Bei Gewalt denken wir an körperliche Gewalt. Die Ausübung von körperlichem Zwang, von körperlichen Schlägen. Wir sehen Bilder aus dem Fernseher, Bilder von Geiselnahmen, Bilder von Misshandlung und Missbrauch bei Kindern. Diese Art von Gewalt, körperliche Gewalt, lehnen viele ab. Dafür üben wir jeden Tag eine andere Art von Gewalt aus, viel subtiler, viel intensiver.

Körperliche Gewalt wirkt auf den Körper des Anderen – und auf die Psyche. Einbruchsopfer, deren persönlicher Rückzugsraum, deren Wohnungssphäre verletzt wurde, leiden oft Jahre später an den psychischen Folgen der Grenzüberschreitung. Opfer von sexueller Gewalt tragen dieses Wissen und die Auswirkungen oft ein Leben lang mit sich. Körperliche Gewalt bringt nicht nur den Tod, sondern gefährdet leben im Leben.

Neben der körperlichen Gewalt (gewalt-tätig) gibt es eine zweite Art von Gewalt, sie ist subtiler, heimtückischer. Gewalt, die wir durch Sprache ausüben (gewalt-sprechend). Sätze, die klein und unscheinbar daher kommen. Die auf Nachfrage als Humor gemeint waren, vermeintlich. Unscheinbare Bemerkungen, die sich durch ihre Wiederholung tief in den Geist einbohren, festsetzen und ihre zerstörerische Kraft beständig ausüben. Gewalt-sprechend sind Sätze, die du zu anderen sprichst und Sätze, die du dir in Gedanken vorsagst.

Unscheinbare Sätze wie:

  • „Ich verstehe das nie.“
  • „Das kannst du nicht.“
  • „Die schönste bist du nicht.“
  • „Ich bin nicht gut genug.“
  • „Nur wenn ich erfolg-reich bin, lieben mich die Anderen.“
  • „Wenn du mich wirklich lieben würdest, dann …“
  • „Mit ein wenig nachdenken hättest du …“
  • „Ich möchte dir keinen Rat erteilen, aber das beste für dich wäre …“
  • „Höre endlich auf traurig zu sein, sehe das positive in der Welt.“
  • „Wenn du mich verlässt, dann bringe ich mich um.“

Gewalt-sprechend gegen andere unterstellt dem Anderen gewisse Eigenschaften, bestimmte Gedanken, klare Absichten. Gewalt-sprechend masst sich an, zu wissen warum der Andere handelt, was er dabei denkt, warum er so handelt, wie er nicht handeln sollte, was gut für ihn, wie er handeln sollte … Du übernimmst die Verantwortung für den Anderen – würdest dies natürlich verbal vehement ablehnen, so etwas tust du niemals. Du meinst es nur gut, du weißt was gut für den Anderen ist.

Gewalt-sprechend sich selbst gegenüber, folgt aus der unreflektierten Übernahme von Aussagen Dritter ins eigene Glaubenssystem. Sätze der Eltern, der Geschwister, der Lehrer, der Freunde, der Feinde. Auch Erfahrungen führen zu gewalt-sprechenden Gedanken. Erfahrungen, die wir mit Misserfolgen verbinden – beim Ausüben einer Sportart, eines Instruments – verallgemeinern wir nach den ersten Gehversuchen. Erfahrungen, die wir mit Erfolg verbinden – jeder lobt dein Aussehen – verinnerlichen wir, indem wir unsere Bemühungen darauf ausrichten, anderen Menschen äußerlich zu gefallen.

Als drittes strukturelle Gewalt (z. B. niedrige Lebenserwartung, Hunger, Krankheit). Strukturelle Gewalt verbirgt sich hinter Begriffen wie Schicksal, Karma, Zufall, Ist-eben-so, Gott, Gesetz, persönliche Lernfelder. Bei struktureller Gewalt schreiben wir die Verantwortung für das – was ist – einer Autorität zu, die nicht personell ist, keine Einzelperson. Wir konstruieren uns mit struktureller Gewalt ein gutes Gewissen – wir müssen nicht handeln, Motto: „Es ist eben so!“.

Dass in Afrika täglich über 10.000 Babys, Kinder sterben, ›ist eben so‹. Dass unser Konsums anderen Menschen in der Welt die Lebensgrundlage entzieht, Menschen versklavt, Kinder ausgebeutet, ›ist eben so‹. Dass wir Verpackungsweltmeister sind, dieser Müll die Meere der Welt verschmutzt und über die Nahrungskette unsere Kinder und Kindeskinder belastet, ›ist eben so‹.

Ich nenne es gewalt-ergeben. Du ergibst dich, gibst deine Verantwortung, für das was ist, ab. Du wäscht deine Hände in Unschuld. Niemand ist schuld, es ›ist eben so‹. Du akzeptierst die Strukturen, die Gewalt erzeugen. Du unterstützt sie durch dein Untätigsein. Du schaust zu. Du schaltest auf ein anderes Fernsehprogramm, wenn es deine Stimmung negativ berührt. An Weihnachten spendest du für eine Hilfsorganisation, beruhigst dein latent schlechtes Gewissen. Gedanklich fasst du gute Vorsätze fürs neue Jahr, um es nach einem Tag zu vergessen.

Manche sind gewalt-tätig, viele sind gewalt-sprechend, wir sind gewalt-ergeben.

Im Tao Te King, Nr. 30:

»Denn jede Kraft hat eine Gegenkraft.
Gewalt, selbst wohlgemeinte,
fällt immer auf einen selbst zurück.«

Latose

Drei Wege deine Gewalt zu mindern:

  • Sei nicht gewalt-tätig.
  • Wähle deine Gedanken, deine Worte dir und anderen gegenüber sorgsam.
  • Erkenne strukturelle Gewalt und höre auf diese zu unterstützen.

 

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