Manchmal beginnt es mit „Wenn ich Dir einen Rat geben darf, …“. Wenn der Ratschlag erteilt wurde, folgt „Ich habe es doch nur gut mit Dir gemeint!“ oder später: „Ich habe es Dir doch gleich gesagt!“. Kennst du diese Aussagen? Bist du gerne ein Ratschläger? Lohnt es sich, Ratschläge zu geben? Auf was achtest du bei einem Ratschlag? Wie fühlst du dich, wenn dir ein Ratschlag erteilt wird?

Einige verpacken den Ratschlag als freundschaftlichen Dienst: „Ich gebe dir einen freundschaftlichen Rat.“ Dabei ist Freundschaft das Sein unter Gleichen. Jeder Ratschlag definiert jedoch einen Wissenden (den Ratschläger) und einen Unwissenden (den Empfänger des Ratschlags) – also ein Ungleichgewicht.

Eindrucksvoll belegt dies das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. Im Zusammenhang mit dem Wort ›Ratschlag‹ tauchen folgende Personengruppen auf – die Größe des Wortes symbolisiert die statistische Häufigkeit.

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Viele dieser Personengruppen sprechen mit einer ›vermeintlichen‹ Informationsmacht (z. B. Analysten, Lehrer, …) oder aus einer definierten Aktionsmacht (z. B. Polizei, Eltern, …). Ratschläger mit Informationsmacht arbeiten oft mit Angst, mit Aktionsmacht ausgestattet sind Ratschläger oft Befehlende, Strafende.

Ratschläge definieren ein Ungleichgewicht in einer Beziehung.

  • Ich wissend, du unwissend.
  • Ich helfe, dir wird geholfen.
  • Ich Objekt, du Subjekt.
  • Ich weiß, was gut für dich ist.

Der Wissende unterstellt, dass seine Einschätzung, seine Analyse der Situation, der des Anderen überlegen ist. Diese Überlegenheit wird mit Erfahrung, Wissen, Lebensalter, Macht (Position) oder Intelligenz begründet. Um seinem Ratschlag Bedeutung zu verleihen, erfolgt oft eine Kombination mit einer Warnung. Typisch sind Wenn-dann-Aussagen „Wenn du …, dann …“. Der Ratschläger formuliert seinen Rat meist absolut, ohne einen Zweifel an der Richtigkeit aufkommen zu lassen.

Johannes Schopp und Jana Marek verweisen auf Hendricks und den wundervollen Begriff des ›Instandsetzungsfilters‹ und sprechen von der Reparatur-Mentalität:

»Deshalb beschreiben wir unsere Arbeit heute so: die Menschen sehen, sie würdigen, mit Achtsamkeit hinhören ohne einen ›Instandsetzungsfilter‹, immer wieder hinsehen, hinspüren und radikal respektieren, wie und für was sie sich entscheiden (wollen). »Was würde geschehen, wenn wir unsere Reparatur-Mentalität für eine Weile losließen?«

Johannes Schopp, Jana Marek

Die Geisteshaltung des Ratschlägers, der ›Instandsetzungsfilter‹, ist aus mehreren Gründen fragwürdig:

Jeder Mensch ist einzigartig. Jeder verfügt über andere Gene, eine unterschiedliche Erziehung, spezifische Erfahrungen, seine Bedürfnisse, eine individuelle Situation, persönliche Werte, Ziele, Glaubenssätze und Annahmen. Das alles in seinem charakteristischen Umfeld, d. h. den Menschen, die ihn begleiten, den Orten, die er aufsucht, den Einflüssen, der er täglich aufnimmt.

Obwohl sich jeder am besten kennt (seine Wünsche, Hoffnungen, Annahmen …), fällt es den meisten schwer, für sich selbst die richtigen Entscheidungen zu treffen (also sich selbst die richtigen Ratschläge zu geben). Andere Menschen Ratschläge zu geben, die man nicht so gut kennt – ein Glücksspiel mit geringer Erfolgsaussicht.

Kein Mensch kann die Zukunft vorhersagen. In unserer komplexen Welt ist die Zukunft unsicher. Das erforderliche Wissen ist unbekannt. Geschweige, dass es eine Person besäße. Jeder hat einen kleinen, ganz kleinen Teil der Wahrheit (auch wenn manche glauben, sie hätten den großen Teil der Wahrheit). Ratschläge in dieser komplexen Welt zu geben, ist eine Anmaßung.

Der Mensch ist sehr in seiner eigenen Welt gefangen. Er verwechselt seine Sicht auf die Welt, mit der Welt an sich. Was für einen Menschen gut ist, kann für einen anderen Menschen schlecht sein.

Zuletzt suchen viele in der ›eigenen Vergangenheit‹ nach den Lösungen für die ›Zukunft anderer‹. Dabei haben Menschen eine unterschiedliche Vergangenheit und unterschiedliche Erwartungen an die Zukunft. Eine doppelte Fehlannahme.

»Das Bestreben, unser bereits vorhandenes Wissen zu bestätigen und zu untermauern, weicht der Bereitschaft, Urteile und festgefügte Experimentierfreude auf die Konfusion und das Geheimnis dessen, was da kommen mag, ein, ohne zu wissen, was wir vielleicht entdecken werden. Alles, was ist, heißen wir willkommen, nehmen wir an und kosten wir aus. Wir verlangsamen unser Tempo und lassen automatische Reaktionen los, die uns sonst immer gleich sagen, was etwas ist und was es zu bedeuten hat.«

Greg Johanson, Ron Kurtz

Johanson, Greg , Kurtz, Ron. Sanfte Stärke : Heilung Im Geiste Des Tao Te King. München: Kösel, 1993, S. 31

Neben diesen Schwierigkeiten besteht eine Grundherausforderung bei Ratschlägen: Die Unterscheidung zwischen gewollten Ratschlägen und ungewollten Ratschlägen.

Ungewollte Ratschläge sind überflüssig und schädlich. Sie bewirken nichts, verschlechtern die Beziehung und erschweren einen weiteren Austausch zwischen Menschen. Mögen sie auch gut gemeint sein, ungewollte Ratschläge schaffen Distanz. Vermeide sie.

Gewollte Ratschläge – ein heikles Thema. Selbst in bester Absicht können sie großen Schaden anrichten. In Unkenntnis der Situation, der Ziele, Bedürfnisse, Annahmen, kann ein Ratschlag aus Sicht des Ratsuchenden unverständlich klingen oder bei der Umsetzung in die Katastrophe führen. Wer wird in einem solchen Fall verantwortlich gemacht? Meist der Ratschläger („Du hast doch gesagt, dass ich …“).

Kannst du einen Ratschlage nicht vermeiden? Ratschläge brauchen Zeit, keine Ratschläge zwischen Tür und Angel. Versuche den Ratsuchenden zu verstehen. Kläre genau die Frage des Ratsuchenden, warum er diese stellt, was er von deinem Rat erhofft, warum er den Rat von dir möchte. Erfahre mehr über die Umstände der Situation. Wenn du den Ratsuchenden besser verstehst, erläutere deine Werte, Ziele und Annahmen, die bei der Antwort für dich wichtig sind. Abschließend kannst du verschiedene Handlungsoptionen als Frage darlegen, bewertet mit den Kriterien, die für den Ratsucher wichtig sind („Wie fühlt es sich für dich an, wenn du …?“). Jeder Rat als Einladung selbst darüber nachzudenken, selbst neue Erkenntnisse zu erlangen, selbst neue Möglichkeiten zu erkunden.

»But instead of telling him what to think, I taught him how to think. […] When people ask what I think they should do,  I rarely answer their question directly. Instead, I run the question aloud through one of my models.«

Clayton Christensen

Ein schöneres Wort für diese gemeinsame Erkundung ist ein ›Gedankenaustausch‹. Statt Ratschläge zu gewähren, lade andere ein mit dir Gedanken zu einer Frage, einem Thema auszutauschen. Jeder bringt sich, mit all seinem Sein, mit ein.

Wie reagierst du das nächste Mal, wenn jemand zu dir sagt:
„Wenn ich Dir einen Rat geben darf, …“

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  • Lelling Stephanie

    Wie gut Deine Seite gerade heute zu lesen!!!
    Es steht mir so ein Gespräch bevor und das Wort „Gedankenaustausch “ hilft mir jetzt sehr!
    Danke!!!!