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Leben deine Ziele dich?

Ziele sind wichtig, dass lesen, hören wir es überall. Vor allem im beruflichen Kontext sind Ziele unverzichtbar. Und wer etwas erreichen möchte, der sollte Ziele haben. Gibt es für unsere Gesellschaft schlimmeres als “ziellos” zu sein?

“Können Sie mir bitte sagen, welchen Weg ich von hier aus einschlagen muss?” fragte Alice. “Das hängt im wesentlichen davon ab, wohin du willst”, sagt die Katze. “Ach, das ist mir ziemlich gleichgültig”, meinte Alice. “Dann ist es auch egal, welchen Weg du einschlägst”, erwidert die Katze. “solange ich nur irgendwo herauskomme”, fügte Alice erklärend hinzu. “Das wirst Du bestimmt”, sagte die Katze, “wenn du nur lange genug gehst.” Lewis Carroll, ‘Alice im Wunderland’

Diese Geschichte beschreibt die Wichtigkeit von Zielen. Ziele sollen uns helfen den Fokus zu halten, die Richtung zu kennen, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden und vor allem die Zielerreichung ermöglichen. War es nicht Seneca, der sagte: 

“Wer den Hafen nicht kennt, in den er segelt, für den ist kein Wind ein guter!”Seneca

Ein Ziel hilft uns auf dem Weg zu bleiben, moderner ausgedrückt – die Motivation zu fördern.

Die Wissenschaftlerinnen Fischbach und Choi haben dies genauer untersucht. Sie behaupten, dass Ziele auch der Motivation schaden können – oder genauer gesagt, dass eine Fokussierung auf das Ziel die Zielerreichung gefährden kann.

Hier kurz eines der vier Experimente. An einer Hochschule wurden 103 Studenten in zwei Gruppen eingeteilt. Die einen sollten ihre Ziele beschreiben, die sie durch die Nutzung des Laufbands erreichen wollten. Diese Ziele sollten sie beim Trainieren ständig vor Augen haben. Z. B. “Ich möchte abnehmen” oder “Ich will Muskeln aufbauen”.

Die andere Gruppe sollte sich nicht auf das Ziel, sondern auf den Weg, auf das Erlebnis Fitnessstudio konzentrieren. Dazu sollten sie den Ablauf des Trainings genau beschreiben. In etwa: “Nach dem Umziehen dehne ich mich – und steige dann auf das Laufband. Diese Gedanken sollten sie während dem Training ständig vor Augen halten.

Die erste Gruppe (mit den Gedanken an das Ziel) wollte im Schnitt 47 Minuten trainieren, die Erlebnis-Gruppe 38 Minuten. Doch wie lange hat jede Gruppe wirklich trainiert? Die Ziel-Gruppe hat kürzer trainiert als geplant, 40 Minuten. Hingegen hat die Erlebnis-Gruppe 42 Minuten trainiert, länger als geplant.

Die Motivation der Ziel-Gruppe war zu Beginn höher, jedoch lies die Motivation anscheinend während des Trainings nach. Die Erlebnis-Gruppe hat sich auf den Weg konzentriert und hat sich in der Dauer gesteigert – über das Niveau der Ziel-Gruppe. (Quelle: Ayelet Fishbach und Jinhee Choi (2012). When Thinking about Goals Undermines Goal Pursuit. Organizational Behavior and Human Decision Processes, Band 118, Ausgabe 2, Seite 99 – 107)

Es gibt ein Ziel, dass viele – westlich geprägt – gemeinsam haben. Geld auf die Seite legen, um im Ruhestand das tun zu können, was man ›wirklich‹ will. Das Leben läuft so ab:

  • Schule, natürlich Abitur, gute Noten sind wichtiger als gute Bildung
  • Studium, natürlich mit Auslandsaufenthalt und sozialen Projekten, gibt Bonuspunkte im Accessment Center
  • Arbeit, natürlich Überstunden als Normalfall, um die Identifikation mit dem Unternehmen zu unterstreichen
  • Urlaub, natürlich nur wenn es betrieblich passend ist, und warum sollst du alle Urlaubstage nehmen, weniger kommt besser an
  • Burn out, die erste Auszeichnung für dich, du gehst über die Grenzen, um das Optimum für die Firma zu erreichen
  • Erster Herzinfarkt, eine weitere Auszeichnung für dich, du hast bewiesen, dass die Firma über deine Gesundheit geht
  • Tinitus, du bist auf dem besten Weg die Karriereleiter weiter aufzusteigen, du hast bewiesen Widerstände zu überwinden
  • Zweiter Herzinfarkt, du hast eine wirklich hohe Identifikation mit der Firma, du bist ein großes Vorbild

Irgendwann gehst du in Rente. Bei deiner Verabschiedung loben alle dein Tätigsein, dein Einsatz für die Firma. Dein Umgang mit beruflichen und persönlichen Rückschlägen (die Scheidung von deiner ersten Frau inklusive) haben dich nicht abgehalten, alles für die Firma zu geben. Jetzt wünschen sie dir viel Zeit mit deinen Enkeln (deine Kinder hast du vor der Scheidung kaum gesehen, danach noch seltener) und Zeit für deine Hobbys. 

Deine Karriere, dein Weg hat dir folgendes beschert:

  • gesundheitlich bist du mehr als angeschlagen (Burn out inkl. Depression, Tinitus, zwei Herzinfarkte)
  • Familiär kennst du deine Kinder kaum, die Enkel siehst deshalb so gut wie nicht
  • partnerschaftlich ist deine Lebensabschnittsgefährtin noch im Berufsleben und hofft, dass du dich alleine beschäftigen kannst
  • Hobbys hast du nicht gepflegt, sondern die Ausübung auf die Rente verschoben
  • beruflich treten deine Nachfolger nicht in deine Spuren, sondern gehen neue Wege
  • Freund- und Bekanntschaften bezogen sich meist auf die Arbeit, deine Nachbarn kennst du kaum
  • Wohnungsort ist dein Haus, das für dich allein viel zu groß ist
  • Finanziell mangelt es dir nicht an Geld, du weißt nur nicht, welchen Sinn es dir jetzt bringt
  • ist aber nicht so wichtig, weil deine Gesundheit kaputt ist – du stirbst nach ein paar Jahren

Dein Lebensmotto: „Das Leben hat ein Ziel, der Weg zu diesem Ziel ist reines Mittel zum Zweck.”

Gibt es eine Alternative?

Heinrich Böll hat eine kleine Geschichte (‘Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral’) geschrieben:

»In einem Hafen an der westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze.

Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind, ein drittes Mal: klick.
Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner Zigarettenschachtel angelt, aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab. Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist – der Landessprache mächtig – durch ein Gespräch zu überbrücken versucht.

“Sie werden heute einen guten Fang machen.“ 
Kopfschütteln des Fischers.
 “Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter günstig ist.”
 Kopfnicken des Fischers.
 “Sie werden also nicht ausfahren?”
 Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpasste Gelegenheit.
 “Oh, Sie fühlen sich nicht wohl?“ 
Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über. “Ich fühle mich großartig”, sagt er. “Ich habe mich nie besser gefühlt.”
 Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist.
 “Ich fühle mich phantastisch.”
Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht:
 “Aber warum fahren Sie dann nicht aus?”


Die Antwort kommt prompt und knapp. 
”Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.“ 
”War der Fang gut?”
 “Er war so gut, dass ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen …” 
Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen beruhigend auf die Schultern. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis.
 “Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug”, sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. 
”Rauchen Sie eine von meinen?”
 “Ja, danke.”
Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen.
 “Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen”, sagt er, “aber stellen Sie sich mal vor, sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen… stellen Sie sich das mal vor.”

Der Fischer nickt.
 “Sie würden”, fährt der Tourist fort, “nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?“ 
Der Fischer schüttelt den Kopf.
 “Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden …”, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, “Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben. Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann …”, wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen.
 “Und dann”, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache.

Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. 
”Was dann?” fragt der Fischer leise.
 “Dann”, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, “dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.”
 “Aber das tue ich ja schon jetzt”, sagt der Fischer, “ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“ 
Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.« Heinrich Böll

Der Fischer weiß, was ihm wichtig ist. Er kennt sein Ziel und lebt es jeden Tag. Ziele sind wichtig, sie geben dem Leben Richtung. 

Genauso wichtig, wie das Ziel, ist jedoch den Weg dorthin achtsam zu gehen. Vor lauter Zielen vor allem das “Wie” der Zielerreichung intensiv zu erleben, zu geniessen. Freude und Lust aus der Tätigkeit an sich zu schöpfen.

Das ›Wie‹ der Zielerreichung prägt dich sehr viel stärker als die Zielerreichung selbst.

Motto: »Wir sind nicht was wir erreicht haben, sondern ›wie‹ wir es erreicht haben.«

Gleicht dein Leben dem Modell ›Karriere‹ oder der Modell ›Fischer‹? Wie geht es dir damit?

Bist du, wie andere dich haben wollen?

Sei authentisch! In unserer Zeit eine populäre Aufforderung, geradezu Verpflichtung. Doch wer sagt dir was authentisch ist? Bestimmen die Anderen, wie du authentisch zu sein hast? Oder weißt du selbst, wann du authentisch bist? Falls du es selbst weißt, wie reagieren die Anderen auf dein authentisch sein?

Der abstrakte Begriff ›Authentisch sein‹ steht in Beziehung zu:

  • Freiheit, als die Möglichkeiten dich zu entfalten, unabhängig von den Erwartungen des Umfelds. (Lesenswert: Joseph von Eichendorff, ‘Aus dem Leben eines Taugenichts’).
  • Selbstbestimmung, als die Entscheidung eines Menschen ›seinen‹ Weg zu gehen. Dazu gehört das Recht auf Fehler, das Recht andere zu ent-täuschen, das Recht auf ungeliebte Entscheidungen.
  • Identität, als ein Prozess der Menschwerdung, der niemals abgeschlossen ist und trotz ständigem Wandel dem Menschen Orientierung und Halt gibt.
  • Glaubwürdigkeit, als die Gewissheit, stimmig zu sein, in dem was du denkst, sagst und tust (eigene Glaubwürdigkeit). Andere sprechen dir Glaubwürdigkeit zu oder ab, je nach dem, ob du gemäß ›ihres Bildes von dir‹ sprichst und handelst (fremde Glaubwürdigkeit).
  • Soziales Umfeld, als die Summe aller Menschen, Lebewesen, Dingen mit denen du in Kontakt ist. Das soziale Umfeld hat Erwartungen an das Denken, Sagen und Tun seiner Mitglieder. Es gibt Stabilität und Sicherheit, engt den Handlungsspielraum ein und fordert Anpassungsleistungen.
  • Autorität, als der Einsatz von Macht auf einen Menschen, um diesen in seinem Sein zu beeinflussen. Autorität darf nicht in Frage gestellt werden. Weicht das Verhalten von den Erwartungen der Autorität ab, wird der Missetäter direkt oder indirekt sanktioniert.

In dem Beziehungsgeflecht zwischen ›Ich‹ und ›Wir‹ entsteht Authentizität. Auf den Punkt gebracht ist Authentizität das Ergebnis im Spannungsfeld von zwei Fragen:
»Wer will ich für mich sein?« und »Wer will ich in den Augen anderer sein?«

Erich Fromm schreibt in ‘Authentisch leben’:

«Er denkt, fühlt und will, was die anderen von ihm erwarten, und verliert dabei sein Selbst, auf das sich jede echte Sicherheit eines freien Menschen gründen muss. Der Verlust des Selbst hat die Notwendigkeit, mit den anderen konform zu gehen, noch vergrößert, führt er doch zu einem tiefen Zweifeln an der eigenen Identität. Wenn ich nichts bin als das, was die anderen von mir erwarten, wer bin „ich“ dann? … Pirandello verleiht diesem Gefühl des modernen Menschen in seinen Theaterstücken Ausdruck. Er geht von der Frage aus: Wer bin ich? Welch’ anderen Beweis habe ich für meine Identität als den Fortbestand meines körperlichen Selbst? Seine Antwort ist nicht wie bei Descartes die Bejahung des persönlichen Selbst, sondern dessen Leugnung: Ich besitze keine Identität, es gibt kein Selbst außer dem Spiegelbild dessen, was andere von mir erwarten: Ich bin, „wie du mich haben willst“. Dieser Identitätsverlust macht es nur um so dringlicher, sich anzupassen; er bedeutet, dass man sich seiner selbst nur sicher sein kann, wenn man den Erwartungen der anderen entspricht. Entsprechen wir ihren Vorstellungen von uns nicht, so riskieren wir nicht nur ihre Mißbilligung, was zu einer noch stärkeren Isolierung führt, wir riskieren auch, die Identität unserer Persönlichkeit zu verlieren, womit wir unsere geistige Gesundheit aufs Spiel setzen.«Erich Fromm

Fritz Simon führt zu der wunderbaren Frage:  »Wer bin ich in den Augen derer, die mich beobachten, und stimmt das mit dem überein, was ich in der Selbstbeobachtung wahrnehme bzw. wahrnehmen will?« Er geht davon aus, dass Identität von Anderen gegeben wird. Identität als Deutungen von Anderen über mein Verhalten, mein Auftreten, meine Kleidung, meine Sprache. Identität als Ergebnis der Teilnahme an Kommunikationssystemen. (‚Gemeinsam sind wir blöd?!’, . S. 170 – 171)

Du kannst dein Leben an den Erwartungen der Anderen ausrichten. Damit richten die Anderen über dein Denken, Sprechen und Handeln. Deine Fremd-Identität ist gesichert. Identität ist – in diesem Sinne – die Zuweisung deines Platzes, deiner Rolle im sozialen Feldes. Von dir wird erwartet, diese Rolle zu spielen. Deine Eigenschaften, deine Handlungen, dein Text wird von anderen vorgeben, du führst aus.

Du hast Zeit gewonnen, die du zur Selbstfindung gebraucht hättest. Du weißt, was du darfst, was du nicht darfst, du kannst dich einrichten. Und in kleinen Dingen darfst du dich ausleben. Am Frühstückstisch entscheidest du – selbstdenkend – zwischen Erdbeer- und Himbeermarmelade; beim nächsten Buchkauf zwischen dem Taschenbuch über Liebe oder dem Ratgeber über mehr Erfolg im Beruf.

Einmal auf dieses Rollenspiel eingelassen, ist der Weg in die eigene Identität schwer. Mit der Zeit dominiert das fremde Rollenbild deinen Selbstwert, dein Selbstbild. Erfüllst du die Rollenerwartungen nicht mehr – welches Selbstbild hast du, woher kommt dein Selbstwert?

Moshé Feldenkrais (‘Bewusstheit durch Bewegung’, S. 40-41):

»Über dem – im großen und ganzen positiven – Bestreben, das Leben der Gesellschaft zu verbessern, werden in unserer Zeit die einzelnen Menschen, aus denen die Gesellschaft besteht, vergessen, vernachlässigt, übergangen. Der Fehler liegt nicht in den Bestrebungen, sondern im einzelnen selbst: er neigt dazu, sein Ich-Bild mit dem Wert gleichzusetzen, den er für die Gesellschaft hat. Wie einer sich einschätzt, ob richtig oder falsch, hängt zu Recht oder zu Unrecht für ihn ab von dem Wert, den er als Glied der Gesellschaft zu haben glaubt. Mag er sich auch von seinen Erziehern und Beschützern befreit haben, so läßt er sich doch nicht anders werden als nach dem Muster, das ihm von Anfang an vorgehalten und eingeprägt worden, und er wird sich erst recht nicht bemühen, der andere zu werden, der er ist. Darum nimmt in einer Gesellschaft die Ähnlichkeit im Verhalten, im Aussehen, in den Ansichten derer, aus denen sie sich zusammensetzt immer mehr zu.«Moshé Feldenkrais

1978 eine schöne Beschreibung unserer heutigen Gesellschaft. Treffend in Bilder umgesetzt von Ari Versluis und Ellie Uyttenbroek (mehr Bilder auf deren Homepage).

Exactitudes

Ähnlichkeit ist die Folge, Gleichschaltung – unter Vorspiegelung von scheinbarer Einzigartigkeit – eine weitere Konsequenz. Jeder auf diesem Bild glaubt an seinen individuellen Kleidungsstil.

Die Gleichschaltung vereinfacht die Wertbestimmung von Menschen. Marktwirtschaftlicher Wert von Menschen messen wir an der …

  • freiwillige Bereitstellung der aktuell geforderten Qualifikationen, Anforderungen des Marktes (z. B. Mobilität, Methoden, Gehorsam),
  • Förderung des Konsums durch die Befriedigung der durch Werbung injizierten Bedürfnisse im Kaufakt,
  • dogmatischer Glaube an die Allmacht von Geld und Technologie.

Ständig erhöhst du deinen Marktwert. Die Angst dich optimal zu vermarkten treibt dich an, quält dich Tag für Tag (und Nachts). Dein Pseudo-Selbstwertgefühl ist vorhanden, wenn andere Menschen dein Mühen anerkennen und du ein gefragter Qualifikationsträger bist. In Wahrheit ist dies kein Selbstwertgefühl, sondern ein gefühlter Fremdwert.

Ständig versuchst du durch Konsum die innere Leere zu übermalen. Der Lack blättert kurz nach dem Kaufakt – die Leere kommt zurück. Die Leere wird mit jedem Kaufakt größer.

Du glaubst, dass die zukünftigen Generationen die von uns verursachten Probleme (Ressourcenverbrauch, Wasserverfügbarkeit und Wasserqualität, Atommüll, …) durch den Einsatz von Technologie und Geld lösen wird.

Eine der Höchststrafen in dieser Kultur ist die Arbeitslosigkeit, keiner will deine Qualifikation haben. Du bekommst ausgesprochen oder unausgesprochen das Etikett wertlos, ohne Wert für unsere Marktwirtschaft. Du bist ein schlechter Konsument, bist ein Kostenfaktor. Damit ist deine Identität geklärt.

›Selbst denkend‹ deine Identität festzulegen, ist dies der anstrengendere Weg. Ein Weg mit großem Widerstand. Selbst denken ist nur solange erlaubt, wie du in den Bahnen der Vordenker bleibst. Solange du das wiederkäust, was andere bereits gedacht haben, ist alles gut.

Was kannst du tun, um authentisch zu sein? Den Weg weist Konfuzius:

»Der edle Mensch findet Freude in sich selbst,
während der gemeine sich nur freut,
wenn er von anderen anerkannt wird.«Konfuzius

Der erste Schritt authentisch zu sein, ist sich selbst zu erkunden, sich selbst zu erkennen. Die Griechen nannten es ›Gnothi seauton‹. Bezeichnender Weise steht es über den Apollotempel von Delphi, auf dem Weg zum Orakel von Delphi.

Ray Grieg (‘Das Tao des Seins’, S. 59) bemerkt:

»Wenn nicht einmal die Tiefen des Selbst verstanden werden können, wie soll dann irgend etwas anderes verstanden werden?«Ray Grieg

Anders gesagt, wer sich seine Identität von Anderen vorschreiben lässt, hat keine eigene Meinung.

Ein Teil des Erkenntnisprozesses ist der ständige Wandel des Selbst. Wenn du dich erkannt zu glauben scheinst, hat dich diese Erkenntnis schon verändert. Du erkennst, dass es dich als festgelegte Identität nicht gibt. Alles fließt: ›Panda rhei‹.

Einen Ausweg aus diesem Fluß des Lebens bietet Benedictus de Spinoza:

»Sein, was wir sind, und werden, was wir werden können, das ist das Ziel des Lebens.«Benedictus de Spinoza

Nicht zu fragen „Wer bin ich?“, sondern anzuerkennen wer du bist, dies anzunehmen und dein Handeln an dem orientieren, was du gerne sein möchtest. Fasse dies nicht als ein Problem oder eine Aufgabe auf, sondern als das Geheimnis deines Lebens, als spielerische Erkundung deiner Möglichkeiten (nach Gabriel Marcel:  »Das Leben ist ein Geheimnis, das gelebt und nicht ein Problem, das gelöst werden muss.«).

In diesem Lebensspiel der Möglichkeiten, erkennst du vielleicht, dass dein soziales Umfeld nicht zu dem passt, was du bist und was du sein möchtest. Die Beziehungen und Begegnungen in deinem Leben passen nicht mehr zu dir. Indem du dich veränderst, werden sich deine Begegnungen und deine Beziehungen verändern. Mit Mut zum Risiko erkundest du unbekannte Wege, lernst neue Menschen kennen – entdeckst dich neu.

Du schenkst dir Anerkennung für deinen Mut, für deinen Weg, für dein Sein. Du lebst aus der Überzeugung heraus, du selbst zu sein, mit all deinen Fehlern, mit all deinen Irrtümern, mit all deinen Unglücksmomenten und mit allem, was du bist.
Wenn du dich selbst anerkennst, wirst du unabhängiger von der Anerkennung durch andere (Menschen, Dingen, Konsum).

Du bist authentisch, du handelst aus deinem sich ständig wandelnden Wesenskern heraus. Wie dein soziales Umfeld reagiert, nimmst du wahr. Aber dein Selbstwert ist von dieser Reaktion nicht abhängig .

Du sorgst für deine Bedürfnisse – und hast dein soziales Umfeld dabei im Blick.

Bist du ein Rat-Schläger?

Manchmal beginnt es mit „Wenn ich Dir einen Rat geben darf, …“. Wenn der Ratschlag erteilt wurde, folgt „Ich habe es doch nur gut mit Dir gemeint!“ oder später: „Ich habe es Dir doch gleich gesagt!“. Kennst du diese Aussagen? Bist du gerne ein Ratschläger? Wie fühlst du dich, wenn dir ein Ratschlag erteilt wird? Lohnt es sich Ratschläge zu geben? Auf was achtest du bei einem Ratschlag?

Einige verpacken den Ratschlag als freundschaftlichen Dienst: „Ich gebe dir einen freundschaftlichen Rat.“ Dabei ist Freundschaft das Sein unter Gleichen. Jeder Ratschlag definiert jedoch den Wissenden (den Ratschläger) und den Unwissenden (den Empfänger des Ratschlags) – also ein Ungleichgewicht.

Eindrucksvoll belegt dies das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. Im Zusammenhang mit dem Wort ›Ratschlag‹ tauchen folgende Personengruppen auf – die Größe des Wortes symbolisiert die statistische Häufigkeit.

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Viele dieser Personengruppen sprechen mit einer ›vermeintlichen‹ Informationsmacht (z. B. Analysten, Lehrer, …) oder aus einer definierten Aktionsmacht (z. B. Polizei, Eltern, …). Ratschläger mit Informationsmacht arbeiten oft mit Angst, mit Aktionsmacht ausgestattet sind Ratschläger oft Befehlende, Strafende.

Ratschläge definieren immer ein Ungleichgewicht in einer Beziehung.

  • Ich wissend, du unwissend.
  • Ich helfe, dir wird geholfen.
  • Ich Objekt, du Subjekt.
  • Ich weiß, was gut für dich ist.

Der Wissende unterstellt, dass seine Einschätzung, seine Analyse der Situation, der des Anderen überlegen ist. Diese Überlegenheit wird mit Erfahrung, Wissen, Lebensalter, Macht (Position) oder Intelligenz begründet. Um seinem Ratschlag Bedeutung zu verleihen, erfolgt oft eine Kombination mit einer Warnung. Typisch sind Wenn-dann-Aussagen „Wenn du …, dann …“. Der Ratschläger formuliert seinen Rat meist absolut, ohne einen Zweifel an der Richtigkeit aufkommen zu lassen.

Johannes Schopp und Jana Marek verweisen auf Hendricks und den wundervollen Begriff des ›Instandsetzungsfilters‹ und sprechen von der Reparatur-Mentalität:

»Deshalb beschreiben wir unsere Arbeit heute so: die Menschen sehen, sie würdigen, mit Achtsamkeit hinhören ohne einen ›Instandsetzungsfilter‹, immer wieder hinsehen, hinspüren und radikal respektieren, wie und für was sie sich entscheiden (wollen). »Was würde geschehen, wenn wir unsere Reparatur-Mentalität für eine Weile losließen?«Johannes Schopp, Jana Marek

Die Geisteshaltung des Ratschlägers, der ›Instandsetzungsfilter‹ ist aus mehreren Gründen fragwürdig:

Jeder Mensch ist einzigartig. Jeder verfügt über andere Gene, eine unterschiedliche Erziehung, spezifische Erfahrungen, seine Bedürfnisse, eine individuelle Situation, persönliche Werte, Ziele, Glaubenssätze und Annahmen. Das alles in seinem charakteristischen Umfeld, d. h. den Menschen, die ihn begleiten, den Orten, die er aufsucht, den Einflüssen, der er täglich aufnimmt.

Obwohl sich jeder am besten kennt (seine Wünsche, Hoffnungen, Annahmen …), fällt es den meisten Menschen schwer, für sich selbst die richtigen Entscheidungen zu treffen (also sich selbst die richtigen Ratschläge zu geben). Anderen Ratschläge zu geben, also Menschen, die man nicht so gut kennt, ist deshalb ein Glücksspiel mit geringer Erfolgsaussicht.

Kein Mensch kann die Zukunft vorhersagen. In unserer komplexen Welt ist die Zukunft unsicher. Das erforderliche Wissen ist nicht bekannt, geschweige, dass es eine Person besäße. Jeder hat einen kleinen, ganz kleinen Teil der Wahrheit (auch wenn manche glauben, sie hätten den großen Teil der Wahrheit). In dieser komplexen Welt Ratschläge zu geben, ist eine Anmaßung.

Der Mensch ist zu sehr in seiner eigenen Welt gefangen. Er verwechselt seine Sicht auf die Welt mit der Welt an sich. Was für einen Menschen gut ist, kann für einen anderen Menschen schlecht sein.

Zuletzt suchen viele in der ›eigenen Vergangenheit‹ nach den Lösungen für die ›Zukunft anderer‹. Dabei haben Menschen eine unterschiedliche Vergangenheit und unterschiedliche Erwartungen an die Zukunft. Deshalb eine doppelte Fehlannahme.

»Das Bestreben, unser bereits vorhandenes Wissen zu bestätigen und zu untermauern, weicht der Bereitschaft, Urteile und festgefügte Experimentierfreude auf die Konfusion und das Geheimnis dessen, was da kommen mag, ein, ohne zu wissen, was wir vielleicht entdecken werden. Alles, was ist, heißen wir willkommen, nehmen wir an und kosten wir aus. Wir verlangsamen unser Tempo und lassen automatische Reaktionen los, die uns sonst immer gleich sagen, was etwas ist und was es zu bedeuten hat.«Greg Johanson, Ron Kurtz

Johanson, Greg , Kurtz, Ron. Sanfte Stärke : Heilung Im Geiste Des Tao Te King. München: Kösel, 1993, S. 31

Neben diesen Schwierigkeiten besteht eine Grundherausforderung bei Ratschlägen: Die Unterscheidung zwischen gewollten Ratschlägen und ungewollten Ratschlägen.

Ungewollte Ratschläge sind überflüssig und schädlich. Sie bewirken nichts, verschlechtern die Beziehung und erschweren einen weiteren Austausch zwischen Menschen. Mögen sie auch gut gemeint sein, ungewollte Ratschläge schaffen Distanz. Vermeide sie.

Gewollte Ratschläge sind ein heikles Thema. Selbst in bester Absicht können sie großen Schaden anrichten. In Unkenntnis der Situation, der Ziele, Bedürfnisse, Annahmen, kann ein Ratschlag aus Sicht des Ratsuchenden unverständlich klingen oder bei der Umsetzung in die Katastrophe führen. Wer wird in einem solchen Fall verantwortlich gemacht? Meist der Ratschläger („Du hast doch gesagt, dass ich …“).

Kannst du einen Ratschlage nicht vermeiden? Ratschläge brauchen Zeit, keine Ratschläge zwischen Tür und Angel. Versuche den Ratsuchenden zu verstehen. Kläre genau die Frage des Ratsuchenden, warum er diese stellt, was er von deinem Rat erhofft, warum er den Rat von dir möchte. Erfahre mehr über die Umstände der Situation. Wenn du den Ratsuchenden besser verstehst, erläutere deine Werte, Ziele und Annahmen, die bei der Raterteilung für dich wichtig sind. Abschließend kannst du verschiedene Handlungsoptionen als Frage darlegen, bewertet mit den Kriterien, die für den Ratsucher wichtig sind („Wie fühlt es sich für dich an, wenn du …?“). Jeder Rat als Einladung selbst darüber nachzudenken, selbst neue Erkenntnisse zu erlangen, selbst neue Möglichkeiten zu erkunden.

Ein schöneres Wort für diese gemeinsame Erkundung ist ein ›Gedankenaustausch‹. Statt Ratschläge zu gewähren, lade andere ein mit dir Gedanken zu einer Frage, einem Thema auszutauschen. Jeder bringt sich, mit all seinem Sein, mit ein.

Wie reagierst du das nächste Mal, wenn jemand zu dir sagt:
„Wenn ich Dir einen Rat geben darf, …“

Ist dir Umweltschutz wichtig?

Werbung spiegelt unsere Gesellschaft sehr gut wider. Biologische Lebensmittel, Mobiltelefone, Urlaub, Pausensnacks (…) und die Umwelt. Das ist uns wichtig. Dafür wird geworben, weil die Werbemacher hoffen, dass wir auf diese Themen anspringen und diese Produkte, Dienstleistungen kaufen. Vor allem die Umwelt, für die tun wir ›fast‹ alles. Umweltschutz, ein ganz, ganz großes Thema in Deutschland, zumindest auf dem Papier. Dabei ist Umweltschutz, ein leeres, ein falsches Wort.

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Machst du dir was vor?

Stellst du dir manchmal die Frage nach dem Sinn des Lebens? Dann kennst du folgende Fragen: Warum bin ich hier? Was mache ich aus meinem Leben? Wer bin ich eigentlich? Warum bin ich, wie ich bin? Warum bin ich nicht, wie ich gerne wäre? Spannende Fragen, zweifellos – doch unabhängig von den Antworten, was macht es mit dir, dass du dir diese Fragen stellst?

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