den Mönchen und das Video machen es anschaulicher. Danke für die schönen Gedanken! Ich hatte Sie in einem Zug richtung Augsburg getroffen (in Februar glaube ich), und sie haben mir von ihrem Blog gesprochen. Da ich leider ziemlich beschäftigt mit meinem Studium war, habe ich es nur kurz in meinen Favoriten gespeichert… aber jetzt habe ich ein bisschen mehr Zeit, ich habe mich bereits an der newsletter abonniert, und werde mit Freunde eure weiteren Gedanken lesen.

    • Tom

      Liebe Daphne, schön von Dir zu lesen und weiterhin viel Freude mit dem Blog. In Heidelberg steht jederzeit eine Tasse Tee für Dich bereit. Viele liebe Grüße Tom

      • Daphné

        Danke schön! Jetzt, wo das Wetter schöner ist, werden wir sicher in den kommenden Wochen mit meiner Oma Heidelberg besuchen… und auch das Schloss!!