In ›Vertreibe deine Lebenszeit‹ führe ich Faktoren auf, die zu einer schnelleren Zeitwahrnehmung führen. Byung-Chul Han hat diesen Faktoren in ‚Duft der Zeit‘ um aktuelle Entwicklungen ergänzt. Er gibt Anregungen auf die Frage, warum die Zeit immer schneller vergeht – ohne dass sie einen bleibenden Eindruck auf uns hinterlässt.

Diese bisherigen Faktoren (siehe ›Vertreibe deine Lebenszeit‹) sind:

  • die Relation zwischen verstrichener Lebenszeit und verbleibender Lebenszeit
  • die Intensität, mit der wir den Augenblick wahrnehmen
  • die von Außen kommenden Sinneseindrücke, welche unsere Wahrnehmung beschäftigen
  • die schnelle Abfolge von neuen Impulsen, ohne eine tiefere Beschäftigung mit ihnen

Den letzten Punkt vertieft Byung-Chul Han ‚Duft der Zeit‘:

»Die allgemeine Entzeitlichung führt dazu, daß temporale Abschnitte und Abschlüsse, Schwellen und Übergänge, die sinnbildend sind, verschwinden. Aufgrund der fehlenden starken Artikulation der Zeit entsteht auch das Gefühl, daß die Zeit schnellel vergeht als früher. Dieses Gefühl wird dadurch verstärkt, daß Ereignisse schnell einander ablösen, ohne sich tief einzuprägen, ohne Erfahrung zu werden. Aufgrund der fehlenden Gravitation werden die Dinge nur noch flüchtig gestreift. Nichts fällt ins Gewicht. Nichts ist einschneidend. Nichts ist endgültig. Es entstehen keine Einschnitte. Wenn es nicht mehr möglich ist, zu entscheiden, was von Bedeutung ist, so verliert alles an Bedeutung. Aufgrund der Überzahl der gleichwertigen Anschlußmöglichkeiten, d. h. der möglichen Richtungen, werden Dinge selten zum Abschluß gebracht. Das Abschließen setzt eine gegliederte, organische Zeit voraus. Innerhalb eines offenen, endlosen Prozesses kommt dagegen nichts zum Abschluss. Unfertigkeit ist Dauerzustand.«

Byung-Chul Han

Der erste Faktor ist das Verschwinden von Übergängen. Wir reduzieren das Leben auf Ereignisse, auf ein ›Immer‹ und ein ›Sofort‹. Raum und Zeit verlieren an Bedeutung. Wir sind – unabhängig vom Raum – jederzeit durch unsere Mobiltelefone verfügbar. Jede Nachricht erreicht uns per Email oder anderen Nachrichtendienst zu jeder Uhrzeit, an jedem Ort. Es gibt kein Warten mehr.

Das Leben verkommt zu einer langen Kette von oberflächlichen Ereignissen, die keine Schwellen mehr kennen, keine Vorfreude, keine Sehnsucht, alles ›Immer‹ und ›Sofort‹.

Der nächste Faktor: Die lose Verkettung von Ereignissen führt zu fehlenden Abschlüssen. Wir haben so viele Optionen, dass wir viele Dinge beginnen und nicht zu Ende führen. Psychologisch tanzen wir auf vielen Hochzeiten, ohne je zu heiraten. Wir fürchten um fehlende Wahlmöglichkeiten, wenn wir uns festlegen würden.

Zusammen fassend, hier alle Faktoren:

  • die Relation zwischen verstrichener Lebenszeit und verbleibender Lebenszeit
  • die Intensität, mit der wir den Augenblick wahrnehmen
  • die von Außen kommenden Sinneseindrücke, welche unsere Wahrnehmung beschäftigen
  • die schnelle Abfolge von neuen Impulsen, ohne eine tiefere Beschäftigung mit ihnen
  • Raum und Zeit verlieren ihre strukturgebende Funktion, die Folge sind fehlende Übergänge, fehlender Rhythmus im Leben,
  • dadurch entsteht eine lose Verkettung von Ereignissen, wobei die Anzahl der Ereignisse maximiert wird,
  • begleitet von einer Maximierung von Optionen ohne deren Abschluss
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