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Bist du falsch, verkehrt, nicht-richtig?

Die Arbeit an den eigenen Schwächen ist das Dogma der Personalbeurteilungssysteme. Zuerst zählt der Beurteiler die Stärken auf. Er möchte eine ›gute Basis‹ für seine erkannten Schwächen schaffen. Der Schwerpunkt liegt auf den Schwächen, du erkennst es an der längeren Zeitdauer, die für die Schwächen verwendet wird. Warum sagen wir anderen Menschen, dass sie falsch sind, so wie sie sind?

Unsere Modelle für Personalbeurteilung und Personalweiterbildung stammen aus dem letzten Jahrhundert, teilweise sind sie noch älter. Sie leiten sich auch von der Kindererziehung ab. Es gibt einen, der das Sagen hat, und andere, die das zu tun haben, was gesagt wird. Belohnungen und Strafen, Lob und Kritik als elementare Methoden. Wenn es gut läuft, glaubt der Bestimmende an seine Stärken, läuft es schlecht, liegt in die Ursache bei den Anderen, es ist deren Veranlagung, Charakter, Ungehorsam, Dummheit. Es gibt einen, der beurteilt welches Verhalten gewünscht wird und welches zu unterlassen ist.

Oft findest du dieses Verhalten im Berufsleben, sehr oft bei der Kindererziehung. Jesper Juul bringt die Einstellung hinter diesem Verhalten auf den Punkt:

»Seine Wertvorstellungen stammen aus einer Zeit und aus einer Familie, in der man in vollem Ernst glaubte, Kinder würden ›richtig‹ werden, wenn man sie davon überzeugt, dass sie verkehrt seien.«

Jesper Juul

Warum glauben wir in der Familie und im Berufsleben, dass wir Menschen ›richtig machen‹, indem wir ihnen aufzeigen, dass sie falsch sind? 

Kein Mensch ist falsch. Alle Menschen sind gleichwürdig, gleichwertig. Wie so oft beginnt es bei dir selbst.

Wo glaubst du, dass du falsch, verkehrt, nicht-richtig bist? Wer hat dir eingeredet, dass du falsch bist?

In den Themen, bei denen du annimmst, dass du falsch bist, setzt du eine Maske auf. Du zeigst dich nicht wirklich, du spielst eine Marionette, in dem Glauben es gäbe keine Fäden. Du versteckst dich. Keiner wird dich erkennen. Wirklichen Kontakt zu dir und zu anderen verwehrst du dir selbst.

Was es bedeutet, sich offen zu zeigen, deutet Sheldon B. Kopp an.

»Zeige ich mich offen, ohne mich darum zu sorgen, wie der andere darauf reagiert, werden einige sich angesprochen fühlen, andere nicht. Aber wer wird mich lieben, wenn keiner mich kennt? Ich muss es wagen oder allein leben.«

Sheldon B. Kopp

Woran erkennst du dein Scheitern?

Ab und an lese ich Worte, die mich tief berühren. So wie gestern. Ein Artikel über eine Frau, die seit 30 Jahren in einem Favela (Slum) in Sao Paulo arbeitet. Nein, arbeiten trifft es nicht. Sie lebt für eine bessere Welt, sie redet nicht darüber, sie tut es.

Sie lebt in einem Haus mit 18 Kindern. Wie viele Quadratmeter hat? Überlege kurz. 18 Kinder, eine Frau. Es sind 40 Quadratmeter. Statt auf Belehrung, Besser-Wissen, Lehrer-Einstellung setzt Ute Cremer auf einen Kreislauf des Guten, auf die Kraft der guten Tat.

Sie denkt nicht von Quartal zu Quartal, sie denkt in Jahrzehnten. Als Walldorf-Lehrerin gründete sie die ersten Kindergärten im Favela. 

Sie erlebt viele Rückschläge, ihr Vertrauen wurde nicht immer belohnt, doch sie verlor ihr Vertrauen in die Menschen nicht. Scheitern kennt sie nicht, weil ein Scheitern davon ausgeht, dass es einen Endpunkt gibt. Einen Zeitpunkt, zu dem man weiß, was richtig und falsch ist. Sie schafft Rahmenbedingungen, zu denen sich etwas wundervolles ereignen kann.

Die Bewertung von Situationen in Erfolg, Mißerfolg setzt voraus, dass du heute die Folgen dieser Situation absehen kannst. Eine Illusion. Weise, wer dies erkennt, wie dieser chinesische Bauer.

»Ein chinesischer Bauer hatte ein altes Pferd für die Feldarbeit. Eines Tages lief ihm dieses in die Hügel davon. Die Nachbarn wollten ihn über dieses Unglück hinwegtrösten. Er aber sagte: “Ist’s ein Glück, ist’s ein Unglück? Wer weiss es?” Nach ein paar Wochen kam das durchgebrannte Pferd mit drei wilden Pferden zurück. Jetzt liefen die Nachbarn zusammen und riefen: “Du bist doch ein Glückspilz.” Der Bauer aber sagte: “Ist’s ein Glück, ist’s ein Unglück? Wer weiss es?” Etwas später geschah es, dass sein Sohn, als er eines der wilden Pferde zähmen wollte, zu Boden fiel und sich das Bein brach. Die Nachbarn kamen erneut zusammen und meinten den Bauern trösten zu müssen über diesen Unfall. Doch der Bauer sagte wiederum: “Ist’s ein Glück, ist’s ein Unglück? Wer weiss es?” Bald danach wurde das Land in einen Krieg verwickelt und alle jungen Männer wurden zu den Waffen gerufen. Nur der Sohn des Bauern konnte daheim bleiben. War’s ein Glück, war’s ein Unglück? Wer weiss es?«

Unbekannt

Ute Cremer veränderte das Leben von unzähligen Menschen. Sie tat dies nicht durch Belehrungen, Vorschriften, Regeln, Handbücher oder Androhung von Strafe. Wie sie es tut, beschreibt dieses wundervolle Zitat (aus ‘a tempo’, 2014/11, S. 18–19):

»Menschen verändern sich, wenn wir den Mut aufbringen, sie zu lieben.«

Ute Cremer

Mehr über ihre Arbeit gibt es hier (http://www.monteazul.de/).

Treibst du deinem Kind die Lebendigkeit aus?

Zeit verhält sich sonderbar. Mal rennt sie, mal steht sie still. Manchmal verschwindet die Zeit, manchmal betrügt uns die Zeit. Zeit als ein seltsames Ding, einem Lebewesen gleich. Dann die Rationalisten, die Zeit als eine Konstante, 24 Stunden am Tag, definieren. Unterteilt in Stunden, Minuten, Sekunden. Kein Zauber, Tick – Tack – Tick – Tack …

Wenn sich Zeit in deiner Wahrnehmung verändert, du selbst Kinder auf ihrem Lebensweg begleitest, kennst du vielleicht die Wirkung von Kindern auf Zeit. Kinder sind Zauberer der Zeit. Sie können mit ihren strahlenden Augen die Zeit anhalten, der Augenblick erscheint unendlich. Alles Leben strahlt in diesem Augenblick, so viel Energie, Kraft, Lebendigkeit, Freude, Präsenz, es ist unglaublich.

Wenn Kinder schreien, nachts schreien, dehnt sich die Zeit. Jeder Schrei eine Ewigkeit, der nächste Schrei die doppelte Ewigkeit. Geht es Kindern nicht schnell genug, kennen sie kein „warte mal kurz“, sondern nur ein „jetzt und sofort“. Zeit scheint für sie nicht zu existieren. Kinder beherrschen die Zeit, Kinder sind Meister der Zeit.

Kinder wachsen, werden erzogen, verwandeln sich in Erwachsene. Sie verlieren ihre Fähigkeit, mit der Zeit zu zaubern. Plötzlich beherrscht die Zeit die Kinder. Die Zeit gibt den Takt vor. Es beginnt mit einer unscheinbaren Armbanduhr, die ein Kind tragen „muss“, damit es nicht zu spät kommt. Dann der Stundenplan, die Strafen, wenn es Hausaufgaben-Termine nicht darbietet. Die Gesellschaft erzieht zur Zeit-Disziplin.

Es gibt eine Zeit zum Schlafen, eine Zeit zum Essen, eine Zeit zum Spielen, eine Zeit zum Üben eines Musikinstruments, eine Zeit zum Lernen, eine Zeit für alles. Vor der Zeit-Disziplinierung gestaltet das Kind seine Zeit nach seinen Bedürfnissen. Während der Anpassungsmassnahmen muss das Kind lernen, dass es seine Bedürfnisse nach der Zeit richten muss. Er verliert den ersten Kontakt zu seinen Bedürfnissen. Es lernt sich unterzuordnen, zu gehorchen, zu funktionieren (jetzt ist Sportstunde, jetzt wird gegessen, jetzt wird nicht gespielt, sondern gelernt).

Wir vertreiben die Lebendigkeit aus dem Kind und ersetzen es mit Disziplin und Gehorsam. Dann wundern wir uns, dass in unseren Bussen und Bahnen viele Menschen sitzen, die regungslos, bewegungslos, emotionslos ins Leere starren. Sie funktionieren, stehen auf, gehen arbeiten, konsumieren, schauen fern, trinken Alkohol, rauchen und lassen ihr Leben von anderen bestimmen.

Mit der Disziplin lernt das Kind auch ›gute Manieren‹. Gute Manieren bedeuten, dass Kinder die Erwartungen anderer Menschen erkennen und beachten müssen. Während ihre eigenen Erwartungen als kindlich, unbwichtig und unreif bewertet werden. Zu Beginn sorgen sich Kinder selten um die Erwartungen ihrer Umwelt. Sie schreien, wenn sie schreien möchten, sie lachen, wenn sie lachen möchten, sie haben Hunger, wenn sie Hunger haben …

Sie sagen frei und offen, was sie denken. Kinder fragen andere direkt, sie fragen, was sie interessiert. Sie fragen die Tante, warum sie nicht verheiratet ist. Sie fragen den Onkel, warum er keine Arbeit findet. Sie fragen den Opa, warum er drei Autos braucht. Sie fragen den Nachbarn, warum er so viel Müll produziert. Sie fragen die Mama, warum sie Essen in den Müll wirft, wo doch andere Kinder verhungern.

Ihre Fragen sind voller Interesse und Lebendigkeit. Sie brennen darauf, Fragen zu stellen. Wir bringen ihnen bei, dass es gute und schlechte Fragen gibt. Das „man“ manche Fragen nicht stellt. Dann hören Kinder auf, Fragen zu stellen. Sie hören auf Interesse zu zeigen, verlieren von ihrer Lebendigkeit. Sie besitzen nun gute Manieren.

Kinder sprühen vor Kreativität, vor Fantasie, sie können noch träumen. Erschaffen sich Welten voller Schönheit, ein Tisch wird zu Höhle, ein Stuhl zum Thron, eine Gabel zum Zauberstab, ein Handtuch zur Schleppe. Sie malen Menschen, Bäume in ihrer ganz persönlichen Art und Weise, individuell und nicht kopierbar. Bis wir ihnen klar machen, wie ein Baum auszusehen hat, das ein Handtuch kein Spielzeug ist, was Wirklichkeit ist und das Träumen zu nichts führt und nichts bringt. Wir töten Kreativität, vertreiben die Fantasie aus ihren Köpfen und begraben ihre Träume mit beiden Händen.

Zeitlich eingetaktet, gedrillt auf gute Manieren, ihre eigenen Bedürfnisse verdrängt, ihre Träume vergraben – so beginnen Kinder am Ende der Kindheit mit dem ›Ernst des Lebens‹. Spaß haben sie an Fasching, mit Alkohol oder Abends auf einer Party. Spontanes Lachen wirkt unkontrolliert, kindlich und unpassend.

Kinder kommen voller Lebendigkeit, voller Freude, voller Neugier, sie strahlen, sie bringen andere Menschen zu strahlen, sie wirken durch ihre Präsenz. Warum unterstützen wir sie nicht, dies zu bewahren?

Zum Abschluss – Geplatzte Träume

»Ich wollte Milch und bekam nur die Flasche,
ich wollte Nähe und schlief in der Wiege,
ich wollte Liebe und sie ließen mich schreien.

Ich wollte spielen und kam in die Kita,
ich wollte Freiheit und sie setzten Grenzen,
ich wollte schimpfen und sie sagten: Nein!

Ich wollte lernen und musste zur Schule,
ich wollte Bindung und wurde gelobt,
ich wollte leben und sie mich schön selbstlos.

Ich wollte Frieden und sie zogen mich ein,
ich wollte Wahrheit und hörte nur Lügen,
ich wollte weinen und sie spendeten Trost.

Ich war kreativ und schrieb nur Berichte,
ich hatte Motive und bekam Motivierung,
ich wollte Vertrauen, empfand Boni als Verrat.

Ich wollte helfen und sie soziale Gesetze,
ich wollte Sicherheit und glaubte lange an Rente,
ich wollte Recht und sie mästeten den Staat.

Ich wollte sparen und sie druckten mehr Geld,
ich wollte Freiheit und bekam Demokratie,
und nun ist mir klar:
Ich wollte das Gute und bin eigentlich ›sie‹.«Oliver Heuler

Hast du heute schon gratuliert?

Heute ist ein wichtiger Tag. Heute ist ein Tag, an dem du jemanden bestimmtes gratulieren solltest. Doch wem und warum solltest du gratulieren? Hast du einen wichtigen Geburtstag, Jahrestag vergessen?

Gratulieren, was für ein Wort. Es bedeutet ›frohe Teilnahme zu erkennen geben‹, ›willkommen heissen‹,› freudig danken‹. Es ist die förmliche Variante von ›beglückwünschen‹, ›die besten Wünsche aussprechen‹, ›Glückwünsche senden‹. 

Nun, wem in aller Welt hast du heute noch nicht frohe Teilnahme zu erkennen gegeben, freudig gedankt? Und warum?

Das Warum erklärt Pascal Gentner in ‘Ich gratulier dir‘:

»ich gratuliere dir – nicht zum Geburtstag
weder zum Sieg noch zur Beförderung
ich schenk dir Blumen keine zum neuen Vertrag
und zur bestandenen Prüfung

ich gratuliere dir – nicht zum Geburtstag
Applaus gibt’s keinen nach der Vorstellung
einen Toast niemals auf den Rekordertrag
und deine glänzende Leistung

ich gratuliere dir zu jedem Fehler
dass du zweifelst und dich hinterfragst
ich gratuliere zur späten Erkenntnis
und wenn du Hilfe holst bevor du verzagst

ich gratuliere dir wenn du mutig erzählst
und zu sagen wagst was dich verletzt
ich gratulier dir wenn du weißt wie du fühlst
und wenn du hoffen kannst bis zuletzt

ich gratuliere dir – nicht zum Geburtstag
weder zum Sieg noch zur Beförderung
ich schenk dir Blumen keine zum neuen Vertrag
und zur bestandenen Prüfung

ich gratulier dir zum Nein wenn du nein meinst
und zum bewußten und ehrlichen Ja
ich gratuliere wenn du spürst was du brauchst
und dafür einstehst sicher und klar

ich gratulier dir zu deinem Vertrauen
dass du nicht alles sehn mußt was du glaubst
ich spiel nen Tusch und halt‘ die Laudatio
wenn du dir’s Glücklichsein erlaubst«

Pascal Gentner

Bleibt die Frage, wem du gratulieren solltest? 

Beginne doch damit dir selbst zu gratulieren, dir selbst freudig für deinen Tag zu danken, dir selbst die besten Wünsche auszusprechen.

Wenn du dies schaffen solltest, dann gratuliere einem Menschen in deiner Nähe. Sage ihm, was du an ihm toll findest. Warum es wichtig für dich ist, dass es ihn gibt. Was du an ihm bewunderst?

Warte nicht zu lange. Sonst sprichst du diese Worte am Grab dieses Menschen. Dort werden bekanntlich die schönsten Dankes-Reden gehalten, die Menschen sagen so viel positives über den Verstorbenen, loben ihn, sagen, wie viel Kraft er ihnen gab, was für ein guter Mensch er war. Sie sprechen es aus, wenn er es nicht mehr hören kann. Wie gut hätten ihm diese Worte zu Lebzeiten getan?

Warte nicht mit dem Gratulieren, beginne heute damit.

Kennst du diese drei Spiegelfragen?

Der Jahreswechsel steht vor der Türe. Für viele eine Zeit der Rückschau, des Innehaltens, des Ausblicks. Hier drei Spiegelfragen, die du einem Menschen geben kannst, der dich gut kennt.

Spiegelfragen, weil die Antworten dein Sein spiegeln. Dem Menschen, dem du diese Fragen gibst, hält dir den Spiegel vor. Staune ob der anderen Sichtweise, der anderen Wahrnehmung, der anderen Erkenntnisse über dich.

Bitte den Freund, die Freundin es schriftlich zu machen. Das hat den Vorteil, dass mehr als die üblichen Gedanken zum Vorschein kommen. Das schriftliche fördert Assoziationsketten. Du kannst die Antwort in Ruhe lesen, Zusammenhänge erkennen. Jede Frage auf maximal einer Seite beantworten.

  1. Wie würdest du mich einem Fremden beschreiben?
  2. Wie habe ich mich in den letzten 12 Monaten verändert?
  3. Was wünscht du mir für die nächsten 12 Monate?

Im Gegenzug kannst du anbieten, diese Fragen für sie/ihn zu beantworten. So könnt ihr euch gemeinsam über die Fragen, Antworten und eure Sicht aufeinander austauschen. Eine wunderbare Art und Weise sich zu begegnen, das Jahr gemeinsam zu beschließen und ins neue Jahr zu starten.