Es geht auch anders, als wir glauben:

»›Rechter Lebensunterhalt‹ ist eine der Anforderungen auf dem Edlen Achtfachen Pfade Buddhas. Mithin ist klar, dass es so etwas wie eine buddhistische Wirtschaftslehre geben muss.

Buddhistische Länder haben oft erklärt, dass sie ihrem Erbe treu bleiben wollen. In Birma beispielsweise heisst es: „Das Neue Birma sieht keinen Widerstreit zwischen Werten der Religion und wirtschaftlichem Fortschritt. Geistig-seelische Gesundheit und materielles Wohlergehen sind keine Feinde, sondern natürliche Verbündete.“ Oder: „Wir können die religiösen und geistig-seelischen Werte unseres Erbes und die Vorteile der modernen Technik erfolgreich miteinander verbinden.“ Oder: „Wir Birmanen haben die heilige Pflicht, unsere Träume und unsere Taten mit unserem Glauben zur Deckung zu bringen. Das werden wir stets tun.“

Dennoch nehmen solche Länder immer wieder an, dass sie ihre wirtschaftlichen Entwicklungspläne entsprechend der modernen Wirtschaftswissenschaft gestalten können. Dazu berufen sie moderne Wirtschaftsfachleute aus sogenannten entwickelten Ländern, damit diese sie beraten, die zu ergreifenden Massnahmen formulieren und den grossen Entwicklungsplan, den Fünf-Jahres-Plan, oder wie auch immer er genannt wird, aufstellen. Es scheint niemandem einzufallen, dass eine buddhistische Lebensweise eine buddhistische Wirtschaftslehre braucht, so wie die moderne materialistische Lebensweise die moderne Wirtschaftswissenschaft hervorgebracht hat.
Wirtschaftswissenschaftler leiden gewöhnlich, wie die meisten Spezialisten, an einer Art metaphysischer Blindheit und nehmen an, ihre Wissenschaft verwalte absolute und unwandelbare Wahrheiten, die keine stillschweigenden Voraussetzungen erfordern. Einige gehen sogar so weit, dass sie erklären, wirtschaftliche Gesetze seien ebenso frei von ›Metaphysik‹ oder ›Werten‹ wie das Gesetz der Schwerkraft. Wir brauchen uns jedoch nicht auf einen Methodenstreit einzulassen. Sehen wir uns statt dessen einige Grundbegriffe an, und stellen wir fest, wie sie einem modernen Wirtschaftswissenschaftler und einem Vertreter der buddhistischen Wirtschaftslehre erscheinen.

Es besteht wohl allgemeine Übereinstimmung darüber, dass die menschliche Arbeit eine grundlegende Quelle des Wohlstandes ist. Der moderne Wirtschaftswissenschaftler hat jedoch gelernt, in ›Arbeit‹ nicht viel mehr als ein notwendiges Übel zu sehen. Vom Standpunkt des Arbeitgebers aus ist sie auf jeden Fall einfach ein Kostenfaktor, der auf ein Minimum zu verringern ist, wenn er sich nicht, beispielsweise durch Automation, völlig ausschalten lässt. Vom Standpunkt des Arbeiters aus ist sie eine ›Last‹ – arbeiten heisst ein Opfer an Musse und Bequemlichkeit bringen. Dabei stellt der Lohn eine Art Entschädigung für dies Opfer dar. Somit ist das Ideal vom Standpunkt des Arbeitgebers aus gesehen eine Produktion ohne Arbeitnehmer und vom Standpunkt des Arbeitnehmers aus gesehen ein Einkommen ohne Arbeitstätigkeit.

Die Folgen dieser Haltungen sind theoretisch und praktisch überaus weitreichend. Wenn das Ideal der Arbeit darin besteht, von ihr loszukommen, ist jedes Mittel gut, das ›die Arbeitslast vermindert‹. Die wirksamste Methode nächst der Automation ist die sogenannte ›Arbeitsteilung‹. Das klassische Beispiel dafür ist die Nadelfabrik, die in Adam Smiths‘ Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen gepriesen wird. Hier geht es nicht um eine gewöhnliche Spezialisierung, wie sie seit undenklichen Zeiten in allen Gesellschaften gegeben war, sondern um die Zerlegung jeden Produktionsvorgangs in kleinste Schritte, so dass das Endprodukt mit grosser Geschwindigkeit erzeugt werden kann, ohne dass jemand dazu mehr als eine gänzlich unbedeutende und meist auch ohne besondere Fähigkeit erlernbare Bewegung seiner Glieder beitragen müsste.

Vom buddhistischen Standpunkt aus gesehen, erfüllt Arbeit mindestens drei Aufgaben: sie gibt dem Menschen die Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu nutzen und zu entwickeln. Sie hilft ihm, aus seiner Ichbezogenheit herauszutreten, indem sie ihn mit anderen Menschen in einer gemeinsamen Aufgabe verbindet, und sie erzeugt die Güter und Dienstleistungen, die für ein menschenwürdiges Dasein erforderlich sind. Wiederum sind die Folgerungen nicht abzusehen, die sich aus dieser Sicht ergeben. Arbeit so zu organisieren, dass sie für den Arbeiter sinnlos, langweilig, verdummend oder nervenaufreibend ist, wäre ein Verbrechen. Aus einer solchen Haltung ginge hervor, Güter seien wichtiger als Menschen. Das aber entspräche einem erschreckenden Mangel an Mitgefühl und der wesenzerstörenden Hinnahme eines Lebens auf der primitivsten Stufe der Existenz. Wollte man nach Musse als einer Alternative zur Arbeit streben, würde das ebenfalls als völliges Missverständnis einer der Grundwahrheiten menschlichen Seins angesehen, dass nämlich Arbeit und Musse einander ergänzende Teile desselben Lebensvorgangs sind und nicht getrennt werden können, ohne dass Arbeitsfreude und der Segen der Musse zerstört werden.

Daher gibt es vom buddhistischen Standpunkt aus zwei Arten der Mechanisierung, die deutlich zu unterscheiden sind: eine, die das Geschick und die Kraft des Menschen steigert, und eine, die die Arbeit eines Menschen einem mechanischen Sklaven überträgt, wobei der Mensch dem Sklaven zu dienen hat. Wie lässt sich die eine von der anderen unterscheiden? „Der Handwerker“ sagt Ananda Coomaraswamy, ein Mann, der gleichermassen befugt ist, über den modernen Westen wie den alten Osten zu sprechen, „kann stets selbst die feine Unterscheidung zwischen Maschine und Werkzeug machen, wenn man ihm das gestattet. Der Handwebstuhl ist ein Werkzeug, eine Vorrichtung, die die Kettfäden spannt, so dass die Finger des Handwerkers die Schussfäden um sie herumweben können. Der mechanische Webstuhl hingegen ist eine Maschine, und ihre Bedeutung als Zerstörerin der Kultur liegt darin, dass sie den zutiefst menschlichen Teil der Arbeit verrichtet.“ Mithin ist klar, dass eine buddhistische Wirtschaftslehre sich von der des modernen Materialismus stark unterscheiden muss, da sich nach den Buddhisten das Wesen der Kultur nicht in einer Vervielfachung von Bedürfnissen findet, sondern in der Läuterung des menschlichen Wesens. Das Wesen aber wird zugleich vor allem durch die Arbeit des Menschen gestaltet. Bei einer sinnvoll unter Bedingungen von Menschenwürde und Freiheit getanen Arbeit ruht Segen auf denen, die sie tun und auf ihren Erzeugnissen. Der indische Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler J. C. Kumarappa fasst das so zusammen:
„Wenn die Natur der Arbeit richtig eingeschätzt und angewandt wird, steht sie in derselben Beziehung zu den höheren Fähigkeiten des Menschen wie die Nahrung zum Leib. Sie nährt und belebt den höheren Menschen und drängt ihn, das Beste hervorzubringen, dessen er fähig ist. Sie gibt seinem freien Willen die angemessene Richtung und lenkt das Tier in ihm auf den richtigen Weg. Sie liefert einen ausgezeichneten Hintergrund, auf dem der Mensch seine Wertordnung zeigen und seine Persönlichkeit entwickeln kann.“

Ein Mensch ohne Aussicht auf Arbeit ist in einer verzweifelten Lage. Nicht nur weil er kein Einkommen hat, sondern weil ihm der durch nichts zu ersetzende nährende und belebende Faktor disziplinierender Arbeit fehlt. Ein moderner Wirtschaftswissenschaftler kann sich in kunstvollen Spekulationen darüber ergehen, ob Vollbeschäftigung sich <auszahlt> oder ob es <wirtschaftlicher> wäre, eine Volkswirtschaft unterhalb der Vollbeschäftigungsschwelle zu halten, so dass eine grössere Beweglichkeit der Arbeitskräfte, stabilere Löhne und so weiter gesichert sind. Sein grundlegender Erfolgsmassstab ist die Gesamtmenge an Gütern, die in einem bestimmten Zeitraum hervorgebracht wird. „Wenn der Grenzbedarf an Gütern gering ist“, sagt Galbraith in Gesellschaft im Überfluss, „dann ist es auch nicht unbedingt nötig, den letzten Menschen oder die letzte Million Menschen aus dem Arbeitskräftereservoir heranzuziehen.“ Und weiter: „Wenn … wir uns im Interesse der Stabilität ein gewisses Mass an Arbeitslosigkeit leisten können – und das ist, nebenbei gesagt, eine Vorstellung mit untadelig konservativer Vergangenheit -, dann können wir auch den Arbeitslosen die Güter geben, mit denen sie ihren gewohnten Lebensstandard aufrechtzuerhalten vermögen.

Vom buddhistischen Standpunkt aus wird damit die Wahrheit auf den Kopf gestellt, weil Güter für wichtiger als Menschen und Konsum für wichtiger als schöpferisches Tun gehalten werden. Damit wird der Schwerpunkt vom Arbeiter auf das Ergebnis der Arbeit verlagert, das heisst vom Menschlichen zum Untermenschlichen. Das aber ist gleichbedeutend mit dem Eingeständnis der Niederlage gegenüber menschenverneinenden Kräften. Schon am Anfang einer buddhistischen Wirtschaftsplanung stünde der Wunsch nach Vollbeschäftigung. Ihr Hauptziel wäre Beschäftigung für jeden, der eine Stellung ›draussen‹ braucht. Das entspräche nicht der Höchstbeschäftigung und auch nicht einer Höchstproduktion. Frauen brauchen im grossen und ganzen keine Beschäftigung ›draussen‹, und ein hohes Mass an Beschäftigung von Frauen in Büros oder Fabriken würde als Zeichen ernsthaften wirtschaftlichen Versagens angesehen. Insbesondere würde Fabrikarbeit von Müttern kleiner Kinder, die dann ohne Aufsicht wären, einem buddhistischen Wirtschaftswissenschaftler ebenso unwirtschaftlich erscheinen wie einem modernen Wirtschaftswissenschaftler die Beschäftigung eines Facharbeiters als Soldat.

Während es dem Materialisten in erster Linie um Güter geht, geht es dem Buddhisten hauptsächlich um Befreiung. Aber Buddhismus ist ›der Mittlere Weg‹, daher ist er in keiner Weise körperlichem Wohlbefinden gegenüber feindlich eingestellt. Nicht Reichtum steht der Befreiung im Wege, sondern die Bindung an ihn, nicht die Freude an angenehmen Dingen, sondern das Verlangen nach ihnen. Der Grundgedanke buddhistischer Wirtschaftslehre heisst daher Einfachheit und Gewaltlosigkeit. Vom Standpunkt eines Wirtschaftswissenschaftlers aus gesehen, liegt das Wunder der buddhistischen Lebensweise in der äussersten Vernunftbezogenheit ihres Musters – erstaunlich geringe Mittel führen zu überaus zufriedenstellenden Ergebnissen.

Das ist für den modernen Wirtschaftswissenschaftler nur schwer verständlich. Er ist daran gewöhnt, den ›Lebensstandard‹ an der Menge des jährlichen Verbrauchs zu messen, wobei ständig angenommen wird, dass es jemandem, der mehr verbraucht, ›besser geht‹ als jemandem, der weniger verbraucht. Ein buddhistischer Wirtschaftswissenschaftler würde diese Betrachtungsweise als äusserst unvernünftig ansehen.

Da Verbrauch nichts anderes ist als ein Mittel zum Wohlbefinden des Menschen, müsste das Ziel das Erreichen eines Höchstmasses an Wohlbefinden mit einem Mindestmass an Verbrauch sein. Wenn also der Zweck der Kleidung ein gewisser Schutz vor dem Wetter und ein anziehendes Äusseres ist, besteht die Aufgabe darin, diesen Zweck mit dem geringstmöglichen Aufwand zu erreichen, das heisst mit der kleinsten jährlichen Zerstörung von Stoff und mit Hilfe von Entwürfen, die den geringstmöglichen Arbeitsaufwand bedingen. Je weniger Mühe aufgewendet wird, desto mehr Kraft bleibt für künstlerisches Schöpfertum. Es wäre beispielsweise überaus unwirtschaftlich, komplizierte Schneiderarbeit vorzusehen, wie im modernen Westen, wenn durch die geschickte Drapierung nicht zugeschnittenen Stoffs eine weit schönere Wirkung zu erzielen ist. Der Gipfel der Dummheit wäre es, Kleiderstoff so herzustellen, dass er rasch verschleisst, und ein Verbrechen, etwas Hässliches, Unansehnliches oder Dürftiges herzustellen. Was über Kleidung gesagt wurde, gilt gleichermassen für alle anderen menschlichen Bedürfnisse. Der Besitz und der Verbrauch von Gütern sind Mittel zu einem Ziel, und die buddhistische Wirtschaftslehre ist die systematische Untersuchung darüber, wie man diese vorgegebenen Ziele mit den geringsten Mitteln erreichen kann.

Andererseits betrachtet die moderne Wirtschaftswissenschaft Verbrauch als den einzigen Zweck und das einzige Ziel allen wirtschaftlichen Handelns. Dabei sieht sie die Produktionsfaktoren – Grund und Boden, Arbeitskraft und Kapital – als die Mittel an. Erstere versucht, kurz gesagt, ein Höchstmass an menschlicher Zufriedenheit durch das günstigste Verbrauchsmuster zu erzielen, während letztere versucht, den Verbrauch mit Hilfe des günstigsten Musters von Produktionsanstrengungen auf ein Höchstmass zu schrauben. Es ist leicht zu erkennen, dass der für die Aufrechterhaltung einer Lebensweise, die das günstigste Verbrauchsmuster anstrebt, benötigte Aufwand wahrscheinlich weit geringer ist als der für die Aufrechterhaltung eines Antriebs zum Höchstverbrauch erforderliche. Daher darf es uns nicht überraschen, dass die Belastungen des Lebens beispielsweise in Birma weit geringer sind als in den Vereinigten Staaten, obwohl die in Birma verwendete Menge an arbeitssparenden Maschinen nur einen winzigen Bruchteil der in den USA verwendeten ausmacht.

Einfachheit und Gewaltlosigkeit stehen offenkundig in enger Beziehung. Das günstigste Verbrauchsmuster, das mit Hilfe einer vergleichsweise geringen Verbrauchsmenge ein hohes Mass an menschlicher Zufriedenheit erzeugt, gestattet es den Menschen, ohne grossen Druck und grosse Spannung zu leben und die grundlegendste Forderung der buddhistischen Lehre zu erfüllen: ›Tue nichts Böses mehr, versuche Gutes zu tun.‹ Da die materiellen Quellen überall begrenzt sind, ist es weit weniger wahrscheinlich, dass Menschen, die ihre Bedürfnisse mit Hilfe eines bescheidenen Einsatzes dieser Quellen befriedigen, sich gegenseitig an die Gurgel fahren als Menschen, die von einem hohen Verbrauch abhängig sind. Ebenso wird sich Gewalt weit weniger in örtlichen Gemeinschaften zeigen, die in hohem Masse autark sind, als dort, wo die Existenz der Menschen auf einem weltweiten Handelssystem beruht.

Vom Standpunkt der buddhistischen Wirtschaftslehre her ist also die Produktion aus am Ort verfügbaren Mitteln für am Ort entstehende Bedürfnisse die vernünftigste Art des Wirtschaftslebens, während Abhängigkeit von Einfuhren, die von weither kommen, und die sich daraus ergebende Notwendigkeit, für die Ausfuhr an unbekannte und weit entfernt lebende Völker zu produzieren, in hohem Masse unwirtschaftlich und nur in Sonderfällen und in kleinem Rahmen zu rechtfertigen ist. Ebenso wie der moderne Wirtschaftswissenschaftler zugeben würde, dass ein grosser Bedarf an Verkehrsdienstleistungen zwischen der Wohnung und dem Arbeitsplatz eines Menschen bedauerlich und nicht Zeichen eines hohen Lebensstandards ist, wäre der buddhistische Wirtschaftswissenschaftler der Ansicht, dass die Befriedigung menschlicher Wünsche aus weit entfernten Quellen statt aus nahegelegenen eher ein Zeichen für Versagen als für Erfolg ist. Während der Erstgenannte dazu neigt, Statistiken aufzustellen, in denen sich eine Zunahme der Tonnenkilometer pro Kopf der Bevölkerung durch das Verkehrswesen des Landes als Beweis für wirtschaftlichen Fortschritt darstellt, würde der buddhistische Wirtschaftswissenschaftler dieselbe Statistik als Anzeichen für eine äusserst unerwünschte Verschlechterung im Verbrauchsmuster ansehen.

Ein weiterer auffallender Unterschied zwischen der modernen Wirtschaftswissenschaft und der buddhistischen Wirtschaftslehre zeigt sich im Hinblick auf die Verwendung natürlicher Hilfsquellen. Bertrand de Jouvenel, der herausragende französische politische Philosoph, hat den ›westlichen Menschen‹ mit Worten gekennzeichnet, die man als angemessene Beschreibung des modernen Wirtschaftswissenschaftlers ansehen kann: „Ihm gilt nichts ausser der menschlichen Anstrengung als Aufwand. Es scheint ihn nicht zu kümmern, wieviel Mineralsubstanz er verschwendet und, weit schlimmer noch, wieviel lebende Substanz er zerstört. Es scheint ihm in keiner Weise klar zu sein, dass das Leben des Menschen abhängiger Teil eines Ökosystems ist, das aus vielen verschiedenen Formen des Lebens besteht. Da die Welt von Städten aus regiert wird, in denen die Menschen von jeder anderen Lebensweise als der menschlichen abgeschnitten sind, wird das Gefühl nicht bestärkt, zu einem Ökosystem zu gehören. Die Folge ist eine gefühllose und leichtfertige Behandlung von Dingen wie Wasser und Bäume, von denen wir letztlich abhängen.“

Die Lehre Buddhas gebietet jedoch dem Menschen eine ehrfürchtige und gewaltlose Haltung nicht nur allem empfindenden Leben gegenüber, sondern auch mit grossem Nachdruck Bäumen gegenüber. Von jedem Jünger Buddhas wird erwartet, dass er jeweils in Abständen von einigen Jahren einen Baum pflanzt und pflegt, bis er gedeiht. Es fällt dem buddhistischen Wirtschaftswissenschaftler nicht schwer zu zeigen, dass die allgemeine Beachtung dieser Vorschrift zu einem hohen Mass echter wirtschaftlicher Entwicklung führen würde, die von äusserer Hilfe unabhängig wäre. Zum wirtschaftlichen Verfall Südostasiens hat wie in vielen anderen Teilen der Erde auch zweifellos die gedankenlose und beschämende Vernachlässigung der Bäume massgeblich beigetragen.

Die moderne Wirtschaftswissenschaft unterscheidet nicht zwischen erneuerbaren und nicht-erneuerbaren Materialien, da ihr Vorgehen ja gerade darin besteht, alles in Form von Geld nach der Menge zu bewerten. Nehmen wir beispielsweise verschiedene Energiequellen wie Kohle, Öl, Holz oder Wasserkraft, so zeigt sich, dass in den Augen der modernen Wirtschaftswissenschaft der einzige Unterschied zwischen ihnen im relativen Preis pro Energieeinheit besteht. Der Vorzug ist automatisch der billigsten zu geben, da alles andere unvernünftig und ›unwirtschaftlich‹ wäre. Nun ist das vom buddhistischen Standpunkt selbstverständlich nicht richtig, der entscheidende Unterschied zwischen nicht-erneuerbaren Brennstoffen wie Kohle und Öl einerseits und den erneuerbaren wie Holz und Wasserkraft andererseits lässt sich nicht einfach übersehen. Nicht erneuerbare Güter dürfen nur dann verwendet werden, wenn das unvermeidlich ist. Selbst dann aber werden sie sehr sorgsam behandelt, und es wird angestrebt, sie möglichst zu bewahren. Der sorglose oder verschwenderische Umgang ist den Buddhisten zu gewalttätig, und auch wenn völlige Gewaltlosigkeit auf dieser Welt wohl nicht zu erreichen ist, so besteht doch die unbedingte Pflicht des Menschen, in allem, was er tut, dem Ideal der Gewaltlosigkeit nachzustreben.

Ebenso wie moderne europäische Wirtschaftswissenschaftler es nicht für eine grosse wirtschaftliche Leistung hielten, wollte man alle europäischen Kunstschätze zu günstigen Preisen an Amerika verkaufen, so würde auch ein buddhistischer Wirtschaftswissenschaftler auf der Meinung bestehen, dass eine Bevölkerung schmarotzt, die ihr wirtschaftliches Leben auf nicht-erneuerbaren Brennstoffen aufbaut, die also vom Kapital statt vom Ertrag lebt. Eine solche Lebensweise kann nicht von Dauer sein und darf daher nur als vorübergehender Notbehelf gerechtfertigt werden. Da die Weltvorräte an nicht-erneuerbaren Brennstoffen – Kohle, Öl und Erdgas – äusserst ungleichmässig über den Erdball verteilt und in ihrer Menge begrenzt sind, ist es klar, dass ihre immer raschere Ausbeutung eine Gewalttat gegen die Natur darstellt, die unvermeidlich zur Gewaltanwendung unter den Menschen führen muss.

Diese Tatsache allein müsste ausreichen, selbst solche Menschen in buddhistischen Ländern zum Nachdenken zu bringen, die sich nichts aus den religiösen und geistig-seelischen Werten ihres Erbes machen und die den glühenden Wunsch verspüren, sich möglichst rasch dem Materialismus der modernen Wirtschaftswissenschaft hinzugeben. Bevor sie die buddhistische Wirtschaftslehre als rückwärtsgewandten Traum abtun, sollten sie überlegen, ob der von der modernen Wirtschaftswissenschaft vorgezeichnete Weg sie wirklich dorthin führt, wohin sie möchten. Gegen Ende seines mutigen Buches The Challence of Man’s Future gibt Harrison Brown vom California Institute of Technology zu bedenken: „Wir sehen also, dass die industrielle Gesellschaft im Innersten labil und dem Rückfall in eine Ackerbaugesellschaft ausgesetzt ist, während zugleich die Kräfte, die dem Einzelnen Freiheit garantieren, nicht stark genug sind, einem Rückfall in Zeiten einer starren Organisation und totalitären Herrschaft entgegenzutreten. Wenn wir alle voraussehbaren Schwierigkeiten prüfen, die den Fortbestand der auf Industrie gegründeten Zivilisation bedrohen, lässt sich schwer sehen, wie zugleich Stabilität erreicht und die Freiheit des einzelnen bewahrt werden kann.“

Selbst wenn wir das als eine erst für die Zukunft gültige Darstellung abtun, bleibt die unmittelbare Frage, ob ›Modernisierung‹, wie sie gegenwärtig ohne Rücksicht auf religiöse und geistig-seelische Werte stattfindet, tatsächlich erstrebenswert ist. Im Hinblick auf die Massen scheinen die Ergebnisse verhängnisvoll – das ländliche Wirtschaftssystem bricht zusammen, die Zahl von Arbeitslosen in Stadt und Land nimmt zu, und ein Stadtproletariat ohne Nahrung und Perspektiven wächst.

Angesichts der unmittelbaren Erfahrung und der langfristigen Auswirkungen könnte sich die Beschäftigung mit der buddhistischen Wirtschaftslehre selbst für jene empfehlen, die Wirtschaftswachstum für wichtiger als irgendwelche geistig-seelischen oder religiösen Werte halten. Es handelt sich nämlich nicht um eine Frage der Wahl zwischen <modernem Wachstum> und ›herkömmlichem Stillstand‹. Es geht darum, den rechten Pfad der Entwicklung zu finden, den Mittleren Weg zwischen materialistischer Rücksichtslosigkeit und herkömmlicher Unbeweglichkeit, kurz gesagt, die ›Richtige Lebensart‹.«

Schumacher, E.F.,.M.G., 1978, Die Rückkehr zum menschlichen Mass : Alternativen für Wirtschaft und Technik, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, S. 48-56
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